
Draußen ist es kalt und dichter Nebel hängt über der Stadt. In der Notschlafstelle am Jahnplatz brennt kurz nach 7 Uhr bereits Licht und es ist wohlig warm. Für Sozialarbeiterin Stephanie beginnt ihr Arbeitstag mit einem Gespräch mit ihrer Kollegin Romana, die die letzten zwölf Stunden Dienst hatte. Die Nacht war ruhig, doch Stephanie weiß: Jeder Abend in der Notschlafstelle bringt neue Geschichten – und damit neue Schicksale, die berühren und so unterschiedlich sind, wie die Menschen selbst.
Romana kann Stephanie gleich von drei Neuaufnahmen am Vorabend berichten. Einer der Neuankömmlinge ist Dave. Der 31-Jährige hat die vergangenen Nächte auf der Straße verbracht und ist mehr als nur erleichtert, jetzt ein warmes Zuhause auf Zeit gefunden zu haben. „Ich habe auf einer Parkbank beim Bahnhof Bregenz geschlafen. Es war bitterkalt, deshalb konnte ich kaum ein Auge schließen und bin immer wieder aufgestanden und herumgelaufen, um mich aufzuwärmen“, erzählt Dave bei seinem Aufnahmegespräch.
Dave ist in Wien aufgewachsen und der Liebe wegen vor sieben Jahren nach Vorarlberg gezogen. In seiner neuen Heimat ging der aufgeschlossene Mann jahrelang einer geregelten Arbeit nach und kümmerte sich gemeinsam mit seiner Partnerin um die Kinder. Doch nach einiger Zeit ging die Beziehung in die Brüche und Dave musste aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Die Suche nach leistbarem Wohnraum gestaltete sich schwierig; „Ich konnte nichts Leistbares finden. Viele Vermieter verlangen eine hohe Kaution, die ich momentan einfach nicht aufbringen kann.“ Zunächst konnte der 31-Jährige noch bei Freunden übernachten, doch irgendwann blieb ihm nur noch die Straße. Hier erlebte er Kälte und Ausgrenzung. Eine Erfahrung, die er nicht noch einmal machen möchte. In der Notschlafstelle hat er nun 28 Tage Zeit, sein Leben wieder neu zu ordnen und wird bei der Suche nach leistbarem Wohnraum unterstützt.
Für Caritas-Mitarbeiterin Stephanie ist das Schicksal von Dave kein Einzelfall: „Wir haben immer wieder Menschen hier bei uns, die tagsüber zur Arbeit gehen und trotzdem über keinen eigenen Wohnraum verfügen.“ Neben einem Bett für die Nacht bietet die Notschlafstelle auch die Möglichkeit, eine warme Mahlzeit zuzubereiten und sich zu duschen. Um Perspektiven für die Zeit nach dem Aufenthalt in der Notschlafstelle aufzuzeigen, wird werktags jeweils von 8 bis 11 Uhr eine Sozialberatung angeboten.
Die Notschlafstelle wurde heuer umfassend renoviert. Seitdem stehen acht Einzelzimmer zur Verfügung. Die sieben Gäste, die hier derzeit wohnen, sind aus den unterschiedlichsten Gründen in der Einrichtung der Caritas: Ein junger Mann musste vor ein paar Tagen aufgrund von Streitigkeiten rund um seine Internetsucht das Haus seiner Eltern verlassen. Ein weiterer Mann, Mitte 40, kann aufgrund einer Wegweisung nicht in seiner Wohnung schlafen. Schräg gegenüber bewohnt eine Frau Anfang 30 ein Zimmer, die aufgrund von psychischen Problemen schon länger wohnungslos ist und in regelmäßigen Abständen bei der Notschlafstelle um Unterkunft bittet.
(Red./Caritas Vorarlberg)