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Das Kreuz ist der Urknall

Pfarrer Peter Mathei schreibt über die inneren Heilswirklichkeiten des Menschen. Die Feindschaft ist getötet in dem Sinne, dass sie nicht mehr Macht über uns hat.

 

von Pfarrer i. R. Peter Mathei

 

In dem Bericht von einem Gebet mit dem Papst um Frieden heißt es: „Im Mittelpunkt der Meditation standen die Leiden Jesu, der mit seinem freiwilligen Tod am Kreuz alle Feindschaft überwand…“ Dieser letzte Satz erinnert uns an den Epheserbrief: „Er ist unser Friede … Er versöhnte Juden und Heiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet (Eph 2,12ff). Das lässt uns alle denken an eine Feindschaft von menschheitlicher Bedeutung: Die unverhüllte Feindschaft des (islamistischen) Islam gegen Israel und das Judentum. Aber was heißt obiges Wort von Paulus: „Er hat die Feindschaft getötet?“ Denn wir sehen doch: Die Feindschaft sowohl im Zwischenmenschlichen wie in der Welt ist vor allem im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte noch angewachsen.


Der Philosoph Robert Spaemann schreibt: „Mit der (geistig-mystischen) Vernichtung der Feindschaft durch Christus ist das Phänomen der Feindschaft ja nicht verschwunden. Nicht nur, dass faktisch in der Welt Freunde und Feinde existieren. Das Evangelium des Friedens selbst weckt Feindschaft. Es gibt die ‚Feinde des Evangeliums‘! Tötung der Feindschaft will jedoch sagen, dass die Feindschaft keine Macht mehr über das Wesen des Menschen besitzt. Das Feindsein definiert nicht mehr die ‚Person‘ des Feindes. Nicht um seine Vernichtung geht es, sondern darum, dass er aufhört, Feind zu sein. Er wird nicht mehr auf die Rolle der Feindschaft festgelegt.“ Stattdessen ergeht der Ruf: „Seht den Feind – wie euch selbst – aus der Perspektive Gottes. Seid in diesem Sinn ‚wahre‘ Kinder Gottes, die den Feind mit der ‚Nächstenliebe Gottes‘ sehen. Nicht mehr in der ‚natürlichen‘ Sicht, sondern im ‚übernatürlichen‘ Geist als ‚Zweiter Christus‘. Denn das Feind-Sein hat seine fundamentale Ursache in der starren Selbstbehauptung des Menschen.


Ein ganz neues Geschöpf


Und noch einmal Spaemann: „In der gehorsamen Annahme des Kreuzes durch Jesus geschieht der Urknall einer kosmischen Revolution, mit der das Gesetz der Liebe einbricht in eine ‚gefallene‘ Welt, die vom Gesetz der eigenmächtigen Selbstbehauptung bestimmt ist und zugleich bestimmt durch das Scheitern im Tod. Mit dem Kreuzesopfer geschieht das Wunder der Aufrichtung der Sanften Herrschaft, der Herrschaft einer Neuen Liebe mitten in der gefallenen Welt der Selbstbehauptung um den Preis des Todes … Es fängt etwas Neues an. Das Universum wird neu geschaffen.“
Und noch eine zweite Annäherung möchte ich anreißen mit dem Philosophen E. Lévinas. Er schreibt: „Menschlich sein, das bedeutet: So zu leben, als wäre man nicht ein Seiendes unter Seienden. Das ist das Sein, das sich seiner eigenen Seinsbedingung entledigt: Selbstlosigkeit! Jesus sagt in der mystischen Schrift ‚Er und ich‘: Musste ich nicht das Beispiel der absoluten Selbstlosigkeit geben?“


Diese „Erlösung“ ereignet sich aber in unserem „Innersten“, wo Er selbst lebt und wirkt, wenn er in „Er und ich“ sagt: „Man kann hienieden nicht verstehen, wie Christus einen jeden Menschen durchdringt, ... durchdringt.“ Denn Seine Heilsmacht ist unendlich. Ja, er sagt: „Ich kann aus dir ein ganz neues Geschöpf machen!“. Erst mit dieser „Neuschöpfung“ ist „Tötung der Feindschaft“ ermöglicht!

 

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Mag. Peter Mathei (Jahrgang 1946) war bis September 2023 Pfarrer von Alberschwende. Geprägt hat ihn das Studium bei Robert Spaemann. Neben einigen Büchern hat er unter dem Titel: „Leben Sie wohl, lieber Herr Pfarrer“, Briefe mit Spaemann veröffentlicht.

Veröffentlicht am 08.11.2023
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