
Tom Sojer: Lichtdurchlässig.
Moderne Erzählungen zu biblischen Begegnungen
ISBN 978-3-290-18750-7 | EUR 22,00
Andreas Haller
Im Jahr 1925 begannen die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig unter schwierigsten Bedingungen ein außergewöhnliches Übersetzungsprojekt – geprägt von der schweren Krankheit Rosenzweigs sowie der zunehmenden politischen Bedrohung. Ihr Anliegen war es damals nicht, die Bibel zu modernisieren, sondern eine deutsche Sprache zu finden, die den Klang und Rhythmus des Hebräischen trägt. Vertraute Verse sollten so neue Tiefe gewinnen. Wo die Einheitsübersetzung beispielsweise in Genesis 1 beim hebräischen "Tohuwabohu " von "wüst und wirr" spricht, heißt es bei Buber und Rosenzweig: "Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal."
Diese Entscheidung ist Ausdruck von Bubers dialogischem Denken. Sprache soll nicht erklären, sondern ansprechen; sie soll das Du hörbar machen. So wird Sprache mehr als ein Mittel der Vermittlung: Sie wird zum Raum der Begegnung – zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Gott. Die Nähe zur hebräischen Ausdrucksweise öffnet einen Bedeutungsraum, der nicht festlegt, sondern Beziehung stiftet.
Hier knüpft der Theologe Tom Sojer in seinem Buch „Lichtdurchlässig. Moderne Erzählungen zu biblischen Begegnungen“ an. In siebzehn literarischen Erzählungen und kurzen Reflexionen bringt er biblische Begegnungsszenen in die heutige Lebenswelt. Sojer fragt: Was geschieht, wenn sich Menschen begegnen? Und was, wenn es Gott ist, der uns begegnet? Diese Frage hat Buber ein Leben lang bewegt, und sie durchzieht auch die Erzählungen Sojers.
Die Geschichten orientieren sich an biblischen Figuren wie Abraham, Hagar, Hanna oder Hiob, lassen diese jedoch nicht als ferne Gestalten erscheinen, sondern spiegeln ihre Begegnungen in Alltagssituationen. So wird die Bibel nicht bloß zitiert, sondern neu erlebbar gemacht – als Sprache, die offenhält und einlädt.
Die Erzählungen spielen an Alltagsorten, in einfachen Gesprächen oder Momenten des Wartens, Zweifelns und Hoffens. Gerade im scheinbar Gewöhnlichen zeigen sich lichtdurchlässige Momente: Augenblicke, in denen das Gewohnte nicht unterbrochen, aber neu durchlässig wird – für Nähe, Präsenz und Beziehung. So entsteht ein vielfältige Verbindung zwischen biblischer Tradition und heutiger Lebenswelt. Was bleibt, ist nicht eine fertige theologische Antwort, sondern der Klang des Du, das unverfügbar bleibt und doch zutiefst berührt.
Sojers Erzählweise ist vom magischen Realismus geprägt. Es geht ihm dabei nicht um spektakuläre Effekte, sondern um jene leisen Momente, in denen sich im Alltäglichen ein Spalt öffnet. Diese Nähe ist kein Zufall: Schon die chassidischen Geschichten, die Martin Buber gesammelt und gedeutet hat, arbeiten mit ähnlichen Mitteln. Magischer Realismus entwirft keine Gegenwelt zur Realität. Er widerspricht nicht den Regeln der Wirklichkeit, sondern lotet ihre Ränder aus. Die Welt bleibt dieselbe – und zeigt doch mehr, als wir gewöhnlich wahrnehmen. Darin unterscheidet sich dieser Ansatz deutlich vom Surrealismus oder von Fantasy.
„Lichtdurchlässig“ ist kein theologisches Lehrbuch, sondern eine Einladung: offen zu bleiben für das Du, das uns begegnet, im Alltag, im Wort, im anderen Menschen – und so jene Tiefe wieder wahrzunehmen, die Sprache als Begegnung erst ermöglicht.
Tom Sojer, geboren 1988, ist Leiter der Bücherei Hohenems, Religionslehrer an zwei Vorarlberger Schulen und Mitbegründer der Forschungsstelle Sprachkunst und Religion an der Universität Erfurt.
ISBN 978-3-290-18750-7 | EUR 22,00