Ganz ehrlich: Können Sie Kleidung reparieren oder abändern? Dieses Handwerk geht bei uns leider immer mehr verloren, weswegen viele Kleidungsstücke im Container landen. Dabei gäbe es schon noch Personen, die flicken können und das für einen erledigen. Mohamad Alomar zum Beispiel. Er betreibt die „Änderungsschneiderei Alomar“. Der Weg zur Eröffnung war für den Konventionsflüchtling nicht einfach, aber er hat es – dank tatkräftiger Unterstützung – geschafft.

In zwei Räumen im Keller seines Wohnhauses in Dornbirn-Rohrbach hat Mohamad Alomar seine Änderungsschneiderei eingerichtet. Neben dem Flicken von Kleidung inklusive Lederjacken führt der gebürtige Syrer auch jegliche Änderung durch, sei es Kürzen, Weiten oder enger Machen. Maßgeschneiderte Anpassung sozusagen. Beschädigte Tisch- und Bettwäsche werden von dem Schneiderprofi – er hat als 12-Jähriger begonnen zu nähen – ebenfalls wieder auf Vordermann gebracht. Daneben verkauft er arabische Kleidung und bietet Parfums sowie Kosmetika an. Besser gesagt ist seine Frau Zainab für Letzteres zuständig. „Ich weiß nämlich nicht, wie das alles wirkt und was es bringt“, sagt er, deutet mit dem Kopf zu den Tiegeln, Tuben und Fläschchen in einem Regal und lacht.

Mohamad Alomar scheint generell gerne zu lachen und zu lächeln. Nach fast jedem zweiten Satz schenkt er dem Gegenüber ein breites Lächeln. Interessanterweise meint er auf die Frage, was ihm in Vorarlberg am besten gefalle: „Die Menschen hier lachen immer“. Vielleicht spiegeln sie einfach das wider, was sie bei ihm sehen?

Grund zu lachen hatte der 44-Jährige beileibe nicht immer. Er stammt aus einem großen Dorf zehn Kilometer von der syrischen Hauptstadt Damaskus entfernt. Wegen des Krieges flüchtete er mit seiner Frau samt den vier Kindern und lebte mit ihnen in einem Flüchtlingslager im Libanon. Durch eine Sonderaktion der damaligen Regierung wurden er und seine Familie von Libanon nach Österreich geflogen. Anfang Oktober 2015 kamen Alomars nach Vorarlberg.

Vom Fach

In seiner syrischen Heimat hatte Mohamad Alomar seine eigene Änderungsschneiderei mit bis zu 13 Angestellten geführt. Angekommen in Vorarlberg wollte der Konventionsflüchtling erst als LKW-Fahrer arbeiten, doch das war „alles schwierig“, wie er sagt. Schließlich entstand die Idee, hier dasselbe zu tun wie in Syrien: eine Änderungsschneiderei betreiben. Viele Hindernisse im Bürokratiedschungel musste er dazu überwinden – wäre er auf sich alleine gestellt gewesen, wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Mohamad Alomar war aber nicht alleine: Karl Schiemer aus Dornbirn begleitete ihn auf Ämter, sprach mit dem Unternehmensberater und half in dem Prozess überall dort mit, wo nötig. „Würde ich in Syrien leben, wäre ich ebenfalls froh, wenn man mir hilft“, begründet Karl Schiemer sein starkes Engagement. Tatkräftige Unterstützung erhielten Mohamad Alomar und seine Familie übrigens auch von der Pfarre Dornbirn-Rohrbach: Freiwillige – Karl Schiemer ist einer von ihnen – verhalfen Alomars zu einem guten Start im Lande, sie kümmerten sich um die Wohnung, lernten mit den Familienmitgliedern Deutsch und begleiteten sie zu Behörden.

Im November 2018 erhielt Mohamad Alomar schließlich die Gewerbeberechtigung für seine Änderungsschneiderei. Mit Freude betreibt er sie seither. Die Kund/innen, die Kleidung ändern oder flicken lassen wollen, sind meist schon lange in Vorarlberg wohnhaft. Die Kundschaft, die arabische Kleidung bei ihm kauft, stammt vor allem aus Syrien. Weite, lange Mäntel oder mit viel Spitze und Stickerei verzierte, noble Kleider wie sie bei Mohamad Alomar verkauft werden, schätzen Frauen aus Syrien sehr, finden sie in anderen Geschäften im Land aber nur selten.

Untertags Blumen, abends Kleidung

Leben und seine Familie ernähren kann der sympathische Mann von seiner Änderungsschneiderei nicht. Deshalb arbeitet er untertags für ein Blumengeschäft in Bregenz. Nähen, flicken und verkaufen: Das macht er ab 16 Uhr. Von Montag bis Donnerstag, 16 bis 19 Uhr, hat seine Änderungsschneiderei geöffnet.

In Syrien ist es ganz normal, dass Kleidung geflickt und/oder abgeändert wird; bis zu zwölf Änderungsschneidereien gebe es in manchen Straßen, berichtet Mohamad Alomar. „Die Menschen haben kein Geld, dauernd neue Sachen zu kaufen, deshalb wird alles repariert“, sagt er. Geld hätten wir hier im Vergleich zwar genug – dennoch ist es sehr sinnvoll, den Lebenszyklus von Kleidern durch Flicken zu verlängern. Und schließlich freut man sich ja auch, wenn das an der Naht eingerissene Lieblings-T-Shirt nicht im Container landet, sondern nach erfolgter Reparatur noch lange getragen werden kann.

Weitere Informationen über die "Änderungsschneiderei Alomar" unter www.schneidereialomar.name