Der biblische Jakob musste aus seiner Heimat flüchten, weil er von seinem älteren Bruder Esau das Erstgeburtsrecht erschlichen hatte und war unsicher, was aus ihm werden sollte. Da hatte er eines Nachts einen Traum, in dem auf einer Himmelstreppe die Engel auf und nieder stiegen und Gott ihm Nachkommenschaft versprach, die zahlreich sein wird wie der Staub auf der Erde. Bei Jakobs Erwachen heißt es im Alten Testament: „Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. Furcht überkam ihn und er sagte: Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El (Gotteshaus). (…)Jakob machte das Gelübde: Wenn Gott mit mir ist ..., dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden.“ (Gen 28,16-22)

Liegende Steine als Kultsteine aufzustellen und sie damit gleichsam zum Leben zu erwecken, ist religiöses Urerleben des Menschen. Von der Jungsteinzeit bis zum Beginn der Eisenzeit gibt es im ganzen westlichen Europa in unterschiedlichen Kulturen (Bretagne, England, Sardinien u.a.) Zeugnisse für diesen Brauch. Die gebräuchlichste Bezeichnung „Menhire“ stammt aus dem bretonischen und bedeutet „aufrechter Stein“. Die Jakobsgeschichte ist das älteste literarische Zeugnis für einen derartigen Kult. Die Erzählung und der Name „Bet-El“ (wörtlich: Stelle, an der der Herr sich aufhält) bestätigen, dass man Menhire als Symbol oder Sitz von Ahnen oder Göttern ansah. Solche heiligen Steine werden deshalb auch als „Baityloi“ bezeichnet.

Jakobs Gelübde lässt dieses Steinmal gleichzeitig zum Vorläufer eines gemauerten Gotteshauses werden (vermutlich eine Anspielung auf den Tempel). Dabei ist nicht unwichtig, dass es nicht nur eine Stelle ist, an der Jakob mit Gott in Verbindung treten kann, sondern sogar eine Stelle, an der Jakob im Traum in den Himmel gesehen hat: „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ (Gen 28,17). Der Gedanke, dass das Gotteshaus gleichzeitig das Tor des Himmels ist, wird später prägend für die Theologie des Kirchenbaus. Der „Himmel“ selbst ist in der religiösen Begriffssprache das Bildwort für das Gottesreich der Endzeit, den endgültigen Heilszustand der durch Christus mit Gott für immer vereinten Menschen, das Symbol also einer höchsten Hoffnung.