
Von Katharina Körber, Diözesanarchiv
Der Begriff Fasten- oder Hungertuch klingt nach Entbehrung. Und genau darum ging es ursprünglich auch. Mit Beginn der Fastenzeit wurde der Altarraum mit einem großen Tuch abgehängt. Den Gläubigen wurde der Blick auf das Allerheiligste verwehrt. Der Gottesdienst konnte nur noch hörend verfolgt werden. Den Kirchgängern wurde eine Art Augenfasten auferlegt.
Was früher als Verhüllung diente, feiert heute eine beeindruckende Renaissance. Es ist populär geworden, zeitgenössische Künstler mit der Neuinterpretation und Gestaltung von Fastentüchern zu beauftragen. Sie sind keine Barrieren mehr, sondern moderne Kunstwerke, die zum Innehalten einladen.
Ein schönes Beispiel ist alljährlich ab Aschermittwoch in der Kapelle des Bildungscampus' Marianum zu sehen. Das dortige Fastentuch stammt von dem Dornbirner Künstler Prof. Gerhard Winkler. Es entstand 1975 in einjähriger Arbeit. Auf einer beeindruckenden Fläche von 7 x 2,4 Metern entfaltet sich ein Zyklus aus fünfzehn Kreuzwegstationen. Technisch besticht das Werk durch einen außergewöhnlichen Materialkontrast. Die einzelnen Bilder sind als derbe Holzschnitte auf Seide ausgeführt. Mit nur zwei Farben und reduzierten Formen erzeugt Winkler eine enorme Wirkung. Hinzu kommt der grobe Schnitt des Holzes, der das Schmerzhafte der Passion betont. Ein außergewöhnlicher Rahmen aus geknüpften Sisalschnüren hält die Szenen zusammen und verleiht dem Ganzen eine markante textile Haptik.
Das Marianer Fastentuch zeigt auf zeitgenössische Art und Weise die Leidensgeschichte Jesu, ein Zusammenspiel aus sakraler Tradition und moderner Grafik.
Die mehrteilige Serie "Ans Licht gebracht" macht verborgene Schätze aus dem diözesanen Archiv sichtbar.