
Schon die Einführung zum Vortrag setzte den Ton: Wer sich mit Tyrannen, Vergewaltigern, Nazis, Pädophilen oder Serienmörderinnen beschäftigt, betritt keinen angenehmen Raum. Und doch ist es genau dieser Raum, den Schauspielerinnen und Schauspieler immer wieder aufsuchen – nicht aus Lust am Skandal, sondern aus einem ernsthaften Interesse am Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Denn Schauspiel, so wurde an diesem morgen deutlich, ist mehr als Darstellung. Es ist ein Versuch, sich einem Menschen so weit wie möglich anzunähern – auch dort, wo er fremd, verstörend oder moralisch abgründig erscheint. Wer eine Figur spielt, darf sie in diesem Moment nicht verurteilen. Nicht, weil ihre Taten dadurch harmloser würden, sondern weil echtes Spiel nur dort beginnt, wo übereilte Urteile zurücktreten.
Proschat Madani näherte sich dem großen Thema nicht theoretisch, sondern aus ihrer eigenen künstlerischen Praxis. Gleich zu Beginn sagte sie mit entwaffnender Klarheit: „Ich bin Schauspielerin. Ich spiele. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, so zu tun, als ob.“ Darin liegt, so die Schauspielerin, freilich kein bloßes Vortäuschen. Im Gegenteil: Madani machte eindrucksvoll deutlich, dass gutes Schauspiel gerade nicht in der Verstellung besteht, sondern in einer besonderen Form von Wahrhaftigkeit. Sie zitierte den amerikanischen Schauspiellehrer Sanford Meisner mit den Worten: „Acting is behaving truthfully under imaginary circumstances.“ Schauspiel sei also „wahrhaftiges Verhalten unter vorgestellten Bedingungen“.
Was einfach klingt, ist in Wahrheit hochkomplex: Aus einer Rolle, die zunächst nur auf dem Papier existiert, muss ein glaubwürdiger Mensch werden – mit Körper, Sprache, Haltung, Geschichte und innerem Konflikt.
Besonders eindringlich wurde der Vortrag dort, wo Proschat Madani über das Spiel mit dunklen und zerstörerischen Figuren sprach und dies mit etlichen Filmausschnitten eindrücklich vorführte. Sie benannte eine der wichtigsten Regeln ihres Berufs: „Finde niemals ein moralisches Urteil über deine Figur. Hasse sie nicht, verurteile sie nicht.“ Diese Haltung ist radikal – und missverständlich nur auf den ersten Blick. Denn sie bedeutet keineswegs, das Böse zu relativieren oder Schuld aufzulösen. Vielmehr geht es um die Bereitschaft, den Menschen hinter der Tat nicht aus dem Bereich des Menschlichen auszuschließen. Gerade darin lag die eigentliche Tiefe des Vortrags: im Beharren darauf, dass das Böse nicht einfach „die anderen“ betrifft. Wer im geschützten Raum des Spiels versucht, auch das Monströse nachzuvollziehen, schärft den Blick für jene Bruchstellen, die zum Menschsein selbst gehören. Das Verstehen enthebt nicht der Verantwortung – aber es bewahrt davor, sich selbst vorschnell auf die Seite des Guten zu schlagen.
Die Schauspielerin und Autorin sprach auch über die eigentümliche Faszination, die von bösen oder ambivalenten Figuren ausgeht. Gute Geschichten, so ihre These, leben nicht von makellosen Heldinnen und Helden, sondern von Widerstand, Konflikt und innerer Spannung. Ohne Gegenspieler, ohne Gefahr, ohne Abgrund gäbe es keine Entwicklung – weder im Erzählen noch im Leben. Gerade deshalb sind es oft nicht die moralisch einwandfreien Figuren, die uns in Erinnerung bleiben, sondern jene, in denen sich Charme und Kälte, Verletzlichkeit und Gewalt, Sehnsucht und Zerstörung überlagern. Das Böse erscheint selten eindimensional. Und genau darin liegt seine erzählerische – und menschliche – Sprengkraft.
So erwies sich dieser Vortrag in Kombination mit den eindrücklichen Filmszenen letztlich weit mehr als ein Blick hinter die Kulissen der Schauspielerei. Er wurde zu einer Auseinandersetzung mit dem Menschenbild selbst. Wer bin ich – jenseits meiner Selbstbilder? Wie schnell urteile ich über andere? Und wie wach bin ich gegenüber dem, was auch in mir angelegt sein könnte? Mit großer Präsenz, Witz und gedanklicher Schärfe gelang Proschat Madani im Montagsforum Dornbirn ein Vortrag, der nicht beruhigte, sondern auf produktive Weise beunruhigte.
Proschat Madani wurde im Iran als jüngstes von vier Kindern geboren und kam im Alter von vier Jahren über die USA nach Wien, wo sie aufwuchs. Nach einigen Semestern Theaterwissenschaften absolvierte sie ihre Schauspielausbildung am Konservatorium der Stadt Wien bei Elfriede Ott. Engagements führten sie unter anderem ans Landestheater Tirol, ans Schauspielhaus Graz, ans Volkstheater sowie ans Theater in der Josefstadt.
Seit 2000 arbeitet sie vorwiegend für Film und Fernsehen. Einem breiten Publikum wurde sie unter anderem als Polizeipsychologin Tanja Haffner in Der letzte Bulle sowie als Rechtsanwältin Tina Mossaheb in Vorstadtweiber bekannt. Zuletzt war sie neben Caroline Peters in der Kinokomödie What a Feeling zu sehen.
Nach 15 Jahren in Berlin lebt Proschat Madani seit 2020 wieder in Wien. Sie ist mit Filmregisseur Harald Sicheritz verheiratet; ihre Tochter Sonja lebt als Kamerafrau in Berlin.
2019 wurde sie für ihre Rolle alsTilia Konstantin in Walking on Sunshine mit der Romy als beliebteste Schauspielerin ausgezeichnet.
2013 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Suche Heimat, biete Verwirrung, in dem sie sich mit dem Thema Fremdsein auseinandersetzt. Im September 2025 erschien ihr zweites Buch Leben spielen, ein Plädoyer für die Kunst des Spielens – auf der Bühne, vor der Kamera und im Alltag.