Margaritha Matt leitet seit 2015 das Haus Said in Bregenz – eine Caritas-Einrichtung, in der unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein erstes Zuhause finden. Wenn sie von ihrer Tätigkeit berichtet, strahlt sie über beide Ohren und es scheint eine österliche Botschaft der besonderen Art zu sein…

„Said“ ist Arabisch und bedeutet „der Glückliche“. Der Name des Hauses in Bregenz komme nicht von ungefähr, erzählt Margaritha Matt: MitarbeiterInnen, Freiwillige und Nachbarn hätten ihn gemeinsam gewählt, weil er Motto ihrer Arbeit sein soll – und den „Jungs“ ein gutes Omen. Ihnen wenigstens ein paar Momente des Glücks ermöglichen – das sei das erklärte Ziel.

55 junge Männer im Alter von 15 bis 18 Jahren haben seit Dezember 2015 im Haus gewohnt. Die, die schon wieder ausgezogen sind – weil sie 18 Jahre alt geworden oder zu Angehörigen in ein anderes Bundesland gezogen sind – kehren regelmäßig zu Besuchen zurück. „Sogar aus Wien!“, erzählt Matt, Leiterin der Einrichtung. Das sei nicht nur ein schönes Kompliment für ihre Arbeit, sondern auch ein Zeichen, dass das Haus den jungen Geflüchteten eine echte Basis bieten konnte – eine Art Start-Familie und Verwurzelung in Vorarlberg. Bis September 2017 sei man mit durchgängig mit 37 jugendlichen Bewohnern voll belegt gewesen, seither seien die Zahlen rückläufig. Aktuell leben 31 Jugendliche im Haus Said.

Die Stimmung im Haus sei sehr gut, geprägt von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und einem guten Miteinander, erklärt Matt: „Wir begrüßen uns mehrfach am Tag per Hand, tauschen uns aus, besprechen Ernstes und lachen viel.“ Regeln, an denen sich alle orientieren, seien Grundlage für die Zusammenarbeit und gerade für Jugendliche wichtig, um wachsen und lernen zu können. „Und natürlich müssen die Jungs immer mal wieder ausprobieren, ob wir auch Wert auf die Einhaltung dieser Regeln legen“, erzählt sie und lacht: „Ja: tun wir!“ Selbstverständlich gebe es neben vielen schönen Erlebnissen auch besonders schwere Momente – zum Beispiel wenn ein Asylverfahren negativ beschieden werde, ein Bewohner die Mitteilung bekommt, dass ein Familienmitglied bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen ist oder wenn man erfahre, dass ein Ehemaliger, der bestens integriert war in Vorarlberg, nach Afghanistan abgeschoben wurde und in sehr bedrohenden Verhältnissen lebt. Der Respekt dafür, wie „ihre Jungs“ die oft äußerst schwierigen Situationen meistern und einen guten Weg nähmen, sei enorm, sagt Matt. Auch das Netzwerk aus über 80 Freiwilligen/Ehrenamtlichen, Spender/innen und Nachbarn sei dafür essentiell: „Nur durch ihre besondere Zuwendung bekommen unsere Jungs das wichtige Gefühl, willkommen zu sein.“

Margaritha MattMargaritha, macht es Sinn für eine Sache zu sterben?
Sterben macht aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn ein Mensch ein erfülltes Leben geführt hat und bereit ist loszulassen. Ansonsten kann ich keinen Sinn darin erkennen – schon gar nicht, wenn es um Krieg, Gewalt, Rassismus oder andere vollkommen sinnlose Gräueltaten geht, die sich Menschen leider immer noch einfallen lassen. Für unsere Jungs sind Familienbande, Freundschaft, Stolz und Ehre sehr zentrale Themen und sie gehen mit Tod – natürlich aufgrund ihrer Erfahrungen – ganz anders um als wir. Sie sind z. B. jederzeit bereit, alles für ihre Familie oder ihre Freunde zu geben – notfalls auch das Leben. Auf ihrer Flucht haben sie es quasi täglich aufs Spiel gesetzt – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa. Nach zwei Jahren in Österreich sagen manche: „Ja, es hat sich gelohnt.“ Andere sind enttäuscht – dass es doch nicht so ist wie in ihrer Vorstellung oder weil sie alles getan haben, um hier in Österreich einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und trotzdem abgeschoben werden. Ein Jugendlicher, der mittlerweile achtzehneinhalb Jahre alt ist und nach Afghanistan abgeschoben wurde, kämpft wieder darum, sein Land zu verlassen. Auf keinen Fall zurück nach Österreich – mit uns ist er „durch“. Er will zu seinem Bruder in die Türkei, weil er in Afghanistan seines Lebens keine Minute sicher ist. Auf der Flucht natürlich auch nicht, aber das Risiko nimmt er in Kauf.

Macht es mehr Sinn, für eine Sache zu leben?
Unbedingt – für seine Ideale und für seine Zukunftsperspektive! Auch, wenn es nicht immer leicht ist, auf Kurs zu bleiben – zum Beispiel, weil man feststellt, dass man das eine große Ziel vielleicht nicht ganz erreicht, oder weil es sich im Laufe des Weges ändert. Leider ist der für manche mehr Kampf als Leben: Zuerst im Heimatland, wo man mit der ständigen Angst lebt, getötet zu werden, weil man z. B. nicht den Idealen des IS folgt, und dann nach der Flucht in Österreich, wo man ausgegrenzt und angepöbelt wird, man solle das Land doch endlich verlassen, hier gehöre man nicht her. Da braucht es eine starke Persönlichkeit, um sich trotzdem nicht abbringen zu lassen von seinem Weg.

Wofür bist du persönlich bereit zu leben?
Für mich macht es Sinn, genau diese Dinge aufzuzeigen, immer wieder zwischen den Kulturen zu vermitteln und zum Nachdenken anzuregen. Vorurteile ändern sich, wenn man bereit ist, die „andere Seite“ kennenzulernen. Natürlich bin ich auch bereit, für meine Familie zu leben – vor allem aber sehe ich meinen Lebenssinn in einem solidarischen Miteinander: Uns geht es gut. Aus meiner Sicht haben wir die Pflicht, zu teilen – Geld, Zeit, Nahrung und Unterkunft. Es müssen keine großen Beiträge sein, manchmal reicht ein freundliches Wort in einer Begegnung. Erst, wenn wir Menschen vom Rande in die Mitte holen, fühlen sie sich wertgeschätzt, bekommen „(Be-)Achtung“ und werden bereit sein, wiederum ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Wenn Menschen sich abgelehnt fühlen, verschließen sie sich, suchen vielleicht die Nähe zu Vereinigungen, die nicht für ein friedliches Miteinander stehen, und die Konflikte verhärten sich dadurch nur noch mehr.
Ich bin sehr dankbar, dass ich seit über 12 Jahren bei der Caritas meine Wertehaltung auch beruflich leben darf. Es gibt für mich keinen größeren beruflichen Sinn, als Menschen in Not zu unterstützen.

 

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