Franziskus klagt bei Kirchenkonferenz in Bari über Gleichgültigkeit gegenüber Schicksal von Migranten sowie über "völligen Wahnsinn" der Kriege. Er wirbt für gemeinsame Friedensarbeit der Religionen und "Theologie der Gastfreundschaft".

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Papst Franziskus hat sich mit eindringlichen Worten für eine Willkommenskultur in Europa sowie gegen Nationalismen und die Kriege in Nahost und Nordafrika ausgesprochen. Das Mittelmeer müsse wieder zu einem Ort der Hoffnung werden, wobei auch die religiösen Gemeinschaften eine wichtige Aufgabe hätten, sagte er am Sonntag beim Abschluss einer mehrtägigen Konferenz von Kirchenführern des Mittelmeerraumes im süditalienischen Bari.

Unmissverständlich verurteilte der Papst den Krieg als Hauptursache gegenwärtiger Migrationen. "Krieg ist völliger Wahnsinn, denn es ist wahnsinnig, Häuser, Brücken, Fabriken, Krankenhäuser zu zerstören, Menschen zu töten", unterstrich der Franziskus. Auch entziehe der Waffenkauf einer Gesellschaft lebenswichtige Ressourcen für Familienpolitik, Gesundheitswesen und Bildung. Niemals dürfe die Welt daher "Krieg mit Normalität verwechseln oder als unausweichlichen Weg ansehen, um auf Unterschiede oder gegensätzliche Interessen zu reagieren".

Bei seiner Rede in der Kirche San Nicola kritisierte der Papst zudem internationale Heuchelei. "Erst wird auf Konferenzen der Frieden beschworen, und dann kehrt man zurück, handelt weiter mit Waffen und führt Krieg - eine große Scheinheiligkeit", so Franziskus. Dies gelte auch für den "noch ungelösten Konflikt" zwischen Israelis und Palästinensern. Dieser berge in sich die "Gefahr unausgewogener Lösungen" und beschwöre damit "neue Krisen herauf". Indirekt kritisierte er damit auch jüngste politische Konfliktlösungsvorschläge - etwa der USA - auf Kosten der Palästinenser.

Rettung statt Abschottung

Eindringlich erneuerte Papst Franziskus seine Warnung vor der in Europa deutlich spürbaren "Gleichgültigkeit und Ablehnung" gegenüber Flüchtlingen. Niemals sei es zu akzeptieren, dass Menschen, die sich voller Hoffnung "auf den Weg über das Meer machen, sterben, ohne Rettung zu erfahren". Ebenso müsse man einschreiten, wenn Menschen aus der Ferne sexuell ausgebeutet würden, unterbezahlt arbeiteten oder in die Fänge der Mafia gerieten.

Die Realität in Europa sei jedoch, dass sich Länder in Reichtum und Eigenständigkeit abschotteten, "ohne diejenigen wahrzunehmen, die mit Worten oder aufgrund ihres Zustandes der Armut um Hilfe rufen". Auch werde Migration im politischen Diskurs instrumentalisiert und Flüchtlinge als "Invasion" dargestellt, was Ängste hervorrufe. Diese "neuen Formen des Populismus" ließen in ihm ungute Erinnerungen an "Reden aus den 1930er Jahren" wach werden, mahnte Franziskus.

Eine scharfe Absage erteilte Papst auch der Rhetorik von einem "Kampf der Kulturen". Diese diene nur dazu, "Gewalt zu rechtfertigen und Hass zu nähren". Vielmehr seien jedoch das Versagen oder jedenfalls die Schwäche der Politik sowie Spaltungen Ursachen von Radikalismen und Terrorismus.

Mauern keine Lösung

Wohl sei die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen "kein leichter Prozess", räumte Franziskus ein. Eine weitere Zunahme der Flüchtlingszahl sei angesichts der anhaltenden bewaffneten Konflikte und des fortschreitenden Klimawandels absehbar. Die Staaten müssten sich jedoch besser darauf vorbereiten als durch das Hochziehen von Mauern, welche bloß Wege zu Reichtum und Entwicklung und damit auch Möglichkeiten der Begegnung mit dem anderen verschlössen.

Es gelte nachhaltige Lösungen zu finden - nicht nur militärische Interventionen, auf welche sich die Weltgemeinschaft bislang beschränke. Nötig seien vielmehr Maßnahmen für gleiche Chancen und allgemeinen Zugang zum Gemeinwohl, Dialog und die Überwindung von Vorurteilen und Stereotypen.

Meer der Begegnung

Der Mittelmeerraum habe dabei eine "besondere Berufung", unterstrich der Papst. Schließlich habe gerade die Begegnung verschiedener Kulturen einst dazu beigetragen, das antike "Mare nostrum" zur Wiege der europäischen Zivilisation und Geistesgeschichte zu machen. Der Mittelmeerraum als ein "Ort von Begegnung, Dialog und Integration" sei ein Erbe und Potenzial, das heute nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Weiterhin sei das Mittelmeer ein "strategisches Gebiet, dessen Gleichgewicht Auswirkungen auch in anderen Teilen der Welt" habe.

Die nationalistische Logik, wonach Staaten fernab dieses Meeres weniger für Flüchtlinge erreichbar und somit "privilegierter" seien, dürfe sich nicht durchsetzen, forderte der Papst. Aus dem "Friedhof Mittelmeer" - der Pontifex spielte hier auf die tausenden bei der Überfahrt nach Europa ertrunkenen Migranten an - gelte es mit vereinten Kräften wieder zu einem "Ort der Hoffnung" zu machen.

Religionen als Friedensstifter

Die Kirchen und Glaubensgemeinschaften hätten dabei wichtige Aufgaben, betonte Franziskus. Sie sollten als "unermüdliche Friedensstifter" auftreten, sich für Gerechtigkeit einsetzen und auf auf Regierungen einwirken, damit Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer, vor Ausbeutung und religiöser Verfolgung bewahrt würden.

Ein gemeinsames Auftreten werde auch den interreligiösen Dialog fördern, so die Überzeugung des Papstes, der hier auf das in Abu Dhabi vom Vatikan und der sunnitischen Al Azhar-Universität unterzeichnete "Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen" verwies. "Diejenigen, die sich gemeinsam die Hände schmutzig machen, wenn sie Frieden aufbauen und eine Willkommenskultur praktizieren, werden sich nie mehr aufgrund von Glaubensgründen bekämpfen können, sondern werden die Wege respektvoller Auseinandersetzung, gegenseitiger Solidarität und der Suche nach Einheit weitergehen", sagte Franziskus.

Um Grundhaltungen des Zuhörens und der Gastfreundlichkeit zu fördern, müsse eine "Theologie der Aufnahme und des Dialogs" die biblische Lehre den Menschen erneut auslegen und nahebringen, forderte der Papst.

Bei ihrem Treffen unter dem Motto "Mittelmeer: Grenze des Friedens" hatten zahlreiche Kirchenführer in Bari seit Mittwoch über soziale, politische, religiöse und kulturelle Herausforderungen der Region gesprochen. Nach seiner Rede am Morgen wollte der Papst in Baris Innenstadt mit rund 40.000 Menschen eine Messe feiern.

Quelle: kathpress.at