Martin Luthers Thesenanschlag (1517) war vorerst eine unmittelbare Reaktion auf Missstände in der Katholischen Kirche während der Renaissance-Zeit, nicht zuletzt der Ablasshandel rund um den Bau der neuen Peterskirche in Rom. Im Zuge der Reformation kam es in weiterer Folge zur großen Kirchenspaltung im westlichen Christentum. Das Konzil von Trient (1546–1563) war zwar ein Reformkonzil, kam aber zu spät, um die Spaltung zu verhindern. Der Jesuitenorden unter der Leitung seines Gründers Ignatius von Loyola übernahm die führende Rolle in der Gegenreformation: Die Kirchen sollten reformiert, die Gläubigen in religiösen Fragen unterrichtet und möglichst viele abgesprungene Gebiete zur Katholischen Kirche zurückgebracht werden. Konfessionelle Gegensätze verbunden mit teilweise sehr wirren und widersprüchlichen europäischen Machtkämpfen führen bald darauf zum Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, der viel Leid, Not und Zerstörung über weite Gebiete Europas brachte.

Wie schon in der Renaissance gingen auch im Barock die ersten Impulse von Italien aus. Die Jesuitenkirche Il Gesú in Rom (1584) gilt als die erste Barockkirche und symbolisierte die neu gewonnene Macht der Katholischen Kirche im Zuge der Gegenreformation. Die Ausbreitung des Barocks nördlich der Alpen wurde nicht zuletzt durch den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges verzögert, entwickelte aber gerade im süddeutschen Raum (auch durch die Bregenzerwälder Barockbaumeister) eine sehr lichte, sinnenfreudige und spielerische Variante des barocken Kirchenbaus.

Absolutistisches Zeitalter
Die Zeit des Barocks deckt sich weitgehend mit dem absolutistischen Zeitalter. Die neu gewonnene Macht der Kirche verband sich im 17. Jahrhundert wieder mit der weltlichen Macht zu einer gemeinsamen Machtentfaltung. Die Ausmaße der barocken Bauten, die Gliederung der Räume und die Pracht der Dekorationen propagierten auch die Autorität ihrer Auftraggeber. Für über eineinhalb Jahrhunderte wird der Barock in Europa zu einem übergreifenden Lebensgefühl, das die Bauformen ebenso bestimmt wie die gesamte Kunst, die Musik, das Theater, die Literatur, die höfischen und kirchlichen Feste, das Mobiliar, die Kleidung, die Haartracht und sogar die Sprechweise. Damit ist die Barockzeit bis heute die letzte einheitliche Stilform, die für ganz Europa nach durchgängigen Kriterien definiert werden kann und damit eine Vielfalt der Bedürfnisse der Zeitgenossen abdeckt. Auch weltanschaulich ist die Barockzeit die letzte, in der man noch von einem einheitlichen Weltbild reden kann, bevor Kirche und Welt, Religion und Wissenschaft auseinanderbrechen.

Die Ellipse von Kirche und Welt
Der Barock ist eine Epoche, die gleichsam immer im Spannungsfeld zweier Pole steht; vielleicht wird deshalb auch die Ellipse zu einem zentralen Element des Kirchenbaus. Auf der einen Seite steht eine noch nie dagewesene Weltfreudigkeit und Sinnlichkeit und gleichzeitig ist es eine tiefreligiöse Epoche und vermag diese vermeintlichen Gegensätze gerade im Kirchenbau miteinander zu verbinden. Es ist eine Epoche, in der absichtsvolle Strenge, unbedingte Symmetrie, klare Ordnung, Mathematik und Naturwissenschaften eine große Rolle spielen und in der gleichzeitig eine starke Gefühlsbetontheit herrscht, der Sinnenrausch manchmal fast überhandnimmt und es im religiösen Bereich zu einer nahezu rauschhaften Inbrunst zum Göttlichen kommt. Rationale Erkenntnis und religiöse Verehrung schließen sich nicht aus, sondern stehen in einer fruchtbaren Spannung. Der Bereich des Weltlichen und des Kirchlichen driften nicht auseinander, sondern sind miteinander über die Religion verschränkt. Auch in weltlichen Bauten gilt die Transzendenz als Quelle der Pracht und Johann Sebastian Bach schreibt auch unter eine weltliche Kantate die Widmung: Zur größeren Ehre Gottes (Ad majorem Dei gloriam).

Zu allem hinzu kommt ein gewisser Hang zur Theatralik und es ist nicht verwunderlich, dass genau in dieser Zeit neben Shakespeare, Moliere u.a. auch die Oper entsteht. Die Barockoper vereinigt im Grunde alles, was das barocke Lebensgefühl ausmacht: Architektur, Musik, Sprache, Literatur, antike Mythen, Kostüme und illusionistische Malerei. In den großen Kirchenbauten wird das barocke Welttheater gleichsam zu einem großen Himmel-und-Welttheater von Gott und Mensch (theatrum sacrum; Siebenrock: „Ballsaal der Gnade“). Transzendenz und Diesseitigkeit verbinden sich, das Unsichtbare soll sichtbar gemacht werden und im Sichtbaren wird das Unsichtbare verehrt.

Die illusionistische Einheit
In diesem Sinn werden im barocken Kirchenraum Architektur und Bildraum (Malerei, Plastik, Stuckatur) zu einer noch nicht da gewesenen, illusionistischen Einheit verbunden. Der obere Raumabschluss wird durch die himmlische Illusionsmalerei gesprengt. Die Decke ist keine Decke mehr, sondern es scheint vielmehr direkt in den Himmel hinaus zu gehen, womit auch die Grenze von Innenraum und Außenraum verschwindet. Das Übernatürliche tritt unmittelbar in Erscheinung, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Erscheinung scheint zu schweben. Der irdische Kirchenraum ist wie in eine himmlische Sphäre entrückt.

Da es um die räumliche Gesamtwirkung geht, entstehen neue Bauformen. Die Säulenreihen einer Basilika wären mit dieser Gesamtwirkung nicht zu vereinbaren. Die Säulenreihen rücken gleichsam auf die Seite und so entsteht die Wandpfeilerkirche, einschiffige, gewölbte Kirchenbauten, in denen an die Wand gebundene Pfeiler den Innenraum gliedern. Wenn die Wandpfeiler von den Wänden her in das Kircheninnere ragen, entstehen an den Längswänden zwischen den Pfeilern einzelne Raumteile (halbrunde oder rechteckige Nischen, Konchen, Seitenkapellen), die aber die Gesamtwirkung nicht stören, sondern eher zur ‚einheitlichen Unüberschaubarkeit‘ beitragen.

Aus ähnlichen Gründen verlieren die Querschiffe zunehmend ihre Bedeutung und auch die Chorkapellen in der Apsis: der theatrale Raum muss ein einheitlicher und einsehbarer sein. Zudem hat das Konzil von Trient den zentralen Hochaltar vorgeschrieben, womit die Apsis ihre eigenständige Funktion verliert und der Tabernakel im Altarbereich des Hochaltars entsteht. Der Altar selber wird zu einer Art sakraler Theaterbühne, die Fokus und Zentrum des Ganzen ausmacht. Nach den Wandpfeilerkirchen entwickeln sich einheitliche Saalkirchen und nicht zuletzt kommt es zu einer Wiederbelebung des Zentralbaus, der im Hoch- und Spätbarock als Idealfall der Raumeinheit gilt. Die Grundideen von Lang- und Zentralbau verbinden sich dann im längsovalen, elliptischen Raum.

Das heilige Theater
Der Versuch, im Kirchenbau Himmel und Erde miteinander verschmelzen zu lassen, führt im Barock zu einer fast sinnenverwirrenden Grenzverwischung von Schein und Wirklichkeit, von Realem und Irrealem. Zentrales Element ist dabei das große Deckengemälde in seiner barocken Bewegungsfülle, das sich oft von der Decke bis weit in die Seitenwände herabzieht und manchmal in plastische Ausformungen (Stuck, Figuren) übergeht. Die Komposition eines barocken Kirchenraums ist ein reich bewegtes, triumphales Schauspiel, das in jeder Kirche seine eigene Dramaturgie hat, die auch durch den Einfall des Lichtes betont und bewegt wird. Die übernatürliche Glaubenswirklichkeit wird den Menschen in diesem ‚heiligen Theater‘ als wunderbares, visionäres und zugleich konkretes Geschehen nahegebracht.

Das Rokoko
Das Rokoko ist eine Variante des Spätbarocks, die keine eigenen besonderen Merkmale einbringt, sondern die Ideen des Barocks nur noch verspielter und illusionärer variiert. Klare Abgrenzungen zwischen Barock und Rokoko sind deshalb nicht immer möglich und es kommt auch nicht überall zu dieser Weiterentwicklung. Das Tektonische, Schwere, Gesetzmäßige eines Baus wird im Rokoko noch mehr überspielt in einen wirbelnden, tosenden Reigen verwandelt, der eine Ahnung von der Wirklichkeit des Himmels vermitteln und die Gläubigen überwältigen und verzaubern möchte.

Subjektive Wahrnehmung
Die barocke Baukunst hat einen stark ‚subjektiven‘, sinnlich erlebnis-bezogenen Charakter. Das ganze Wissen und Können, alle Wissenschaften werden eigesetzt, um die Menschen zu verzaubern. Barocke Kirchenbauten sind weniger pädagogisch ausgerichtet, sie wollen nicht belehren, sondern schlichtweg überrumpeln. Die Früchte von Erlösung und Gnade werden nicht aufgezählt, sondern sollen auf den ersten Blick sichtbar werden. Für nüchterne, moderne Menschen mag das heute etwas viel auf einmal sein, andererseits hat es kaum einmal eine derartige Verbindung von Religion und Sinnlichkeit gegeben. Die Wirkung auf die Menschen damals war zweifellos noch viel größer, da wir heute viel mehr gewöhnt sind. Eine prächtige Rokoko-Kirche war für die Menschen von damals eine Art spirituelles IMAX-Kino, das alle Sinne überrumpelt.

Architektonische Merkmale
Plastik und Malerei