Sich in der Kirche über die Kirche auskotzen. Darf man das? "Selbstverständlich", ist sich P. Martin Werlen sicher und lud vergangene Woche zur "Auskotzete" in die Propstei St. Gerold.

"Was zurzeit in der Kirche abläuft, ist zum Davonlaufen." Das sitzt. Nicht nur in der Einladung zur "Auskotzete" fand P. Martin Werlen klare Worte - auch bei der Veranstaltung selbst lud er mit einem offenen Mikrofon alle ein, über "dieses verletzende Kasperltheater, das auf tiefstem Niveau stattfindet" zu sprechen. Vorausgesetzt man hielt sich an die 2-Minuten-Begrenzung.

Jetzt reichts!

Rund 40 Frauen und Männer, Diakone, PastoralassistentInnen oder "ganz normale ChristInnen" - kurz: Menschen, denen die Kirche nicht egal ist,  waren an diesem Freitag Abend nach St. Gerold gekommen, um sich gemeinsam "auszukotzen". Die negative Reaktion eines Pfarrers auf die Veranstaltung habe ihn bewogen, herzukommen, erklärte ein Mann und freute sich "Gleichgesinnte" gefunden zu haben. Und davon gab es viele.

Zwischen Hoffnung und Resignation

"Als Frau sehe ich die Kirche schon lange kritisch, weil sie Männern vieles erlaubt", sprach eine Frau eine der Ungerechtigkeiten der Kirche an. Schon lange schiebe sie den Austritt vor sich her - "und dann kam die Einladung". Andere erzählten vom Aus- und Wiedereintritt. Weil ihnen die Kirche eben nicht egal ist. Die Wut habe sich in Trauer verwandelt und Hoffnung sei kaum mehr vorhanden, zeigte sich sich eine Frau resigniert - aber, dass so viele hier seien, sei für ihn ein großes Hoffnungszeichen, freute sich ein Mann.

Nichts für schwache Nerven

(Macht)missbrauch, Verbrechen, Ungerechtigkeiten, Zölibat oder die Rolle der Frau - an diesem Abend durfte alles gesagt werden: "Seit dem Konzil warte ich, dass die Kirche ernst macht mit der Mündigkeit aller Getrauften". "Die Kirche hat meine Kinder zu Atheisten gemacht" oder "ich verstehe, dass meine Kinder aus der Kirche austreten" waren nur einige der Zeugnisse, die (nicht nur) P. Martin Werlen "sehr sehr tief berühren". Manche berichteten von persönlichen Missbrauchserfahrungen, vom Schweigen oder davon, was ihnen Kraft gibt.

Der Hund hat meine Hausübung gefressen

"Aufregen, nicht austreten", lautete eine der Kampfansagen. Aber die Kirche bzw. diverse Verantwortungsträger machen es einem nicht leicht. Zum Beispiel, wenn ein emeritierter Papst seine Aussage für ein Missbrauchsgutachten korrigiert und sein ursprüngliches Abstreiten als "Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme" bezeichnet. Das sei das das Äquivalent von "Der Hund hat meine Hausübung gefressen", zitiert Werlen "den Standard". Und wenn andere "Würdenträger" Verhalten wie dieses auch noch verteidigen, denke er sich "das darf doch nicht wahr sein", zeigt sich der Pater entsetzt.

Wir brauchen eine Kirche, die anders ist

"Wir brauchen keine andere Kirche. Aber wir brauchen eine Kirche, die anders ist", zitiert er Papst Franzisus und betont, dass alle gefordert sind, "wenn wir wollen, dass Kirche anders wird". Oder um es mit den Worten des Seligen Óscar Romero zu sagen: "Wenn viele Menschen sich bereits von der Kirche entfernt haben, dann ist das darauf zurückzuführen, dass die Kirche sich zu weit von der Menschheit entfernt hat." Und deshalb wurde sowohl das Essen im Anschluss als auch der darauffolgende Samstagvormittag genutzt neue Perspektiven zu entwickeln. Es bleibt auf jeden Fall spannend.