Heuer im Oktober treffen sich Bischöfe aus aller Welt zur großen Amazonas-Synode in Rom. Einer, der daran nicht ganz unbeteiligt war und ist, ist Bischof Erwin Kräutler aus Koblach. Seit 1965 lebt er in Brasilien und kämpft dort für das Überleben der Menschen und der Natur und für das Beschreiten neue Wege in der Kirche. Kurz, bevor es für ihn wieder nach Rom zu den Vorbereitungsarbeiten zur Synode ging, war er auf Besuch in Vorarlberg.

Es ist schon ein Weilchen her, dass sie in Brasilien zum ersten Mal angekommen sind. Es war 1965. Seitdem kämpfen Sie dort – für die Menschen und für die Natur und oft gegen sehr mächtige Gegner. Geben Sie niemals auf?
Ganz egal, für wen man sich einsetzt, es wird immer jemanden geben, der dann sagt: „Wenn du für die bist, dann bist du gegen uns.“ Ich bin ja jedes Jahr hier und firme. Oft fragen mich die Jugendlichen dann, ob ich es nie bereut habe, aus Österreich wegzugehen? Nein, ich habe es keinen Augenblick lang bereut. Schon als ich damals, 1965, in Brasilien angekommen bin, wusste, dass ich bleiben werde. Ich glaube, wenn man seiner Sendung folgt, dann ist man auch bereit für das Unvorhersehbare. Ich habe ja auch gehofft, dass alles immer eben verlaufen wird. Aber das gibt es nicht.

Bevor wir direkt zur bevorstehenden Amazonas-Synode übergehen, noch eine Frage zu Belo Monte. Was ist dort der letzte Stand der Dinge?
Belo Monte ist praktisch fertig, aber der Erfolg ist nicht der, den man sich erwartet hat. Es ist genau das eingetreten, wovor wir, die wir den Fluss kennen, immer gewarnt haben.

Im Oktober werden sich Bischöfe aus aller Welt zur großen Amazonas-Synode in Rom treffen. Welchen Stellenwert hat diese Synode?
Das Wort „Synode“ kommt ja aus dem Griechischen und heißt so viel wie „miteinander gehen“. Die Idee der Synode ist eine ganz alte. Es ist die Idee, dass die Bischöfe sich treffen, um den Papst zu beraten. In diesem Sinn verstehe auch ich die Amazonas-Synode. Wir werden den Papst beraten und ihm sagen, was wir spüren, auch was wir erleiden und was wir erwarten.

Nun könnte man ja etwas unbedarft fragen, warum denn für nur ein Gebiet eine ganze Synode ausgerufen werden muss?
Wir müssen verstehen, dass die Amazons-Synode eine Angelegenheit der ganzen Welt ist. Es geht hier wirklich um Sein oder Nicht-Sein. Denn, wenn Amazonien nicht mehr leben kann, dann sitzen auch alle anderen auf einem absterbenden Ast. Warum, weil Amazonien eine regulierende Funktion für das Weltklima hat. Amazonien oder besser Pan-Amazonien, das sind ja insgesamt neun Länder: Französisch-Guayana, Suriname, Guyana, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Brasilien, wobei Brasilien mit rund 67% der Fläche den größten Anteil trägt. Und während wir uns auf die Synode vorbereiten, geht es tüchtig weiter mit der Abholzung des Regenwaldes und die derzeit herrschende Regierung hat uns auch schon wissen lassen, dass sich die Welt nicht in die Angelegenheiten Brasiliens einzumischen habe.

Wie steht es also um Amazonien heute?
Das Amazonasgebiet wird von allen Seiten bedrängt. Ein Unternehmen nach dem anderen kommt dorthin, um das Land auszubeuten und seiner Bodenschätze zu berauben. Da muss die Kirche einfach aufstehen und sagen: So geht es nicht! Wir können nicht mehr schweigen. Wir haben das Recht und die Pflicht zu sagen, was hier vorgeht. Jeden Sonntag beten wird, dass wir an „Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ glauben. Da kann doch niemand mehr sagen, dass unser Glaube nichts mit der Natur zu tun habe. Natürlich tragen wir hier Verantwortung.

Die Enzyklika „Laudato si“, die man ja auch gemeinhin als „Umwelt-Enzyklika tituliert, war ja schon so etwas wie ein erstes Vorzeichen auf diese Synode.
Papst Franziskus hat schon lange immer wieder gesagt, dass er eine humane Ökologie wolle. Was heißt das? Wenn wir von „Umwelt“ sprechen, dann deutet dieser Begriff immer an, dass wir „außerhalb“ sein könnten. Aber der Papst will, dass wir begreifen, dass wir Teil dieser Umwelt sind. Mitwelt, nicht Umwelt.
Auf Anfrage des Papstes habe ich ihm damals Unterlagen zur Situation in Amazonien und der indigenen Völker zukommen lassen. Vieles davon hat dann tatsächlich Eingang gefunden in seine Enzyklika „Laudato si“. Das hat für mich schon auch bedeutet, dass der Papst unsere Anliegen gesehen und akzeptiert hat.

Damit war Ihr Engagement um die Weiterarbeit am Thema aber nicht beendet, nehme ich an?
Wir, also alle Bischöfe, die auch nur an einem der vielen Nebenarme des Amazonas leben, haben uns zu einer gemeinsamen Versammlung getroffen. Wir haben geredet und diskutiert und irgendwann gemerkt, dass wir inhaltlich auf der Stelle treten. Aus diesem Erlebnis entstand die Idee, den Papst um eine Synode zu bitten. Wir haben dann sogar darüber abgestimmt und die Abstimmung war einstimmig. Zwei aus dieser Versammlung – einer davon war ich – haben sich dann bereit erklärt, einen Brief an den Papst zu schreiben. Wobei wir noch nicht wussten, wie es uns gelingen würde, den Brief dem Papst auch direkt zukommen zu lassen.

Dann hieß es also netzwerken?
Wir haben begonnen, Schlüsselpersonen für uns zu gewinnen. Es ist gelungen und der Papst hat schließlich unseren Brief bekommen. Das war im Februar 2017 und im Oktober hat Papst Franziskus die Synode tatsächlich für Oktober 2019 angekündigt. Im März 2018 hat der Papst dann den Vorbereitungsrat zur Synode einberufen und seitdem bin ich öfter in Rom.

Wenn ein Papst eine Synode einberuft, dann bedeutet ja das auch etwas für das Thema, das dort diskutiert wird.
Die Synode soll der Welt zeigen, was in und mit Amazonien passiert. Schon als die ersten Vorzeichen für eine Synode wie die nun kommende bemerkbar wurden, sind wir in Brasilien in uns gegangen und haben uns überlegt, was wir tun könnten. Und wir haben uns auf drei große Themen verständigt: die Sicherheit für die indigenen Völker, die Ökologie und die Eucharistiefeier in Amazonien. Bei der Arbeit im Vorbereitungsrat in Rom habe ich dann aber schnell gemerkt, dass wir in zwei völlig verschiedenen Welten leben – wir in Amazonien und sie in Europa, die Amazonien überhaupt nicht kannten und zu einem großen Teil nie in einer Pfarre tätig waren.

Sie sind also quasi der ständige „Übersetzer zwischen den Welten“?
Wir haben deshalb im Vorbereitungsdokument für die Synode, der Lineamenta, 30 Fragen gestellt. Der Papst wollte keine Abhandlung über Amazonien, sondern er wollte die Menschen dort hören. Er wollte von ihnen direkt hören, wo der Schuh drückt. In allen Dörfern wurden jetzt so auch die ganz einfachen Menschen zu ihrer Situation befragt. Man kann jetzt also nicht mehr so tun, als hätten wir nichts von ihrer Situation gehört. Ob wir mit der Synode einen Erfolg einfahren, wissen wir nicht.

Der Untertitel der Synode lautet: „Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Was darf man sich davon erwarten?
Wenn man sich fragt, was denn die neuen Wege für de Kirche sein sollen, dann erzähle ich am besten ein Beispiel, eigentlich ist es eine Tatsache. In unserer Diözese gibt es ungefähr 800 Gemeinden. Verstreut sind sie über ein Gebiet, das ca. 4 ½ Mal so groß ist wie ganz Österreich. Und wir sind 30 Priester. Ein Priester kommt also ein- oder zweimal im Jahr in jeder Gemeinde vorbei. Natürlich wird er dann herzlich begrüßt und dann liest er die Messe. Er „liest“ die Messe tatsächlich, weil die Menschen nicht mehr verstehen, was er da macht und was da passiert. Es ist ja auch kein Wunder. Der Priester ist ja nur einmal im Jahr da. Und warum, weil die Feier der Eucharistie rein dem zölibatär lebenden Mann vorbehalten ist. In derselben Gemeinde leben aber mehrere evangelikale Familien. Ihr Pastor ist immer da. Und natürlich gehen die Menschen dann am Sonntag, wenn ihr Pfarrer nicht da ist, zum Pastor. Warum ist das so, weil wir seit Jahrhunderten an einem rein menschengemachten Gesetz festhalten und man hat einfach nur Angst, dieses Gesetz zu ändern.

Sie sprechen die Frage nach dem Zölibat an.
Es geht nicht um die Frage Zölibat ja oder nein. Das ist nicht das Thema. Es geht um die Entkoppelung der Eucharistiefeier vom Zölibat. Warum sollte nur ein zölibatär lebender Mann die Eucharistie feiern dürfen. Schon 2014 hat der Papst zu mir gesagt, macht ihr Bischöfe mir mutige Vorschläge.

Mutige Vorschläge, da steht natürlich sofort die Frauenfrage im Raum.
Wenn man über die Frau in der Kirche spricht, frage ich mich immer, ob wir denn wirklich warten wollen, bis alle Frauen der Kirche den Rücken gekehrt haben? Müssen wir das? Oder können wir uns nicht einfach zusammensetzen und offen sagen, dass wir hier einfach mindestens 100 Jahre zurück sind. In Österreich wurde das Frauenwahlrecht 1918 eingeführt. Das war vor mehr als 100 Jahren. Warum schaffen wir das als Kirche nicht.

Der Diakonat der Frau wird ja bereits diskutiert.
Wir haben da in der Kirche ein Oben und ein Unten und das ist nicht im Sinne Jesu. Im Gegenteil, Jesus hat die Frauen emanzipiert. Natürlich hat sich schon vieles weiterentwickelt, aber bis zum entscheidenden Punkt kommen wir einfach nicht. Wir werden sehen, ob wir es bis zum Diakonat der Frau schaffen. Ich hoffe es. Maria Magdalena war ja die erste, die die Auferstehung verkündet hat. Sie war die Apostolin der Apostel.

Und die viri probati, also die Zulassung von verheirateten, bewährten Männer zur Weihe – wäre das ein weiterer Ansatz?
Im Hinblick auf die viri probati kann meiner Einschätzung nach noch etwas vorwärts gehen. Wobei, das ist nicht die Lösung, denn sie ist wieder rein geschlechterspezifisch.

Neben den neuen Wegen steht ja aber auch die ganzheitliche Ökologie im Zentrum der Synode. Wie ist das zu verstehen?
Der Begriff „Ökologie“ kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie „Haus“. Ich gehe nach Hause, was heißt das denn. Es heißt: Ich gehe heim. Es geht da auch darum, dass wir verstehen, dass die indigenen Völker nur in unserer Mitwelt überleben können. In der jetzigen politischen Situation Brasiliens sind die Indigenen völlig „überflüssig“, sie haben keine Rechte mehr, obwohl sie laut Verfassung natürlich Rechte haben. Die Praxis aber sieht anders aus. Auch hier gibt es nur ein Oben und ein Unten. Und das gibt es seit Jahrhunderten. Die Sklaverei wurde zwar offiziell schon lange abgeschafft, aber die Idee, dass es Menschen gibt, die zum Herrschen geboren sind und Menschen, die dazu da sind, um zu dienen, lebt weiter.

Wann wäre die Amazonas-Synode für Sie auf der Erfolgsseite zu verbuchen?
Die Synode ist für mich erfolgreich, wenn die Länder, die Amazonien ausmachen, die Ergebnisse der Synode hören. Wir werden kein Programm vorlegen können, aber wir werden den Ländern Amazoniens nahe legen, ein Programm zu entwickeln. Aber auch die Länder, die aus Amazonien Profit schlagen, sollen die Botschaft der Synode hören. Nicht „macht euch die Erde untertan“, nein, hegt und pflegt sie. Und hegen und pflegen kann man nur jemanden, den man liebt.

In Ihrem Einsatz für die Schwachen sind Sie viele Risiken eingegangen und stehen bis heute unter Polizeischutz.
Ich stehe jetzt seit 13 Jahren unter Polizeischutz. Nicht, weil ich es will, sondern weil die Regierung das so will. Wenn ich in Altamira lande, dann warten dort schon zwei Polizisten auf mich, die mich freundlich empfangen und mich heim fahren. Dort bleiben sie dann, bis zum Schichtwechsel nach 24 Stunden. Dann kommen die nächsten zwei. Man gewöhnt sich nie daran. Auch wenn man sich nach den Jahren relativ gut kennt. Ich habe alle vier meiner Bodyguards gefirmt. Und dabei haben wir gemerkt, dass ich einen von ihnen als Kind sogar getauft habe.

Haben Sie da manchmal Angst?
Angst habe ich nicht. Man kann nicht in ständiger Angst leben. Ich vertraue auf Gott.