Pfarrkirche St. MartinMarktplatz 16850 Dornbirn Markt
Ein Abend über Briefe, Familienerinnerungen und die Frage, wohin Verantwortung führt und was Carl Lampert uns hinterlassen hat.
Zeit verhält sich an diesem Abend eigentümlich. Ein erster Orgelton füllt den Raum von St. Martin, dehnt ihn, hält ihn offen. Für einen Moment scheint nichts zu geschehen und doch ordnet sich etwas neu. Der Klang steht, während überraschende Filmaufnahmen aus Dornbirn vor rund hundert Jahren erscheinen: Straßen, Gesichter, Bewegungen. Vergangenes tritt nicht zurück, Gegenwärtiges rückt näher.
Der Erinnerungsabend für Carl Lampert setzt genau hier an. Briefe Carl Lamperts werden gelesen, Musik öffnet Räume, Bilder treten hinzu. Erinnerung erscheint als etwas, das sich in die Gegenwart hineinschreibt.
Erinnerung in Bewegung
Im Zentrum stehen Texte Carl Lamperts selbst. Nico Raschner, der Lampert bereits auf der Bühne des Vorarlberger Landestheaters verkörpert, liest aus dessen Briefen. Sie stammen aus einer Zeit, in der Sprache unter Druck stand und jedes Wort Gewicht trug. Gerade darin liegt ihre heutige Kraft. Zwischen den Zeilen entsteht eine Frage, die nicht historisch bleibt: Was bedeutet es, Haltung zu bewahren, wenn Anpassung nahe liegt?
Diese Frage wird im Abend weitergetragen. Nachkommen der mit Lampert befreundeten Familien Rigger und Rohner sowie Angehörige der Familie Lampert selbst sprechen darüber, wie sich seine Haltung in ihren Familien fortgeschrieben hat. Erinnerung zeigt sich hier nicht abgeschlossen, sondern weiterwirkend als innere Orientierung, die Entscheidungen prägt. Eine Stimme des Erinnerungsabends bringt es persönlich auf den Punkt: „Er ist derjenige, an dem ich mich messe, wenn ich mein eigenes Maß suche.“
Musikalisch wird der Abend von der Orgel in St. Martin und dem Tanin-Streichquartett getragen. Rudolf Berchtel eröffnet an der Orgel den Klangraum. Das Tanin-Streichquartett mit Yashar Noorozi und Elena Marabini (Violine), Ali Delangiz (Viola) und Luis Alejandro Castillo (Violoncello) führt diesen Klang weiter. Musik wirkt hier als eigene Sprache, die Übergänge öffnet und Spannungen aushält.
Linien in die Gegenwart
Im anschließenden Podium kommen unterschiedliche Perspektiven zusammen. Bischof Benno Elbs, Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, Historiker Meinrad Pichler sowie Vertreterinnen und Vertreter der Lampert-Familie sprechen über Wirkung: über Sprache, die sich verschiebt; über Verantwortung, die im Kleinen beginnt; über jene feinen Bewegungen, an denen sich zeigt, wohin eine Gesellschaft sich bewegt.
Durch den Abend führt Markus Linder. Seine Moderation bewegt sich mit feiner Hand zwischen Ernst und Leichtigkeit. Als Kabarettist kennt er die Fallhöhen der Sprache, als Mensch bringt er eine persönliche Spur ein, die den Abend vertieft. Sein Großonkel Alois Knecht war mit Carl Lampert im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. In seinen Erinnerungen bezeichnete Knecht Lampert als eine Sonne im Lager. Dieses Bild wirkt nach und wirft eine Frage auf: Wie viel Menschlichkeit kann ein Einzelner bewahren, selbst dort, wo alles dagegen steht?
Viele Komponenten
Dieser Abend setzt auf Zuhören, auf das Zusammenspiel von Wort, Musik, Bild und Gespräch. Lamperts Satz „dass Menschen wieder Menschen werden“ steht dabei nicht als Leitspruch im Raum, sondern als Maßstab.
Was man von diesem Abend mitnimmt, lässt sich nicht festlegen. Vielleicht einen Satz. Vielleicht eine Irritation. Vielleicht die leise Einsicht, dass Erinnerungsarbeit dort beginnt, wo Verantwortung in die Zukunft weist. Der Abend endet – das Denken und Fühlen geht weiter.