Während wir uns in Österreich meist Gedanken um die Menschen machen, die bei uns Zuflucht gesucht und gefunden haben, geraten Flüchtlingsdramen wie die in Syrien und Jordanien fast schon in Vergessenheit. Insbesondere den syrischen Flüchtlingen in Jordanien droht nun aber eine humanitäre Katastrophe, nachdem das "World Food Programme" (WFP) der Vereinten Nationen angekündigt hat, ab 1. August für den Großteil der Flüchtlinge keine Nahrungsmittelhilfe mehr leisten zu können. Die Lage spitzt sich immer mehr zu und den syrischen Kindern wird die Zukunft geraubt - für Caritas-Österreich-Auslandshilfechef Christoph Schweifer "ein Skandal und ein klares Versagen der internationalen Gemeinschaft".

Rund 630.000 Syrer wurden bislang in Jordanien offiziell als Flüchtlinge registriert, die Dunkelziffer liegt freilich viel höher. Schätzungen reichen bis zu 1,5 Millionen Syrer im Land. Das kleine Jordanien ist damit am Ende seiner Kapazitäten angelangt. Die Infrastruktur ist am Zusammenbrechen, der Arbeitsmarkt ruiniert, das Sozialsystem bröckelt gewaltig. War bis vor kurzem die medizinische Versorgung für Flüchtlinge in staatlichen jordanischen Einrichtungen noch weitgehend gratis, müssen sie nun auch für diese Kosten selbst aufkommen. Der Grund: Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte bisher diese medizinische Versorgung subventioniert, musste dies aber aus Geldmangel aufgeben.

Ernste Lage
Für Schweifer ist das "ein Skandal und ein klares Versagen der internationalen Gemeinschaft". Ohne die Hilfe von NGOs wie der Caritas könnten viele syrische Flüchtlingsfamilien nicht überleben. Wer sich die Schicksale der syrischen Flüchtlinge anhört und selbst erlebt, unter welchen schlimmen Zuständen sie leben müssen, der verstehe, dass niemand aus Spaß versucht, nach Europa zu kommen. Schweifer: "Die Menschen flüchten aus purer Verzweiflung und wir können nicht so tun, als ob uns dieser Krieg in Syrien und seine Auswirkungen auf die Nachbarländer nichts angeht." Die Caritas versorgt in Jordanien Flüchtlingsfamilien mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Hygienepaketen sowie Matratzen, Decken und Küchenutensilien. Familien, die dringend medizinische Hilfe benötigen, werden mit Medikamenten unterstützt.

Kinder - Schule oder doch besser arbeiten?
Mehr als die Hälfte aller syrischen Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche. Nur rund die Hälfte von ihnen kann eine Schule besuchen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kinderarbeit, die Angst diskriminiert zu werden, überfüllte jordanische Schulen; zudem haben viele syrische Kinder durch die Flucht den Anschluss an den für ihr Alter vorgesehenen Lehrplan verloren. Auch jene Kinder, die in öffentliche Schulen in Jordanien eingeschrieben werden, laufen Gefahr rasch wieder aus dem Schulsystem zu fallen, da es für sie äußerst schwer ist, mit den gleichaltrigen jordanischen Kindern mitzuhalten, sie gemobbt werden oder aber ihren Beitrag zum Familieneinkommen leisten müssen. Auf Grund dieser Umstände, gepaart mit den traumatischen Erfahrungen der Flucht, fallen 25 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder aus dem offiziellen Schulsystem in Jordanien, bevor sie auch nur ein Schuljahr vollständig abschließen konnten. "Diese Kinder erleben nicht nur eine bedrückende Gegenwart, diesen Kindern wird auch die Zukunft geraubt", so Schweifer.

Kinderarbeit
Eine Tatsache, die auch im Report der Kinderrechtsorganisationen Save the Children und Unicef "Kleine Hände – große Bürde" bestätigt wird. "Die Mädchen und Jungen zahlen den hohen Preis für das Unvermögen der Welt, den Konflikt in Syrien zu beenden", betont Roger Hearn, Regionaldirektor für Save the Children im Mittleren Osten und Eurasien. "Durch den Syrien-Konflikt haben sich die Lebensbedingungen von Millionen von Familien in der Region dramatisch verschlechtert. Kinderarbeit ist dabei die traurige oft vergessene Konsequenz. Je verzweifelter die Familie, desto lebenswichtiger wird die Arbeit der Kinder. Ob in Syrien oder den angrenzenden Ländern – die Kinder gehören mittlerweile zu den wirtschaftlichen Hauptakteuren."

Und die Folgen....
Der Report belegt, dass Kinder in zwei Drittel der untersuchten Haushalte zum Familienunterhalt beitragen müssen. In Jordanien sind es fast 50 % aller syrischen Flüchtlingskinder, die gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern oder sogar alleine für den Broterwerb verantwortlich sind. Im Libanon müssen bereits Sechsjährige den Lebensunterhalt ganz oder zum Teil bestreiten. "Kinderarbeit beeinträchtigt Wachstum und Entwicklung der Kinder. Sie arbeiten für sehr wenig Geld extrem lange und oft in höchst riskanter und gesundheitsschädigender Umgebung", erläuterte Peter Salama, Unicef-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika. "Sie müssen schwere Lasten tragen, sind Pestiziden und anderen toxischen Chemikalien schutzlos ausgesetzt, haben keine Ruhephasen – das sind nur einige der Risiken, denen arbeitende Kinder in dieser Region tagtäglich ausgesetzt sind." (red/kathpress)

Den Report von Save the Children zum Thema Kinderarbeit lesen Sie hier