Das Schicksal von Flüchtlingen löst Unterschiedlichstes aus. Die Art und Weise zu reagieren reicht vom Ignorieren über das Jammern bis zum beherzten Engagement. Die Dornbirnerin Beate Fässler hat sich fürs Tun entschieden.

Am Anfang stand die Erkenntnis: „Ich kann so nicht leben – ich möchte und muss etwas tun“. Angesichts der Meldungen über das elende Schicksal tausender Kriegsflüchtlinge hatte sie sich bei Beate Fässler mit aller Klarheit eingestellt. So fasste sie nach ihrer Pensionierung den Entschluss zur Nachbarschaftshilfe.

Deutschkurs und mehr. Diese wurde in der Tat zur Hilfe in der unmittelbaren Nachbarschaft. Denn im Jänner zogen ein Haus weiter - im alten Pfarrhaus in Dornbirn-Oberdorf - fünf Männer aus dem Irak ein. Beate Fässler knüpfte über die Caritas den ersten Kontakt und begann dann gemeinsam mit ihrer Freundin Helga Fässler die Deutsche Sprache zu vermitteln. Zwei Mal pro Woche trafen sie sich.

Die beiden Frauen haben ein Gespür dafür, zu sehen was fehlt und so blieb es nicht beim Deutschunterricht. Sie organisierten Möbelstücke und Fahrräder, Unterrichtsmaterial und Kleidung - denn „die Asylbewerber hatten immer das gleiche an ...“. Die Unterstützung im Familien- und Freundeskreis war dabei sehr groß und zog ungeahnte Kreise: vom Lebenspartner über Freund/innen bis hin zur Schulklasse.

Arbeitsmöglichkeiten. Ein besonders großer Mangel im Alltag der Flüchtlinge ist die fehlende Arbeit. Hier kam aus der Familie Helga Fässler  das Angebot eines kleinen Feldstückes mit Gartenhaus in Dornbirn, das bebaut werden konnte. Die Männer stiegen darauf ein und so entstand schrittweise ein Gemüsegarten. Er bedeutet Verantwortung, denn nach dem Setzen und Säen heißt es gießen und jäten. Mittlerweile werden Zuccinis, Auberginen, Paprika, Radieschen, Rettiche, Kohlrabi und Tomaten geerntet. Eine echte Freude!

Auch für das Pfarrheim Oberdorf konnten die  Männer für eine Beschäftigung vermittelt werden. Sie sind zweimal pro Woche für die Reinigung der Veranstaltungsräumlichkeiten zuständig. 

Kultur und Alltag. Den beiden Frauen war es außerdem ein Anliegen, den Geflohenen aus dem fernen Irak Land und Kultur zu zeigen. Sie wanderten auf den Karren, schauten sich die Seebühne an, besuchten Kunstausstellungen und gingen gemeinsam zum Billard-Spiel. „Beim Spiel gegen die Einheimischen haben die Spieler aus dem Nahen Osten haushoch gewonnen“, lacht die Dornbirnerin. Zu Ostern gab es ein kleines Osternest inklusive einer Erklärung an die muslimisch Gläubigen, was das Fest bedeutet - eine nicht ganz so leichte Aufgabe.

Bezugsperson. Beate Fässler bezeichnet die Flüchtlinge als ihre „Schützlinge“. Schutz ist tatsächlich das, was sie nach ihren Kriegs- und Fluchterfahrungen ganz dringend brauchen. Für manchen wurde die Dornbirnerin zu einer Art Ersatz-Mama oder Ersatz-Schwester, für andere zur Mentorin. Ab und zu schickten die Männer des Nachts, in der sie aus Angst kaum Schlaf finden, über WhatsApp Bilder von ihren Familien, die sie im Irak zurücklassen mussten. Diese waren dann Anknüpfungspunkt zu einem Gespräch über ihre Geschichte. Hier ist Behutsamkeit gefragt. Auch wenn das Fehlen der Familie, die traumatischen Erlebnisse und die unsichere Zukunft das Leben der Männer völlig bestimmen, ist das Reden darüber nicht selbstverständlich. Nicht nur aufgrund der fehlenden Sprache. So war zum Beispiel Drkam mit seiner Traumatisierung und Verschlossenheit eine große  Herausforderung für Beate Fässler. „Wir haben ihm alles auf dem 'warmen Tablett' serviert und er hat oder konnte es nicht annehmen. Dieser junge Mann war mein Lehrmeister was Gelassenheit anbelangt. Bei ihm habe ich Geduld gelernt, abzuwarten, zu schauen, was kommt...“

Begabungen. Ganz anders ist der Umgang mit Manaf. Er leitete in Mossul eine Privat-Schule, ist Lehrer für Englisch und Musik. Seine Englischkenntnisse sind in vieler Hinsicht Gold wert. Schon am ersten Tag in Traiskirchen hat er begonnen, im Selbststudium Deutsch zu lernen. Später entwarf er einen Deutschkurs, die erste Version Arabisch-Englisch, die zweite Version Arabisch-Englisch-Deutsch. „Manaf denkt arabisch, fühlt arabisch und hat Krieg und Flucht mitgemacht. Er weiß, was Flüchtlinge am Anfang brauchen in Hinblick auf die deutsche Sprache. Für einen späteren Einsatz als Dolmetscher oder Kursleiter eventuell bei der Caritas wäre er besonders wertvoll“, denkt Beate Fässler laut.

Bereicherung. Ende April sind vier der Männer in andere Flüchtlingshäuser übersiedelt. Eine syrische Familie bewohnt nun den oberen Stock des Hauses, Manaf wohnt weiterhin im Erdgeschoss. Beate Fässler betreut die Familie in vielen Belangen, von Behördengängen bis zur Organisation von Schul- und Kindergartenplatz, von Kleider- und Hausratbeschaffung bis hin zur deutschen Sprachbegleitung. „Man darf hier nicht lange nachdenken sondern einfach aus dem Bauch heraus handeln“, weiß die engagierte Frau. „Man muss Berührungsängste abstreifen und sich keine Gedanken machen ‚Was soll ich mit ihnen reden?‘ - da kommt so viel von der anderen Seite. Dieser Kontakt und das Kennenlernen von fremden Kulturen ist eine echte Bereicherung und öffnet für uns Menschen aus der westlichen Welt ungeahnte neue Gesichtspunkte in Bezug auf die Flüchtlingssituation in Österreich.“