Verschlossene Notausgänge, vergitterte Fenster, versperrte Treppenhäuser und keine Ausrüstung zum Löschen von Feuer - und plötzlich: ein Feuer. Dieser Albtraum wurde für rund 650 ArbeiterInnen einer Textilfabrik in Pakistan am 11. September Wirklichkeit. Fast 300 von ihnen starben, manche konnten sich schwerverletzt durch einen Sprung aus den obersten Stockwerk des Gebäudes retten. Zögerlich kommen die Verantwortlichen nun den Entschädigungszahlungen nach. Allerdings zu wenig.

Auf den ersten Blick scheint der Brand in der Fabrik „Ali Enterprises“ in Karachi, Pakistan, der rund 300 Menschen das Leben kostete, nichts mit "uns" in Österreich oder Deutschland zu tun zu haben. Auf den zweiten Blick wird aber schnell klar: das Unternehmen, welches mit unzureichenden Brandeinrichtungen das Leben hunderter Menschen aufs Spiel setzte (und verlor), produzierte Jeans für einen Discounter, der den meisten hierzulande bekannt sein dürfte: KIK. Und die Marke? "Okay"

Doch nicht clever
"Kleidung clever kaufen bei KIK" - so lautet der Slogan des Textildiscounters. Dass dieses "clever" aber manche Menschen teuer zu stehen kommt, steht nirgends. Fakt ist jedoch, dass rund 300 Menschen wahrscheinlich noch am Leben wären, wenn  die KIK und "Ali Enterprises" die Auflagen auch wirklich erfüllt hätten: "Die ausländischen Käufer interessieren sich nicht für die Arbeitsbedingungen in den hiesigen Fabriken", sagte Nasir Mansoor von der National Trade Union Federation von Pakistan. "Eine 30-minütige Inspektion in der Fabrik hätte gezeigt, dass den Arbeitern und Arbeiterinnen keine der Einrichtungen zur Verfügung gestellt wurden, die laut Dokumente des Eigentümers vorzufinden gewesen wären."

Sich seiner Verantwortung stellen
In den Überresten der Firma wurden Textilien mit dem Etikett und Logo von "Okay" gefunden. Diese Marke wird in KIK-Geschäften in Deutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn, Polen, Slowenien, Slowakei und Kroatien verkauft. KIK besitzt mehr als 3000 Läden in acht europäischen Ländern. Die Clean Clothes Kampagne fordert KIK auf, sich seiner Verantwortung zu stellen und unmittelbar mit der Aufklärung der Brandursache zu beginnen, für Entschädigungen der Opfer zu sorgen, einschließlich sofortiger medizinischer Behandlung und Entschädigungszahlungen, und eine umfassende Sicherheitskontrolle ihrer übrigen Zulieferer durchzuführen.

Keine öffentliche Stellungnahme
"Diese Arbeiter und Arbeiterinnen haben auf grausamste Weise während der Produktion von Jeans für europäische Konsumenten und Konsumentinnen ihr Leben verloren", sagte Christine Esterbauer von der Clean Clothes Kampagne (CCK)."Das Fehlen einer öffentlichen Stellungnahme, in der Bedauern über das Geschehen und die dringend erforderliche Unterstützung der Opfer zum Ausdruck kommen, zeigt, dass KIK es an Respekt und Sorge für die Beschäftigten in seinen Zulieferketten mangelt", kritisiert sie.

Nur ein erstes Angebot
Christine Esterbauer von der Clean Clothes Kampagne erklärte, dass es die CCK zwar begrüße, dass KIK als Hauptkäufer von Ali Enterprises und einer der führenden Textil-Discounter Europas  endlich in Teilen seiner Verantwortung in der unmittelbaren Nothilfe nachkomme. "Dieses erste Angebot muss jedoch als Teil eines erheblich höheren Entschädigungsbetrags angesehen werden. Die CCK fordert KIK auf, mit lokalen Gewerkschaften und Arbeitsrechtsgruppen zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass die Entschädigung vollumfänglich abgedeckt wird und dass Brandschutzmaßnahmen umgesetzt werden.”

Da geht noch mehr
„Soforthilfezahlungen, insbesondere an diejenigen Familien deren Angehörige bislang noch nicht identifiziert wurden und die bisher noch gar keine Entschädigung erhalten haben, werden dringend benötigt und begrüsst“, sagt Ineke Zeldendrust vom internationalen Sekretariat der CCK. „Diese Soforthilfezahlungen können später vom geschuldeten Gesamtbetrag abgezogen werden.“ Gegenwärtig scheint es allerdings so, als beabsichtige KIK, sich für den schrecklichen Verlust von 318 ArbeiterInnen, die für den Discounter Jeans produzierten, mit einem unzureichenden Angebot freizukaufen. KiK kann ohne Weiteres mehr zahlen: 1 Mio. US Dollar entsprechen weniger als 0,05% des KiK-Jahresumsatzes von 2011, hieß es auf der Seite der CCK.

Ohne Papiere, kein Geld 
Zusätzlich zu dem Trauma schlagen sich die Betroffenen und ihre Angehörige noch mit weiteren Probleme  herum: "In dem Feuer wurde unsere Existenz zerstört, ich habe keine Arbeit mehr und hoffe, dass ich in irgendeiner anderen Textilfabrik etwas finde", erklärt ein Arbeiter. Mehr als tausend Männer und Frauen arbeiteten bei Ali Enterprises, die meisten davon allerdings ohne Arbeitsvertrag."Wir haben nie etwas schriftlich bekommen", sagt eine junge Frau, die als Hilfsarbeiterin in der Näherei tätig war. "Das ist jetzt unser Problem - kaum jemand kann nachweisen, dass er tatsächlich für Ali Enterprises gearbeitet hat." Deshalb sei es schwierig, Ansprüche geltend zu machen: "Die Provinzregierung hat uns gesagt, wir sollten unsere Papiere vorzeigen, um Geld zu bekommen. Aber welche Papiere? Wir haben nie welche bekommen."

Wenige Cent pro Hose
Bezahlt wurden die Mitarbeiter pro Jeans, die sie fertigten. Es war Fließbandarbeit. Jeder Arbeiter vollzog immer denselben Arbeitsschritt, manchmal bis zu 14 Stunden am Tag. Eine Frau erzählt, wie sie tagein, tagaus Gesäßtaschen annähte. Ein Mann berichtet, er sei für Gürtelschlaufen zuständig gewesen. Pro Hose bekamen die Arbeiter ein paar Rupien, das entspricht wenigen Cent. "Wir verdienten pro Tag, je nach Auftragslage, zwischen 1,50 und fünf Euro", sagt einer. Im Monat kam kaum ein Arbeiter auf mehr als 7000 Rupien, umgerechnet nicht einmal 60 Euro.

20 Millionen Euro wären notwendig
Derzeit ist KIK gewillt rund 1 Mio. US-Dollar (500.000 US-$ für Soforthilfe und 500.000 US$ für längerfristige Maßnahmen) zu zahlen.  "Nach zurückhaltenden Berechnungen, die auf internationalen Richtlinien und anerkannten Verfahrensweisen basieren, werden für eine faire und angemessene Entschädigung, zur Deckung der entstandenen Schäden sowie der Einkommensverluste der Familien aller verstorbenen ArbeiterInnen mindestens 20 Mio. Euro benötigt.", rechnet CCK vor. Zusätzlich müssen auch die medizinischen Kosten und die Entschädigung für die Verletzten gedeckt werden. (red/cleanclothes)

Wer Clean Clothes helfen möchte, kann die Petition online unterstützen