Anlässlich des Gedenkens an den „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland am 13. März 1938 – also vor genau 80 Jahren – räumen die katholischen Bischöfe Österreichs christliches Versagen ein.

Bild: „Nacht des Schweigens“ auf dem Heldenplatz in Wien 2008. In Erinnerung an den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, 70 Jahre zuvor, wurden 80.000 Kerzen für die rund 80.000 namentlich bekannten österreichischen Opfer der NS-Regimes entzündet und ihre Namen während der ganzen Nacht auf vier Leinwände projiziert. 
Manfred Werner / Tsui, Nacht des Schweigens 2008b, CC BY-SA 3.0

Ihre damaligen Amtsvorgänger hätten – wie auch Politiker, Künstler und Wissenschaftler – nach der Besetzung Österreichs die katastrophalen und menschenverachtenden Konsequenzen „nicht deutlich genug erkannt oder benannt“. Auch heute schmerze noch, dass die Christen – „auch und gerade die Bischöfe“ – 1938 und in den Jahren des NS-Furors danach „nicht stärker der Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur entgegengetreten sind“, heißt es in der Erklärung „1918 – 1938 – 2018. Erinnern und Gedenken“, die die Bischöfe anlässlich ihrer jüngsten Frühjahrsvollversammlung in Sarajewo veröffentlicht haben.

Das Jahr 1938 – gekennzeichnet nach dem „Anschluss“ auch durch die ihn mit 99,75 Prozent bestätigende Volksabstimmung vom 10. April, den Baubeginn des Konzentrationslagers Mauthausen am 8. August und die Gewaltwelle gegen Juden, Synagogen und Bethäuser vom 9. und 10. November – sei „Kulminationspunkt einer katastrophalen Entwicklung“ gewesen, erinnerte Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag in seiner Rede anlässlich einer Gedenkveranstaltung in der Wiener Hofburg. Militarismus, Intoleranz und Gewalt hätten sich schon in den Jahren zuvor „in einem schleichenden Prozess“ etabliert; die bestehenden Polarisierungen und Unversöhnlichkeiten sowie Rassismus und Antisemitismus hätten dann zum „Multiorganversagen“ geführt.

Die richtigen Lehren daraus ziehen

„Auch die christlichen Kirchen waren vom Ungeist mitbetroffen, der dem NS-Regime den Boden bereitet hat", erklärt der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ): „Manche Kirchen bejubelten nicht nur den ‚Anschluss‘, sondern trugen auch die NS-Politik, sei es den Antisemitismus, sei es die Auslöschung vermeintlich unwerten Lebens, voll und ganz mit, was uns heute schamvoll als Verrat am Evangelium erscheint“, heißt es in einer Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), die bereits am Samstag veröffentlicht wurde.

Sieben Jahre später – beim Kriegsende 1945 – habe man eine traurige Bilanz ziehen müssen: Hunderttausende Österreicherinnen und Österreicher hatten ihr Leben verloren – sei es, dass sie als Juden der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, sei es, dass sie als Widerstandskämpfer von einer Pseudojustiz zum Tode verurteilt wurden, wie der 2011 seliggesprochene Provikar Carl Lampert, sei es, dass sie als Zivilisten im Bombenhagel des totalen Krieges starben, sei es, dass sie als Soldaten in einem Krieg getötet wurden, der nicht der ihre war, so der ÖRKÖ in seiner Erklärung.

„Wenn wir 80 Jahre zurückschauen“, heißt es weiter, „so erscheint es heute angebracht, dass die christlichen Kirchen gemeinsam alles Notwendige tun, um die Menschen gegen die Schlagworte von falschen Propheten zu immunisieren.“ In einer Zeit der Globalisierung – in der die ganze Welt „gleichsam ein Dorf“ werde – gebe es viele komplizierte Entwicklungen, aber keine „schrecklich einfachen“ Lösungen. Die Aufgabe der Kirchen sei es gerade in diesem geschichtlichen Augenblick, ihren universellen Auftrag wahrzunehmen.

Eintreten für Humanität

Dieses Ziel verfolgen auch Österreichs öffentlich-rechtliche Medien, denen ja ein sehr ähnlicher Auftrag obliegt. Der ORF widmet dem Gedenken in seinen Programmen einen Themenschwerpunkt, den Sie online hier sowie hier nachvollziehen können.

Oder wie es der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker formuliert: „Bei allen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, bei allen religiösen Unterschieden, bei aller Vielfalt, in der wir leben, ist es wichtig, das Verbindende in den Vordergrund zu stellen und zu sagen: Die Humanität ist es, die uns gemeinsam verpflichtet, und für die Humanität gerade dort einzutreten, wo sie bedroht ist – das ist unser gemeinsamer Auftrag.“

Quelle: Kathpress (1 | 2 | 3) / red