Die Schule während des Nationalsozialismus, das ist keines der schönsten Kapitel der Vorarlberger Bildungsgeschichte. Welche Mechanismen dabei wo und vor allem wie ineinander griffen, das führte Dr. Horst Schreiber anlässlich des Internationalen Holocaust Gedenktag aus.

Der Tag, an dem das KZ Auschwitz befreit wurde, soll  „auf alle Zeiten allen Menschen als Warnung vor den Gefahren von Hass, Intoleranz, Rassismus und Vorurteil dienen“. Das stellte die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2005 fest, als sie den 27. Jänner zum Internationalen Holocaust Gedenktag erklärten. Damit erhielt das Erinnern einen Anker, der nicht nur einen Tag im Jahr durchdringen sollte.

Dennoch ist dieser Gedenktag immer wieder Anlass dafür, Menschen, Geschichten und Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus besonders zu beleuchten. Heuer war es das Schulwesen im NS-Gau Tirol-Vorarlberg, das Dr. Horst Schreiber von der Universität Innsbruck beleuchtete. Eingeladen vom Jüdischen Museum Hohenems, dem Frauenmuseum Hittisau, dem Renner Institut Vorarlberg, der Johann-August-Malin-Gesellschaft, der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie, erinnern.at, dem VÖGB-Vorarlberg  und dem Katholischen Bildungswerk, versammelten sich so rund 70 Zuhörer/innen im – coronabedingt - digitalen Vortragsraum. Und eines lässt sich zu diesem neuen Format absolut feststellen: Ein guter Vortrag bleibt ein guter Vortrag, egal ob analog oder digital.

Die Suche nach dem „Warum“

Das Thema: Die Schule während der Zeit des Nationalsozialismus - mit ganz besonderem Blick auf das Schulwesen in Vorarlberg und Tirol. Warum? Natürlich auch, weil sich im Kleinen die Strukturen und Mechanismen des Großen oft noch deutlicher abzeichnen. Sicher aber, weil gerade das Schulwesen im Gau Tirol-Vorarlberg sich durch eine überdurchschnittlich hohe Durchdringung mit dem nationalsozialistischen Gedankengut hervortat – zumindest auf den ersten Blick. Die Zahlen sprechen da, wie Horts Schreiber aufzeigte, für sich. Rund 80% des Lehrkörpers in Tirol und Vorarlberg trat 1938 der NSDAP bei. Wobei, und auch das zeigte Schreiber auf, der Schluss, dass es sich bei diesen 80 Prozent um rein „echte, überzeugte“ Nationalsozialist/innen gehandelt hätte, zu kurz greift.

Nein, die Antwort auf das „Warum“ ist wie immer vielschichtig und sie beginnt bereits vor 1938. Anfang der 1930er Jahre, der „Austrofaschismus“ beherrschte das System, verschlechterte sich die Situation des Lehrpersonals drastisch. Den Zwangspensionierungen, Lohneinbußen und Vorrückungsstopps auf der einen Seite, stand eine immer schneller steigende Schüler/innenanzahl pro Klasse gegenüber. Jungen Lehrerinnen und Lehrern fehlten Zukunftsperspektiven, während die Arbeitslosigkeit innerhalb dieses Berufstandes immer weiter stieg. Schließlich kam es sogar soweit, dass es in den Tiroler Lehrer/innen-Ausbildungsstätten praktisch zu einem „Aufnahmestopp“ von jungen Frauen und Mädchen aus Vorarlberg kam. Dafür hatte sich federführend der „Katholische Tiroler Lehrerverein“ engagiert.

Die große Trendwende – Lehrer vs. Pfarrer

Mit dem Anschluss 1938 schien sich dieses Blatt nun wieder zu wenden. Der Großteil der Lehrerschaft versuchte also, sich dem neuen Regime anzupassen. Repressalien bzw. Möglichkeiten, auf Lehrerinnen und Lehrer Druck auszuüben, die über keine passende Parteizugehörigkeit verfügten,  gab es natürlich. Das reichte von Versetzungen oder dem Ausscheiden aus dem Dienst bis hin zu Verhaftungen, wie Schreiber ausführte. Allerdings hatten Lehrerinnen und Lehrer, die sich zunächst nicht „systemkonform“ gezeigt hatten, im Verlauf des Krieges auch die Möglichkeit, sich zu „rehabilitieren“ und erneut in den Schuldienst einzutreten.

Dass auch die Dominanz des geistlichen Lehrkörpers großflächig gebrochen wurde und mit dem Dorfschullehrer eine Gegenfigur zur Autorität des Pfarrers geschaffen wurde, schmeichelte ebenso vielen. Dass der Umschwung an den Schulen und der Lehrermangel während des Krieges nun auch Frauen wieder die Tür zum Arbeitsmarkt öffnete, führte Schreiber ebenso aus, wie auch die Tatsache, dass die Lehrerschaft es schon aus der Tradition heraus gewohnt war, zu gehorchen. In den „Vorarlberger Nachrichten“ aus dem Jahr 1946 beschrieb dies der Gewerkschafter Guido Müller folgendermaßen: „Allerdings war die Lehrerschaft schon vor 1938 ‚autoritär’ behandelt worden – bei den Volksschullehrern war es wesentlich schlimmer als bei den Mittelschullehrern –, so daß der Wandel im März dieses Jahres zunächst nicht so groß war. [...] Die Pfeife, nach der man zu tanzen hatte, hatte nur einen anderen Ton; das Kuschen hatte man längst gelernt! Der Ton wurde allerdings im Lauf der Zeit immer schriller und bald wurde aus dem Tanzen ein Exerzieren.“

Die Schule als „Kriegszulieferer“

Was aber bedeuteten diese sich ändernden Vorzeichen für die Schülerinnen und Schüler? Es zeigte sich – neben vielem anderen – vor allem zweierlei. Zum einen konnten Schülerinnen und Schüler, die sich entweder im BDM oder der HJ organisiert hatten, durchaus Druck auf Lehrer ausüben. Zum anderen trug natürlich auch das von der NS-Ideologie gezeichnete Schulsystem das seine  dazu bei, Führerdenken und Gemeinschaftssinn stark über die Gefühlsebene zu vermitteln. Das führte soweit, dass selbst Wehrmachtssoldaten bis hin zu SS-Männern im Unterricht zu Gast waren, sodass selbst bei Schülerinnen und Schülern, die der Ideologie reservierter gegenüber standen, ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber „unseren Soldaten“ entstand. So wurde die Schule selbst, so Schreiber weiter, immer mehr zum „Zulieferer für den Krieg“.

Es ist diese „verlorene Generation“ von Kindern und Jugendlichen, die sich nach dem Krieg – oft ohne stabile schulische Ausbildung – zurechtzufinden hatten. Nachteilige Auswirkungen hatte das vor allem, so führte Schreiber aus, für Kinder aus finanziell schwächeren Familien.

Die „alten Werte“ blieben

„Vorwärts in die alte Zeit“, diese Devise war, so Hort Schreiber weiter, nun vielerorts tonangebend und es waren nicht selten die Werte des Austrofaschismus, die nun durch die Hintertüre wieder zurückkehrten: Glaube und Familie, die sittlich-religiöse Erziehung, Heimattreu und Pflichterfüllung. Die Kinder sollten im Dorf bleiben, zu Hause, und dort die Pflichtschule besuchen. „Streng, mit Härte zur Demokratie erziehen  –  aber liebevoll. Das war das Gegensatzpaar, das nach dem Krieg in der Erziehung bestimmend wurde“, skizziert Horst Schreiber die Fortschreibung „alter Werte“ im neuen Gewand, die sich mancherorts bis heute immer wieder aufspüren lassen.

Der Sehnsucht nach dem Schlussstrich

Die „Entnazifizierung“ nach Kriegsende stand anfangs stark unter der Aufsicht der Besatzungsmächte, schwächte sich dann allerdings relativ rasch ab, wie Horst Schreiber anhand Statistiken skizzierte. „Die Hälfte aller Mittelschullehrer/innen und ein Fünftel Vorarlberg der Pflichtschullehrer/innen wurde außer Dienst gestellt.“ Sie galten als „Illegale“ bzw. „Alte Kämpfer“. Ab 1947 drängten aber vor allem „die Vorarlberger und Tiroler Schulbehörden und Landesregierungen auf einen baldigen Schlussstrich unter die Entnazifizierung.“

Es könne festgehalten werden, so das Fazit, das Hort Schreiber gegen Ende seiner Ausführungen zog, „dass die Entnazifizierung auf ein absolutes Minimum beschränkt blieb. Im März 1947 betrug der Anteil der ehemaligen Nationalsozialist/innen am gesamten Vorarlberger Lehrpersonal (920 Lehrkräfte mit den Enthobenen) 59%.  (…) Österreichweit konnten in Vorarlbergs Schulwesen nicht nur am meisten ,Ehemalige‘ weiter unterrichten, es wurden auch die wenigsten Nazis entlassen. In keinem anderen Bundesland gab es im Pflicht- und Mittelschulbereich im März 1947 mehr ,Minderbelastete‘ im Dienst.“

Damit schloss Schreiber. Die Diskussion darüber, wie und in welchem Ausmaß sich Wertegeschichten – nicht nur, aber auch an den Schulen – über die Grenzen des Krieges fortgeschrieben haben, kann weitergeführt werden. Sie muss es sogar. Das Beispiel „Schule“ ist dabei eines von vielen. Aber es zeigt doch auch deutlich, wie durchlässig Systeme sein können und wie gravierend ihre Folgen.