Es scheint, als seien die Horrorgeschichten von Flüchtlingen, die ihr Glück in Europa versuchen wollen, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nicht für die Don-Bosco-Schwester Maria Rohrer, die vergangenes Wochenende über Nordafrika, Schlepper und Misshandlungen erzählte.

Sie nennt es eine "regelrechte Invasion". Die Menschen, die auf ihrem Weg nach Europa in Nordafrika stranden. Kurzfristig, oder länger. Je nachdem, wie viel Geld sie haben, um damit den Schlepper nach Europa zu bezahlen, erzählt die aus der Schweiz stammende Ordensfrau aus ihrem Alltag. Viele der in Tunesien Gestrandeten seien Opfer von Menschenhändlern. Massenweise würden Mütter oder auch minderjährige Mädchen etwa in der Elfenbeinküste mit "tollen Arbeitsangeboten" gelockt; das Ticket dafür wäre bereits bezahlt, werde ihnen gesagt. "Wenn sie in Tunesien am Flughafen ankommen, werden sie genötigt, als Familienhilfe, Putzfrau oder in der Prostitution zu dienen und man sagt ihnen: Wir haben für dich bezahlt, du musst deine Schulden jetzt hereinarbeiten." Aus Angst, sonst nicht mehr nach Europa weiterzukönnen, ließen sich die Opfer in Tunesien keine Aufenthaltsbewilligung ausstellen.

Misshandlungen an der Tagesordnung

Ist das Geld nach Monaten der Arbeit aufgetrieben, verschwinden die Migranten laut Rohrers Berichten in Richtung Libyen, von wo aus die Flüchtlingsboote nach Europa starten. Doch bei der Ankunft im Nachbarland würde ihnen alles abgenommen - Geld, Uhren, Dokumente und Handys. "Man nutzt sie erneut aus, als Arbeiter oder für Sexdienste, sperrt sie in Gefängnisse, die man Lager nennt, die aber mit den KZs aus dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sind", erzählt sie. Manche überlebten die Schikanen nicht, viele würden Opfer von Misshandlungen und Vergewaltigungen. "Wenn sie dann endlich auf die Schiffe steigen, sind sie so abgemagert und krank, dass sie auf der Überfahrt sterben.

Hunderte Leichen

Beklemmend sei auch die Konfrontation mit den ständig an die tunesischen Küste gespülten Leichen, über die es keinerlei Zahlen oder Medienberichte gibt, so die Ordensfrau. Da die Toten vor der Bootsfahrt aus Sicherheitsgründen alle Identitätsnachweise weggeworfen haben, weiß man nachher nicht, wer sie sind, aus welchem Land sie kommen und ob ihre Familie weiß, dass sie ertrunken sind. Allein in der ersten Maiwoche habe man 180 Leichen gefunden.

Gerüchte und Falschmeldungen

Überlebende Flüchtlinge, welche die tunesische Küstenwache zurückbringt, werden des Landes verwiesen, darunter laut Rohrers Angaben auch viele Minderjährige. Die meisten würden jedoch zwei Monate später wieder auftauchen und es erneut probieren. Schaffe einer die Ankunft in Europa, verbreite sich diese Nachricht unter den Bekannten in Tunesien schnell. "Man redet darüber, als ob er oder sie die olympischen Spiele gewonnen hätte. Dabei sieht die Situation für die Betroffenen in Wahrheit ganz anders aus: Sie sind in irgendwelchen Flüchtlingslagern, hungern oder sind obdachlos." Fragen wie Asyl, Arbeit und Integration seien damit noch gar nicht gestellt.

Das Fazit der Ordensfrau: "Wichtig wäre, dass die Leute in ihren Ländern leben können, Arbeit haben und bleiben wollen." Europa müsse sich in die Entwicklung der "Abfahrtsländer" stärker einbringen, denn "wir als einzelne, kleine Gruppen machen, was wir können, sind aber nur ein Tropfen im Meer." (red/kathpress)