Fidelis von Sigmaringen war der Guardian des Kapuzinerklosters in Feldkirch, der von Aufständischen im Prättigau erschlagen wurde. Markus Hofer meint: Wir sind ihm noch etwas schuldig.

FIDELIS VON SIGMARINGEN

Die Inquisition in Feldkirch
Auch in Feldkirch gab es einen Inquisitionsprozess. Allerdings wurde niemand gefoltert und niemand auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und doch wurde am Ende eine Frau aus der Stadt verbannt. Die Inquisition wurde im Zuge der Gegenreformation von Erzherzog Leopold V. empfohlen, um die habsburgischen Gebiete wieder katholisch zu machen. Die Frau, die es 1619 traf war Anna Zoller, eine angesehene Bürgerin der Stadt Feldkirch; vielleicht sogar mit dem Pfarrer verwandt. Als „Jungfrau Anna Zoller“, wie es in den Prozessakten heißt, war sie offensichtlich ledig und kinderlos. Sie muss eine kommunikative Frau gewesen sein, etwas redselig vielleicht, aber auch sehr selbstbewusst und manchmal durchaus lustvoll widersprechend. In den Akten heißt es, sie besitze einen „sektischen Irrschalk“. Aus heutiger Sicht könnte man vielleicht sagen: Sie war ein emanzipierter, katholischer Freigeist mit einer gewissen Gerissenheit.
Nach einer Predigt des damaligen Guardians des Kapuzinerklosters über das Fegefeuer muss sie ihren Unmut über das Thema Fegefeuer deutlich geäußert haben. Sie habe es zwar „in ihrer Behausung“ getan, aber dort vermutlich lautstark und nicht nur einmal. So wurde die ganze Sache dem Stadtpfarrer von Feldkirch „vorgebracht“. Diesem war es eher peinlich, wie später auch den Feldkircher Ratsherren. Der Pfarrer selber war nie die treibende Kraft in diesem Prozess. Er wollte sie vorerst einfach „ihres Glaubens oder ihres Schalks halber zur Rede“ stellen.
Doch so einfach ging es nicht mit der Frau Zoller. Es gab ein langes Hin-und-her und sie ließ dabei auch nicht locker. Sie versäumte offensichtlich bewusst einen Termin beim Pfarrer, indem sie eine Krankheit vorschob, schlug die Versöhnung mit dem Pfarrer aus und setzte noch eins drauf, indem sie mit einem Schreiben an den Pfarrer die ganze Sache erst recht offiziell machte.
Das verlangte nun nach amtlicher Klärung und so kam es zum Inquisitions-Prozess in Feldkirch. Der Inquisitor war kein geringerer als Fidelis von Sigmaringen, der Kapuziner-Guardian, an dessen Predigt sie sich gestoßen hatte. Jetzt hatte sie ihren Gegner gefunden. Fidelis von Sigmaringen gegen Anna Zoller - zwei gleichermaßen hartnäckige Personen trafen aufeinander. Ansonsten war dieser Prozess der Stadt eher peinlich und niemand wollte ihn – außer den beiden Protagonisten.
Anna Zollers schriftlichen Antworten, die den Prozessakten beigelegt sind, waren durchaus gerissen und zeugen von einer großen theologischen Bildung. Zugespitzt hatte es sich, als Fidelis von ihr verlangte, das große Tridentinische Glaubensbekenntnis abzulegen. Dieses heute nicht mehr verwendete Glaubensbekenntnis benennt im Zuge der Gegenreformation viele Irrlehren, die dann verdammt wurden. Anna Zoller meinte, sie stimme inhaltlich allem zu, aber das Bekenntnis müsse sie verweigern. Und warum? Weil sie dann gegen das Wort Christi handeln würde, der gesagt habe: Du sollst nicht verdammen, dann wirst du auch nicht verdammt. Das muss Fidelis getroffen haben, aber genützt hat es ihr letztlich nichts. Neuerliche Fristen gegenüber dem Rat der Stadt, dem Pfarrer und ihrem Inquisitor ließ sie verstreichen und so wurde sie am 10. März 1620 als „öffentliche Ketzerin erkannt“ und unter Verlust des Bürgerrechts aus der Stadt Feldkirch vertrieben.
Eigenartigerweise: Die Stadt Konstanz, in die sie zog, wurde über den Prozess in Feldkirch informiert und es ist doch interessant, dass sie für die katholische Stadt Konstanz gläubig genug war, um sie aufzunehmen. Dasselbe gilt für die Stadt Feldkirch, in die sie zwei Jahre später nach dem Tod des Fidelis wieder zurückkehren konnte.
War Fidelis von Sigmaringen eine Art Großinquisitor? Auf keinen Fall! Aber der Prozess ist in den Akten sehr gut dokumentiert und er zeigt doch EINEN Zug des hl. Fidelis sehr gut.

Hart aber herzlich
Der Kapuziner Laurentius von Fellers (1949) charakterisiert die Person des Fidelis sehr treffend, wenn er schreibt: „In seinem privaten Verkehr ist er der liebenswürdigste Mensch und sobald er seinem Feind, dem Irrglauben, gegenübersteht, beginnt der Kampf.“ Mit der an sich harmlosen Anna Zoller wurde er nicht fertig. Er war hart und herzlich! Er war beides, beides fast nebeneinander und manchmal schillert er wie in einem Kaleidoskop.
Reformierte Landadlige aus dem Bündner Land, einzelne von ihnen konnte er sogar wieder zum katholischen Glauben bekehren, schildern ihn als äußerst liebenswürdigen Menschen und betonen nicht nur seine hohe Bildung, sondern auch seine Milde und Sanftmut. Br. Fidelis war in Feldkirch ein sehr beliebter Prediger. Hier trat er auch immer wieder gegen Unrecht auf und stand im Ruf als Advokat der Armen. Ausbeutern von Armen und Witwen verweigerte er sogar die Absolution. Sogar in ehelichen Angelegenheiten war er tätig in der Funktion des Mediators (Schlichter). Die habsburgischen Söldner, die in Feldkirch stationiert waren, betreute er nicht nur als Seelsorger, sondern setzte sich bei den Oberen auch für bessere Bedingungen ein. Als sie schon länger keinen Lohn mehr bekamen, plünderten die Söldner den Weinkeller des Zahlmeisters. Fidelis war es, der ihre Bestrafung verhinderte. Als unter ihnen die Cholera ausbrach, kroch er im Lazarett zu den Ohren der Soldaten, um ihnen die letzte Beichte abzunehmen.
Er war aber streng und hart, wenn es im eigenen Kloster um Ordensdisziplin ging. „Der Tupf musste bei ihm eben auf jedes i Zeichen!“, schreibt Laurentius von Fellers. Unerbittlich bis stur wurde er, wenn es um die Einheit im Glauben ging. Wie konnte der liebenswürdige Kapuziner so hart und unbeugsam werden, sobald es um den Glauben ging? Seine Familiengeschichte manches nachvollziehbar machen. Fidelis kam 1578 in Sigmaringen als Markus Roy zur Welt. Seine Mutter stammte aus dem damals protestantischen Tübingen und heiratete ins katholische Sigmaringen. Es kann durchaus angenommen werden, dass sie aus diesem Anlass konvertierte. Der Vater starb, als Fidelis erst 13 Jahre alt war. Die Mutter heiratete erneut und zog noch im selben ohne ihre Kinder weg ins wiederum protestantische Eibingen. Aus dieser Familiengeschichte entwickelte er möglicher Weise eine tiefe innere Sehnsucht nach Einheit, die sich dann auch widerspiegelt in seinem Kampf um die Einheit im Glauben. Eine Zuspitzung dieser Sehnsucht fand er in der verhängnisvollen Rätischen Mission.

Die Rätische Mission
Graubünden kam erst spät als Kanton zur Schweiz. Es war ein politisch wie geografisch unübersichtliches Gebiet, durch das aber eine wichtige Nord-Süd-Route ging. Während des Dreißigjährigen Krieges spielte sich hier das Ganze nochmal im Kleinen ab, die sog. „Bündner Wirren“ (1618 bis 1639). Das Reich der Habsburger, das aus dem Haus Österreich und dem Haus Spanien bestand, suchte hier in den Alpen eine Verbindung beider Reiche, um die Nord-Süd-Route kontrollieren zu können. Doch dagegen hatte sowohl die katholische Seerepublik Venedig etwas, wie auch das gleichfalls katholische Frankreich.
Der Prättigau, die gebirgige Talschaft, die sich von Landquart dem Süden Vorarlbergs entlang zieht bis nach Klosters, gehörte zu den habsburgischen Erblanden. Im 16. Jahrhundert wurde die ganze Talschaft reformiert. Die katholischen Habsburger mischten sich vorerst nicht ein; vielleicht einfach auch weil dieses Bergtal zu unwichtig war. Doch in den Bündner Wirren spitzte sich das gefährliche Fadenkreuz zu. Im Oktober 1621 marschierten die Habsburger mit einigen tausend Söldnern im Prättigau ein. Dabei wird wahllos geplündert, gebrandschatzt und gemordet. Nach der Rückeroberung müssen die Männer des Prättigaus alle ihre Waffen abgeben, einen Treueeid auf den Erzherzog leisten und auf Knien die Habsburger um Verzeihung bitten. Man kann sich vorstellen, was für eine nachhaltige Demütigung das für die Bevölkerung war.
Nach der ‚erfolgreichen Besetzung‘ fehlte noch die Wiederherstellung des katholischen Glaubens und das war natürlich nicht mit Söldnern zu bewerkstelligen. Der Bischof von Chur und Erzherzog Leopold von Tirol waren sich schnell einig, dass der Guardian des Kapuzinerklosters, Br. Fidelis von Sigmaringen, der seit 1621 wieder in Feldkirch war, genau der richtige Mann dafür sei. Noch am 30. Januar 1622 stapfte Br. Fidelis in tiefem Schnee von Feldkirch in den Prättigau – der schriftliche Auftrag dafür hat ihn zu Lebzeiten gar nicht mehr erreicht!

Das Religions-Strafmandat
Im Prättigau stieß Fidelis auf eine undurchdringliche Mauer der Abwehr. Man begann sich wieder zu bewaffnen und bastelte aus der Not heraus den sog. Prättigauer Knüttel (mit Eisen beschlagene Holzprügel), nachdem ihnen alle Waffen abgenommen wurden. Für die Menschen der Talschaft war der Kapuzinerbruder nichts anderes als ein Repräsentant der verhassten Besatzer. Es war ein in jeder Beziehung „unmöglicher“ Auftrag: Fidelis hatte nie eine Chance.
Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck. Doch das galt nicht nur für die Prättigauer, sondern jetzt gleichermaßen auch Fidelis. Aus dem liebenswürdigen Kapuziner wurde der harte Glaubenskämpfer. Nach dem ersten erfolglosen Versuch zog er sich in Kloster nach Feldkirch zurück und verfasste das sog. Religions-Strafmandat, ein Zehn-Punkte-Programm, das vom Erzherzog in Tirol bestätigt und darauf im Prättigau verlesen wurde. „Hart und herzlich“ zeigte sich Fidelis vor allem in den beiden Artikeln 4 und 6. Einerseits formulierte er klar, dass niemand zum Glauben gezwungen werden soll und das klingt fast wie die Vorwegnahme der Religionsfreiheit. Gleichzeitig wird aber die Bevölkerung bei Strafe verpflichtet, die katholischen Predigten anzuhören. Bei der ersten von ihm bei Strafe angeordneten Predigt wird er von aufständischen Prättigauern erschlagen. Es ist irgendwie tragisch und folgerichtig zugleich.

Der 24. April 1622
Fidelis kommt am Samstag, den 23. April zum zweiten Mal in den Prättigau und übernachtet vorerst unten in Grüsch. Oberst Baldirone lässt in Seewis an diesem Samstag verkünden, dass am Sonntag der Kapuzinerbruder zur verpflichtenden Predigt komme. In der Talschaft geht das Gerücht, dass die österreichischen Soldaten die Bevölkerung mit Waffengewalt zum Glauben zwingen wollen. Der ganze Prättigau gleicht einem Pulverfass. Am Sonntagmorgen geht Fidelis trotzdem. Zum Schutz wird er begleitet von ein paar Soldaten unter Hauptmann Colonna.
Was passierte da oben an diesem Sonntag? Es gibt verschiedene, meist tendenziöse Schilderungen. Der vermutlich authentischste Bericht findet sich in einem Brief, den vier Tage später der Vogteiverwalter von Feldkirch an den Landvogt der katholischen Stände in Luzern schrieb: „Unter diesem entstandenen Tumult haben sich zwei Kapuziner, P. Fidelis, ehemaliger Guardian hier in Feldkirch und P. Johannes, sein Begleiter, sehr fromme und gelehrte Priester befunden, der eine zu Seewis, der andere zu Grüsch in den Kirchen beim Gottesdienst. Während der Predigt haben die treulosen Leute erst die Schildwache vor der Kirche, danach die Soldaten in der Kirche mehrteils niedergehauen, den P. Guardian von der Kanzel herabgerissen, vor die Kirche auf den Friedhof geführt, ihm angezeigt, er habe sie lang zum Beichten zwingen wollen, jetzt müsse er ihnen beichten, und ihn gleich darauf mit Stecken und Kolben zu Tode geschlagen.“ Einsam und allein ist er gestorben am Ende eines Kommandos, das man nur als unverantwortlich  bezeichnen kann. Ein Kommando, das von Anfang an aussichtslos war. Fidelis versuchte die Chance zu nutzen, die er nie bekam.
Die Ereignisse um den 24. April bildeten den Auftakt zu einem Befreiungsschlag der Prättigauer gegen die österreichischen Besetzer. Der grausame Gegenschlag ließ aber nicht lange auf sich warten. Mit einem Heer von 10.000 Mann, Söldnern aus verschiedenen Ländern, eroberten die Österreicher im September die gesamte Talschaft zurück. Ganze Dörfer, darunter auch Seewis, gingen dabei in Flammen auf.

Wir sind ihm etwas schuldig
Man kann Fidelis verehren oder ablehnen. Die meisten Urteile über ihn stimmen und stimmen doch nicht. Er war tiefgläubiger Kapuziner und er war Repräsentant eines politischen Systems. Er war beides und beides gleichzeitig - je nach Blickwinkel. Er war eine schillernde Person, je nachdem welches Licht auf ihn fällt, irgendwo dazwischen in einer verrückten Zeit.
124 Jahre nach seinem Tod wurde Fidelis von Sigmaringen in Rom heiliggesprochen mit allem Pomp und aller Glorie. Gestorben ist er allein und kaum beschützt - angesichts der Heiligsprechung eine fast schon skurrile Tragik. Der katholische Dichter Georges Bernanos schrieb in seiner fiktiven „Predigt eines Atheisten am Fest der Kleinen Therese“: Ihr [Katholiken, die ihr die Heiligen verehrt] gleicht jenen sagenhaften Italienern, die auf das Signal zum Angriff warten. Plötzlich reißt der Oberst seinen Säbel hoch, springt über die Brustwehr, rennt allein durch das Sperrfeuer mit dem Ruf: „Avanti, avanti!“, während seine Leute, immer noch im alten Schützengraben kauernd, elektrisiert von so viel Heldenmut, mit leuchtenden Augen in die Hände klatschen: ‚Bravo, bravo, bravissimo!“
Wir sind dem heiligen Fidelis von Sigmaringen etwas schuldig und zwar mehr als nur ein verspätetes Bravissimo. Was wir ihm schuldig sind, ist ein Stück Würde! Der Auftrag nämlich war würdelos und sein Sterben ebenfalls. Dieses Stück Würde können wir ihm nicht zurückgeben, wenn wir ihn modernistisch nur als Glaubenskrieger abtun. Dieses Stück Würde können wir ihm aber genauso wenig zurückgeben, wenn wir ihn nur frömmlerisch verklären.

Markus Hofer

Den ungekürzten Vortrag bei der Fidelisakademie finden Sie HIER.
Das Buch von Markus Hofer über Fidelis von Sigmaringen finden Sie HIER.
Die Lebensdaten des hl. Fidelis finden Sie HIER.