Diese und mehr Fragen wurden vor Kurzem im Werkraumhaus in Andelsbuch aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert. Herz, Haltung, Empathie sowie ein „christliches Urverständnis“ könnten helfen, andere willkommen zu heißen, war eine der Antworten.

Elisabeth Willi

„Gastgeben – Räume für das Willkommen-Sein“, so lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Werkraumhaus in Andelsbuch. Begleitend dazu gibt es immer wieder kleinere Veranstaltungen, die in den elf Räumen, die für die Ausstellung angefertigt wurden, stattfinden – kürzlich die Diskussionsrunde „Wer/wie/warum willkommen?“

Platz am Podium nahmen fünf Diskutierende aus unterschiedlichen Branchen, Moderator des Abends war Christian Schützinger, Geschäftsführer von Vorarlberg Tourismus. Schließlich wurde die Veranstaltung in Kooperation mit „Gastgeben auf Vorarlberger Art“ durchgeführt. Und: Gastgeben wird oft dem Tourismus zugeschrieben. Aber, so sagte Christian Schützinger gleich zu Beginn: „Gastgeben ist nicht vom Tourismus gepachtet worden.“

Fremdes Land

Es gehe sehr viel um Begegnungen – und die fänden überall statt. Sehr viel leichter funktionierten diese Begegnungen, wenn man einander verstehe, wenn man – zumindest ansatzweise – dieselbe Sprache spreche. Miriam Koller, Kommunikationsstrategin aus Wien, verdeutlichte das anhand einer persönlichen Geschichte: Als dreijähriges Mädchen zog sie mit ihren Eltern von Wien in ein fremdes Land, dessen Sprache sie weder verstand noch sprach. Sie wurde von den Einheimischen ausgegrenzt, ja: regelrecht tyrannisiert. Erst, als sie die Sprache beherrschte, wurde sie akzeptiert und fühlte sich schließlich „beheimatet“. Übrigens, dieses fremde Land war der Bregenzerwald...
Mittlerweile weiß Miriam Koller auch: Sprache sollte außerhalb von Worten ebenfalls funktionieren, denn manche Menschen sind Analphabet/innen oder kennen unsere westeuropäische Schrift nicht. Deshalb hatte die Kommunikationsstrategin im Jahr 2015, als viele Asylsuchende ins Land kamen, ein Informationssystem für sie entwickelt, das ihnen anhand kleiner Bilder – sogenannter Piktogramme – den Weg wies. „So etwas kann Klarheit schaffen und dazu führen, dass man sich schneller beheimatet fühlt“, meinte Miriam Koller.

Das „gute Herz“

Das konnte auch Silke Ritter, Projektmanagerin Asyl und Integration im Bregenzerwald, aus ihren Erfahrungen bestätigen und verwies auf etwas weiteres Wesentliches: „Empathie. Sie war die Grundvoraussetzung, um im Bregenzerwald 2015 innerhalb so kurzer Zeit so viele Asylsuchende aufzunehmen.“ Viele Einheimische halfen, gingen auf die Ankommenden zu und nahmen sie bei der Hand, so Silke Ritter. Es sei wohl „das gute Herz“ oder eine Art „christliches Urverständnis“ gewesen, das sie dazu veranlasst hätte.

Entstehung von Vorurteilen

Wie es überhaupt so weit kommt, dass wir jemanden nicht willkommen heißen wollen oder ihn/sie gar als Bedrohung empfänden, erklärte Julia Ha, Sozialpädagogin an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, die sich im Arbeitsfeld Diversity mit Fragen der Überbrückung von Unterschieden beschäftigt. Die gute Nachricht vorweg: Man könne lernen, wie man sensibel auf Unterschiede reagiere. Dafür sei es hilfreich zu wissen, wie Vorurteile entstehen: Jeder Mensch sozialisiere sich in einem bestimmten Kontext und entwickle dabei sogenannte Vorannahmen, so Julia Ha. Diese Vorannahmen führten zur Heranbildung einer Wertelandschaft und seien Leitlinien, wie man sich zu verhalten habe. Wir alle hätten einen Filter im Gehirn, der Vorannahmen beurteile: Jede Bestätigung bedeute ein Erfolgserlebnis, jeder Widerspruch eine Irritation. Irritationen seien kein positives Gefühl, man wolle sie deshalb vermeiden und suche das, was einen bestätige. Aber: „Natürlich sind Vorannahmen verrückbar“, erklärte Julia Ha. Dazu brauche es Aufklärung und Training – also Zeit.

Es gibt aber auch kleine Gesten, die ganz schnell jemandem ein Gefühl des Willkommen-Seins vermitteln, berichtete Fatih Özçelik, Kulturvermittler im vorarlberg museum: Käme zum Beispiel eine Gruppe von 25 Gästen ins Museum, begrüße er jeden mit Handschlag. „Das ist ein Unterschied“, so Fatih Özçelik.

Wie geht sich das wirtschaftlich aus?

Gastgeber ist auch Daniel Mutschlechner: Er arbeitet als Geschäftsführer des Jugend- und Bildungshauses St. Arbogast in Götzis und brachte dadurch u. a. einen wirtschaftlichen Aspekt zu dem Thema ein. Er erzählte, dass seine Kolleginnen über eine von Herzen kommende – und nicht aus marketingtechnischen Gründen aufgesetzte – Gastfreundschaft verfügen. Dies sei besonders und wertvoll für ihn, werfe aber auch wirtschaftliche Fragen auf: Eine Mitarbeiterin etwa wolle, dass immer ein Licht brenne – auch wenn es nur für ein, zwei Gäste sei, die noch im Haus weilten. Das führe dazu, dass ein Angestellter mehrere Stunden warten müsse, um das Licht auszuschalten. „Das stellt einen Geschäftsführer dann schon vor die Frage: Wie geht sich das aus?“ erzählte Daniel Mutschlechner.

Abschließend zählten sowohl Moderator Christian Schützinger als auch jede/r einzelne Diskussionsteilnehmer/in weitere Rezepturen auf, die voraussetzend sind, um jemanden willkommen zu heißen: Verständnis – Menschen wollen gesehen werden. Haltung – wie geht man mit Menschen um? Sich seiner eigenen Kultur bewusst sein, damit man sie anderen besser vermitteln kann. Anerkennung und Akzeptanz des Leides, das Menschen zwingt, ihre Heimat zu verlassen. Mitgefühl – ganz wichtig: auch sich selbst gegenüber.

Stimme aus dem Publikum

Zu Beginn der Diskussionsrunde unterhielten sich die Gäste im Publikum zum Thema „Willkommen sein“. Eine Frau erzählte: Sie hatte vor einigen Jahren in den USA gelebt und war am Anfang der Sprache nicht sonderlich mächtig gewesen. „You are welcome“ ist die übliche Antwort auf einen Dank im Englischen - ins Deutsche übersetzt „bitte“ oder „gern geschehen“. Die Frau verstand die Redewendung jedoch im wortwörtlichen Sinn von „Du bist willkommen“. So fühlte sie sich tatsächlich willkommen sowie angenommen und freute sich jedes Mal sehr, wenn sie diese Antwort erhielt.

Hinweis:
Die Ausstellung „Gastgeben – Räume für das Willkommensein“ ist noch bis 11. Jänner 2020 im Werkraumhaus Andelsbuch zu sehen. Öffnungszeiten: Di bis Sa, 10 bis 18 Uhr.