Zumindest in der deutschen Übersetzung der Liturgiekonstitution des II. Vatikanums kommt das Wort ‚kitschig‘ vor. Von den Gotteshäusern sollen Werke ferngehalten werden, „die das echt religiöse Empfinden verletzen, sei es, weil die Formen verunstaltet sind oder weil die Werke künstlerisch ungenügend, allzu mittelmäßig oder kitschig sind.“ (SC 124)

Im aktuellen Kunstdiskurs hat der Begriff ‚Kitsch‘ viel von seinem kritischen Potential eingebüßt, nachdem Künstler wie Jeff Koons sich damit spielen und Kitsch quasi hoffähig gemacht haben. In einer völlig pluralisierten Welt, in der die Wächter der Kunst oft nur noch Wächter der Pluralität selbst sind und über Werte kaum noch diskutiert werden kann, verliert der Begriff seine Mahnkraft. Doch mit Kitsch kann man nur spielen, weil es eben Kitsch ist oder man ergibt sich der Devise des ‚anything goes‘.

Die christliche Bildtradition war über viele Jahrhunderte der zentrale Fokus der Entwicklung der Kunst und die Schätze unserer Kirchen gehören zum christlichen Weltkulturerbe. Mit dem Ende des 18. Jahrhundert hat die Kirche ihre Rolle als künstlerisches Leitmedium verloren. Auch das Bürgertum als neuer Träger der Kunst im 19. Jahrhundert flüchtete sich in Historismen und ermöglichte erst die Entstehung des Kitsches. Doch die Bildgeschichte Gottes darf mit dem 19. Jahrhundert nicht einfach enden und bleibt für uns heute eine Herausforderung, will man sich nicht dem Trend der Beliebigkeit aussetzen. Zudem geht es nicht nur um Kunst allein, sondern auch um das religiöse Empfinden, das, zumindest laut Konzil, durch mittelmäßige oder kitschige Werke verletzt werden oder Formen weniger gesunder Frömmigkeit annehmen kann.

In der ostkirchlichen Tradition stellt sich die Frage anders, denn dort ist eben nicht gefordert, dass eine Ikone originell sei oder neu, Spielraum für Interpretationen zulässt und keine Stereotype wiederholt. Die Ostkirche hat allerdings ein anderes Verständnis des religiösen Bildes, das möglichst immer gleich ein vermeintliches Urbild abbilden soll. Der westliche Zugang zum sakralen Bild ermöglichte und förderte die Entwicklung der Kunst selbst. Zusammen mit der heute problemlosen Reproduzierbarkeit von Bildern als Massenware wäre der Verzicht auf ästhetischen Anspruch ein Bruch mit der kirchlichen Tradition und nicht nur aus künstlerischer Sicht verhängnisvoll. Künstlerische Kriterien für Kitsch können die Experten liefern, theologisch geht es auch um die Frage der Frömmigkeit, die hinter dem Umgang mit gewissen Bildern steht.

‚Ein Bild ist ein Bild‘ und nichts anderes, das war immer schon die westliche Zurückhaltung in der Frage der Verehrung von Bildern beginnend mit Augustinus. Wir können gar nicht anders, als uns Bilder zu machen und wir dürfen es, aber wir müssen uns der Bildhaftigkeit als solcher bewusst bleiben. Dazu gehört, dass der Versuch, das Unaussprechbare in Bildern auszudrücken, nur ein offener Prozess sein kann, da sonst Kunst zur Bildmagie wird. Auch wenn in der aktuellen Situation zwischen der Kunst und dem Gottesvolk Gräben bestehen, so ist die Situation eine glaubensästhetische Herausforderung, die nicht durch Flucht in den Kitsch umgangen werden sollte.

Eine Grenze, die die Kirche in der Bilderfrage immer strikt gezogen hat, ist die zwischen der Verehrung und der Anbetung (Idolatrie) eines Bildes. Hier wirkt auch das alttestamentliche Kultbild-Verbot als Korrektiv heilsam weiter. Bilder können eine Hilfe, eine Unterstützung sein im Glauben, oder gemäß der Scholastik der Unterrichtung, dem Gedenken und der Andacht dienen, aber sie dürfen nicht Gegenstand des Glaubens werden. Alex Stock definiert Idolatrie als „abergläubische Materialmagie“22 und zitiert das Konzil von Trient, das zu den Vorwürfen Calvins festhielt, dass es nicht so sei, „als ob man glaube, es sei in ihnen [den Bildern] etwas Göttliches oder eine Kraft, derentwegen sie zu verehren seien, oder weil von ihnen etwas zu erbitten sei oder weil Vertrauen in die Bilder zu setzen sei, wie es einst bei den Heiden geschah, die ihre Hoffnung in Götzenbilder setzten.“23

Zumindest von religiösem Kitsch kann man dort sprechen, wo der Glaube an das Evangelium über konkrete Bilder zu einem verdinglichten Heilsversprechen wird, wo die christliche Hoffnung nicht mehr als Hoffnung, sondern als vermeintliche Gewissheit verkündet wird.