Als erstes katholisches Kirchenoberhaupt hielt Papst Franziskus eine Rede vor dem Kongress in Washington. Dabei sprach er in aller Offenheit und Klarheit kritische Themen an. Unterbrochen wurde seine einstündige Rede von Standing Ovations.

Papst Franziskus hat am Donnerstag als erstes katholisches Oberhaupt der Geschichte vor dem Kongress in Washington gesprochen. Unter Verweis auf die katholische Sozialaktivistin Dorothy Day (1897-1980), Mitgründerin der katholischen Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten, und auf seine Enzyklika "Laudato si" rief er zu einem sozialen Wirtschaften auf und betonte die Bedeutung der USA für den Umweltschutz. Franziskus appellierte zu Dialog mit den Gegnern und zur Aufmerksamkeit für die jungen Menschen, die allzu oft "desorientiert und ziellos" seien, und er ging auf die wichtige Rolle der Weltmacht USA im Kampf gegen Armut, Hunger, Krieg und Flüchtlingselend ein.

In seiner einstündigen englischen Rede verlangte der Papst mehr Einsatz für eine Gesellschaft, die niemand ausschließt. Politik dürfe nicht Einzelinteressen dienen, sondern müsse immer die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl im Blick haben. "Wenn die Politik wirklich im Dienst des Menschen stehen soll, folgt daraus, dass sie nicht Sklave von Wirtschaft und Finanzwesen sein kann", sagte Franziskus vor den Abgeordneten der führenden kapitalistischen Macht der Erde.

Amerika sei für viele immer noch ein Land der Träume. "Träume, die das tiefste und wahrste im Leben eines Volkes hervorbringen." Als einen wichtigen Vertreter eines solchen Traums würdigte der Papst Martin Luther King. Weiters nannte er Präsident Abraham Lincoln, der nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) die Sklaverei abgeschafft hatte, als Vorbild.

"Eine Nation kann als bedeutend angesehen werden, wenn sie wie Abraham Lincoln die Freiheit verteidigt; wenn sie eine Kultur pflegt, welche die Menschen befähigt, vom vollen Recht für alle ihre Brüder und Schwestern zu träumen, wie Martin Luther King es ersehnte; wenn sie so nach Gerechtigkeit strebt und sich um die Sache der Unterdrückten bemüht, wie Dorothy Day es tat in ihrer unermüdlichen Arbeit, der Frucht eines Glaubens, der zum Dialog wird, und wenn sie Frieden sät im kontemplativen Stil Thomas Mertons", sagte der Papst, der Lincoln, King, Day und den Autor und Ordensmann Merton (1915-1968) als Leitfiguren für Amerika präsentierte.

Flüchtlingsblick statt Abkehr

Im globalen Süden wie auch in der entwickelten Welt seien die Auswirkungen ungerechter Strukturen und Handlungen allzu offensichtlich, beklagte Franziskus. Ausführlich ging er auf die weltweite Flüchtlingskrise ein, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen habe. Auch die USA seien das Ziel Tausender, die sich ein besseres Leben erhofften.

Der Papst appellierte an das Land, den Nachbarn nicht den Rücken zuzukehren und "in einer Weise zu reagieren, die immer menschlich, gerecht und brüderlich ist". Anstatt angesichts der Flüchtlingszahlen aus der Fassung zu geraten, sollen sich die Amerikaner in die Lage der Menschen versetzen. "Behandeln wir die anderen mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl, mit dem wir behandelt werden möchten."

Der Papst vermied in seinem Appell zum Umweltschutz den in den USA umstrittenen Begriff "Klimawandel". "Ich bin überzeugt, dass, dass wir etwas verändern können, und habe keinen Zweifel, dass die Vereinigten Staaten - und dieser Kongress - dabei eine wichtige Rolle zu spielen haben." Jetzt sei der Moment für mutige Handlungen und Strategien für eine "Kultur der Achtsamkeit" und "einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern", zitierte er aus seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato si". Dies betrifft nach seinen Worten insbesondere den Kampf gegen den Hunger. Er müsse vor allem den Ursachen von Ernährungskrisen gelten.

Kein Schwarz-Weiß-Malen

Mit Blick auf die Weltpolitik warnte Franziskus die USA zudem vor einem "grob vereinfachenden Reduktionismus", der die Welt in Gut und Böse einteile. Die heutigen Weltprobleme erlaubten keine solche Form von Polarisierung. Vor diesem Hintergrund lobte Franziskus in seiner immer wieder von stehenden Ovationen unterbrochenen Rede die politische Entspannung zwischen den USA und dem kommunistischen Kuba, zu der er im vergangenen Jahr maßgeblich beigetragen hatte.

Scharf kritisierte Franziskus in seiner Ansprache auch den Waffenhandel. Dessen einziger Zweck sei das Streben nach Geld. "Geld, das von Blut - oft unschuldigem Blut - trieft", so der Papst.

Gegen Todesstrafe

In deutlichen Worten wandte er sich auch gegen die Todesstrafe und unterstützte nachdrücklich einen Aufruf der US-Bischöfe zu deren Abschaffung. Jeder Mensch sei mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet und das Leben unantastbar.

Vor der Ansprache war Franziskus mit dem republikanischen Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, John Boehner, zusammengekommen. Auf dem Kongress-Gelände versammelten sich etwa 50.000 Menschen, die der Rede auf Videoschirmen folgten. Boehner empfing den 78-Jährigen sichtlich nervös in seinem Büro, wo die beiden zunächst eine private Unterhaltung führten. Franziskus bediente sich dabei seiner Muttersprache Spanisch. Boehner ist selbst Katholik.

kathpress

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