Asket, Bischof wider Willen, kein Märtyrer und doch heilig... wer genau war eigentlich dieser Martin von Tours?

Markus Hofer

Inhalt

Vom Untergrund zur Staatskirche
Der christliche Soldatensohn
Die Begegnung mit dem Bettler
Auf der Suche nach dem eigenen Weg
Der Asket als Gottesmann
Das erste Kloster des Westens
Bischof wider Willen
Christen töten Christen
Kein Märtyrer und doch heilig

Vom Untergrund zur Staatskirche

Die junge Christenheit wurde nicht durchgängig verfolgt. Vielmehr waren es einzelne, besonders grausame Kaiser wie Nero, Valerian oder Diokletian, unter denen Christen wegen ihres Glaubens auf oft erbarmungslose Weise ihr Leben lassen mussten. Zu systematischen Verfolgungen im römischen Reich kam es erst in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Das frühe Christentum war eine Religion, die sich im Privaten abspielte - in Wohnhäusern, im Verborgenen und nicht im Öffentlichen. Das änderte sich radikal, als Kaiser Konstantin im Jahre 312, so erzählt es die Legende, im Zeichen Christi die entscheidende Schlacht gegen seinen Rivalen Maxentius gewann. Im Gegenzug dafür wurde das Christentum als Religion anerkannt und der Zwang zum Kaiserkult abgeschafft. Wer nur an einen Gott glaubt, konnte nämlich nicht auch noch den Kaiser als Gott verehren.

Sei es aus Dankbarkeit oder weil er sich vom Christentum einiges erwartete, machte der Kaiser unverzüglich Nägel mit Köpfen. Bereits 315 begann er mit dem Bau der ersten Kirche: San Giovanni im Lateran; sie gilt bis heute als ‚Haupt und Mutter aller Kirchen‘. Und wenn ein Kaiser baut, dann wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die erste christliche Kirche war eine siebenschiffige Basilika und blieb nicht der einzige repräsentative Kirchenbau, den Kaiser Konstantin errichten ließ. Es waren die Jahre, in denen das junge Christentum erstmals nach außen wahrnehmbar wurde, ein öffentliches Gesicht erhielt und das gleich in einer Form, die kulturstiftend wurde.

In diesen Jahren kam ein Mann auf die Welt, der zu einer der markantesten Figuren wurde in der Phase des Übergangs von der privaten religiösen Bewegung zur etablierten Kirche. In den ersten drei Jahrhunderten spielte die Verehrung der Märtyrer eine große Rolle - Männer und Frauen, die für ihren Glauben das Leben lassen mussten und deshalb als Heilige verehrt wurden. Der hl. Martin hingegen ist der erste prominente Heilige, der kein Märtyrer mehr war. Und prominent wurde er trotzdem sehr schnell. In den Mosaiken von Ravenna führt er bereits den Zug der Märtyrer an, obwohl er selber keiner mehr war (um 560). In Torcello, in der Lagune von Venedig, ersetzte er sogar einen der vier Kirchenväter, weil man auf den beliebten Heiligen an prominenter Stelle nicht verzichten wollte (11. Jh.).

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Der christliche Soldatensohn

Kurz nach der Konstantinischen Wende erblickte Martinus 316 oder 317 das Licht der Welt. Möglicherweise ist es aber auch erst 336 gewesen. Verrechnet hat man sich oft. Wir wissen viel über sein Leben durch den Biografen Sulpicius Severus, der ihn persönlich kannte und die „Vita sancti Martini“ noch zu Lebzeiten seines verehrten Bischofs begann. Verehrt hat er ihn über alles und darum ist er nicht unbedingt der sachlich-nüchterne Chronist, sondern stilisiert die Ereignisse in seiner Begeisterung zu einer legendären Heiligenbiografie. Als solche ist sie die erste überhaupt. Zur breiten Verehrung hat Sulpicius Severus viel beigetragen, denn mit seiner Biografie schaffte er das Bild eines superperfekten Heiligen, der von allen Gaben des Heiligen Geistes gleichzeitig erfüllt zu sein scheint. Vielleicht stillte er damit die Sehnsucht nach verehrungswürdigen Vorbildern in einer von neuen Umbrüchen gekennzeichneten Zeit.

Geboren wurde Martinus weit ab von Rom in einem riesigen Kaiserreich, das seinen politischen Schwerpunkt zunehmend in den Osten verlagerte - nicht zuletzt durch den Bau der neuen Hauptstadt Konstantinopel. Sein Geburtsort war Sabaria in der damaligen römischen Provinz Pannonien, das heutige Szombathely (Stein-am-Anger) in Ungarn, unweit der Grenze zum Burgenland. Aufgewachsen ist er allerdings in Pavia, südlich von Mailand, wo sein Vater als Militärtribun eine höhere Stellung innehatte. Hier besuchte er eine Schule, da er lesen und schreiben konnte, auch wenn er kein ausgebildeter Redner oder Schriftsteller war. Zweifellos war Martinus der Sohn einer Familie von Rang. Er erlernte den Umgang mit Waffen und die Reiterei, wobei der fromme Biograf an dieser Stelle sofort hinzufügt, dass er das nicht aus eigenem Antrieb gemacht hätte.

Seine Eltern waren Heiden, doch der junge Martinus fühlte sich schon früh zum christlichen Glauben hingezogen. Offensichtlich suchte er immer wieder die neu entstehenden Kirchen auf. Gemäß einer kaiserlichen Verordnung wurde er als Sohn eines Veteranen zum Militärdienst herangezogen; vermutlich hat der Vater einiges nachgeholfen. Seiner bereits christlich inspirierten Mentalität entsprechend dürfte er diesen damals sehr rauen Dienst nur widerwillig angetreten sein. Die Vereinbarkeit von Kriegsdienst und Christentum war im 4. Jahrhundert nicht unumstritten. Es ging um die rauen Sitten beim Militär, aber auch um die Vereinbarkeit eines kriegerischen Blutvergießens mit dem fünften Gebot und der neutestamentlichen Aufforderung zur Feindesliebe. Es gab sogar ein Verbot für Soldaten in den höheren Kirchenämtern. Martinus jedenfalls wurde Reitersoldat, wobei sein Biograf Sulpicius Severus nicht müde wird zu verdeutlichen, dass kein Blut an seinen Händen klebte und er sich unter den Kameraden mit seiner dienenden Haltung sehr beliebt gemacht habe.

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Die Begegnung mit dem Bettler

Offensichtlich kam der junge Soldat in den Gebieten des römischen Reiches weit herum. Gallien, das heutige Frankreich, war in langen Phasen seines Lebens das wichtigste Einsatzgebiet, auch wenn er durch viele Gebiete des heutigen Europas reiste. In die Zeit des Militärdienstes fällt die populärste Geschichte dieses Heiligen - für die meisten wohl die einzige, die sie kennen. Die bekannte Szene spielt in Amiens, nördlich von Paris. Es war ein bitterkalter Winter und vor dem Stadttor bettelte ein nackter Mann. Alle gingen an ihm vorüber, doch dem jungen Martinus gelang das nicht. Ähnlich wie Jahrhunderte später der Aussätzige für Franz von Assisi, dürfte dieser Bettler für Martinus zur Nagelprobe seines neuen Glaubens und damit zum Wendepunkt in seinem Leben geworden sein. Nachdem alle an dem nackten Bettler vorübergingen, war ihm schlagartig klar, dass dieser Bedürftige auf ihn gewartet hatte, dass er seine Herausforderung war. Er zog das Schwert, schnitt den Soldatenmantel entzwei und gab die eine Hälfte dem frierenden Bettler. Es war vermutlich der weiße, oben mit Pelz gefütterte Mantel für den Winter (lat. chlamys), den die römischen Soldaten zur Hälfte aus der eigenen Tasche bezahlen mussten. Martin schnitt also den Teil des Mantels ab, über den er auch selber verfügen konnte. Er muss seltsam ausgesehen haben mit dem halben Mantel. Von einigen der Umstehenden wurde er verlacht, andere wieder waren tief betroffen von seiner Tat.

Für Martinus als spirituell bewegtem Menschen, der zwar noch nicht getauft dem Christentum angehörte, aber doch schon vom Evangelium inspiriert war, wurde die Begegnung mit dem Bettler zur entscheidenden Begegnung mit Christus. Nicht mehr im Wort trat ihm das Evangelium entgegen, sondern in der Gestalt dieses frierenden, nackten Mannes. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Hier wurde der Satz des Evangeliums zur Tat. Wie zur Bekräftigung erschien ihm noch in derselben Nacht im Traum Christus mit jenem Mantelstück, mit dem er den Armen bekleidet hatte. Die Begegnung mit dem Bettler wurde zur entscheidenden Weggabelung im Leben des jungen Martinus. Bekräftigt durch die nächtliche Vision ließ sich der junge Mann mit 18 Jahren taufen, wie sein Biograf schreibt.

Auf der Suche nach dem eigenen Weg

Der entscheidende Schritt war getan, auch wenn ihm an diesem Punkt noch nicht klar war, wohin er führen sollte. Vorerst blieb er noch im Militärdienst, vielleicht auch aus Kameradschaft zu seinem Tribun, den innerlich Ähnliches bewegte. Es war aber nur eine Frage der Zeit, wie lange er diese Lebensform aufrechterhalten konnte. Als Kaiser Julian ein Heer zusammenzog, um die Germanen, die über den Rhein in Gallien eingefallen waren, wieder zurückzudrängen, war für Martinus der Zeitpunkt gekommen. Er bat um seine Entlassung aus dem Militärdienst. Zum Kaiser, so berichtet Sulpicius Severus, soll er gesagt haben: „Bis jetzt habe ich dir gedient, jetzt lass mich Gott dienen. Als Soldat Christi ist es mir nicht erlaubt zu kämpfen.“ Interessant ist, dass die militärische Diktion beibehalten wird, nur ändert sich radikal der Auftraggeber und die Waffenart. Der junge Martinus ist nicht mehr der Soldat des Kaisers, sondern jetzt der Soldat Christi, der für das Evangelium kämpft, aber nicht mehr mit Waffen, die Blut vergießen.

Mit diesem Schritt brach er die Brücken seiner bürgerlichen Existenz ab. Er gab nicht nur die militärische Karriere auf, sondern auch viele Sicherheiten, die damit verbunden waren. Er tat es zugunsten einer spirituellen Lebensform, von der er vermutlich noch keine klare Vorstellung hatte. Gleichzeitig war es eine religiös äußerst bewegte Zeit. Nachdem das Christentum die öffentliche Anerkennung erreicht hatte, gab es heftige Auseinandersetzungen über die christliche Lehre, wie sie in dieser Zeit in den ersten Konzilen festgelegt wurde. Manche Debatten, wie die um den Arianismus, wurden über Jahrzehnte und nicht gerade mit zimperlichen Mitteln geführt. Es ging um Christus als wahren Gott und wahren Menschen, während die Arianer ihn nicht mit Gott Vater auf derselben Stufe sehen wollten. Der Kampf war angereichert mit Missverständnissen, Gehässigkeiten, gegenseitigen Verbannungen und machtpolitischen Interessen - auch von Seiten der wechselnden Kaiser. Martinus suchte vorerst Rat und Unterstützung bei Hilarius, dem später seinerseits als heilig verehrten Bischof von Poitiers.

Die Bemühungen des Bischofs, den religiös suchenden jungen Mann mit einem kirchlichen Amt in die Pflicht zu nehmen, wehrte Martinus vorerst ab. Es war aber vermutlich nicht nur Bescheidenheit, wie sein frommer Biograf schildert. Eher galt seine Suche nicht einem kirchlichen Amt bzw. wusste er selber noch nicht, was seine Lebensform sein sollte. Manchmal entsteht der Weg erst beim Gehen. Es folgte eine mehr als abenteuerliche Reise quer durch Europa. In Pannonien gelang es ihm, seine Mutter zum christlichen Glauben zu bekehren, während er beim Vater erfolglos blieb. Vermutlich auf der Flucht vor hitzigen Arianern, zu denen auch Bischöfe gehörten, kam er nach Mailand. Hier baute er sich eine Zelle, in der er als Einsiedler leben wollte, worin sich bereits ein wesentlicher Zug seines späteren Lebens zeigt. Von einem arianischen Widersacher wurde er aber wieder vertrieben und zog sich auf die Insel Gallinara zurück, südlich von Genua, wo er sich in radikaler Einsamkeit von Kräuterwurzeln ernährte. Sein Berater Hilarius wurde von Kaiser Constantius II. im Arianismus-Streit bis nach Phrygien in der heutigen Zentraltürkei verbannt. Als er zurückkehren durfte, hoffte Martinus, seinen geistlichen Mentor in Rom treffen zu können. Dieser war aber bereits abgereist in die eigene Bischofsstadt und Martinus folgte ihm erneut über die Alpen nach Poitiers, wo sein abenteuerlicher Weg kreuz und quer durch das römische Reich ein erstes Ende fand.

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Der Asket als Gottesmann

Martinus trieb es in eine Richtung, die von den Wüstenvätern des Ostens vorgelebt wurde: das spirituelle Leben in völliger Weltabgewandtheit und radikaler Askese. Nach den Märtyrern, die ihr Leben für den Glauben gaben, betritt nun ein neuer Typ des geistlichen Menschen die westliche Bühne der Geschichte: der Gottesmann (vir dei), der in freiwilliger Form auf alles verzichtet, um ganz nur für Gott da zu sein. Als solcher faszinierte er! Er faszinierte das christliche Volk wegen der konsequenten Lebensweise, vermutlich auch seiner Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit wegen und nicht zuletzt, weil er in seiner Art den Glauben zu leben, keinen Repräsentanten der aufkommenden kirchlichen Elite darstellte.

Die Kirche war nach der Konstantinischen Wende erst dabei zu lernen, mit der neu gewonnen Macht und Freiheit umzugehen. Angeregt durch die prachtvollen Kirchenbauten, die der Kaiser selber errichten ließ, wurden zunehmend Elemente des römischen Kaiserkults in die Liturgie übernommen. Die Übertragung des kaiserlichen Hofzeremoniells betraf auch die Rolle des Bischofs, der in den großen Basiliken einen Thron bekam und den man mit Niederwerfungen und Weihrauch verehrte. Diese gesellschaftliche Aufwertung des Bischofs und seines Klerus wird anfangs manche befremdet haben. Andere wieder dürften es vermutlich bald zur Ausschmückung der Verantwortung des Amtes akzeptiert und wohl auch genossen haben. Ein Gottesmann wie Martinus stellte da einen anziehenden Gegenpol dar.

Liest man die Wundergeschichten seines Biografen Sulpicius Severus, so wird deutlich, dass Martinus nicht in völliger Abgeschiedenheit lebte, sondern sich auch den Nöten der Welt stellte; egal wie wörtlich man die vielen Heilungen nehmen mag. Jedenfalls besaß er einen großen Ruf als Heiler und wurde damit völlig neu als Heiliger unter Menschen auch zu einer Leitfigur für Laien. Das Christentum beschränkte sich zu dieser Zeit auf die Städte, während die keltische Landbevölkerung weiterhin verschiedene Gottheiten verehrte. Auch im Kampf gegen diese heidnischen Götter, in denen Martinus sogar handgreiflich werden konnte, beeindruckte und überzeugte der Gottesmann viele beobachtende Zweifler.

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Das erste Kloster des Westens

Er faszinierte aber nicht nur das Volk, sondern auch Männer, die eine ähnliche spirituelle Sehnsucht umtrieb. Als er sich Hilarius folgend in Poitiers niederließ, schreibt sein Biograf ganz lapidar, dass er sich unfern der Stadt eine Zelle baute. Ein paar Zeilen später ist aber bereits von „Brüdern“ die Rede. Was im heutigen Ligugé 361 entstand, war das erste „Kloster“ im christlichen Westen. Das Wort steht hier noch unter Anführungszeichen, denn die erste eigentliche Klosterregel des Benedikt von Nursia entstand erst 180 Jahre später. Es war eine Art zönobitischer Gemeinschaft, die um Martinus herum entstand. Das radikale Leben als Einsiedler geht auf Antonius von Ägypten zurück, der sich schon im 3. Jahrhundert völlig in die ägyptische Wüste zurückzog, um in radikaler Konsequenz das Evangelium zu leben, wo es heißt: "Wenn Du vollkommen sein willst, dann verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen." (Mt 19, 21) und "Sorget euch nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen." (Mt 6, 34). Die ägyptischen Wüstenväter waren eine Art religiöser Abenteurer, die in dieser völlig reduzierten Form ein spirituelles Leben streng nach dem Evangelium führten. Im 4. Jahrhundert entstand daraus das Zönobitentum, indem solche Einsiedler begannen, gemeinsam unter einem Dach zu leben, jeder für sich und doch in Gemeinschaft. Diese Lebensform brachte Martinus in den lateinischen Westen und sie muss ausgestrahlt haben. Er blieb nämlich als Einsiedler nicht lange allein, vielmehr scharten sich immer mehr Brüder um ihn. In seinem Kloster gab es allerdings noch keine schriftliche Regel und neben dem Gebet war, außer dem Schreiben, keine Arbeit vorgesehen.

Nachdem das Christentum aus dem Untergrund in die offizielle Anerkennung kam, sich immer mehr verbreitete und Strukturen und Ämter entwickelte, folgte zweifellos auch eine Art Verbürgerlichung der ursprünglichen religiösen Impulse. Gottesmänner wie Martinus, aber auch Mönche und Nonnen bis heute haben hier die Funktion, die Radikalität des Evangeliums in Erinnerung zu halten. Selbstverständlich können nicht alle so leben und selbstverständlich können nicht alle alles verkaufen. Doch droht umgekehrt, durch die Anpassung an die bürgerlichen Zwänge des Lebens, das Evangelium in den gut gemeinten Alltag hinein zu verdunsten. Martinus steht hier ganz am Anfang einer solchen Entwicklung und vermutlich wurzelt darin die besondere Ausstrahlung, die er in dieser kirchlichen Frühzeit auf die Menschen hatte. Waren in den ersten Jahrhunderten die Märtyrer die großen Idole der Christen, waren es nun solche Gottesmänner wie Martinus.

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Bischof wider Willen

Vermutlich wäre er gerne den Rest seines Lebens in seiner Eremitengemeinschaft verblieben, doch das Volk wollte mehr. Das Volk von Tours forderte Martinus als Bischof von Tours und damals hatte das Volk bei den Bischofsbestellungen noch ein Mitspracherecht. Es war aber kein Leichtes, wie sein Biograf schreibt, ihn seinem Kloster zu entreißen. Tours, etwa 100 km von Poitiers entfernt, war damals keine allzu bedeutende Stadt mit etwa 5000 Einwohnern – doch die blieben hartnäckig. Mit Tricks lockten sie ihn von seiner Einsiedelei weg und Scharen von Bürgern sollen ihn mit Ehrengeleit in die Stadt geführt haben. Allerdings kam von Bischöfen umliegender Städte Widerstand gegen seine Wahl. Er sei des Bischofsamtes nicht würdig, hieß es Dabei wurde sein unansehnliches Äußeres ins Spiel geführt, seine armselige Kleidung und das ungepflegte Haar. Einen Eremiten in einem Amt, das zunehmend den Reichsbeamten des römischen Kaiserreichs gleichgestellt wurde, konnten sie sich nicht vorstellen. Es ging aber sicher nicht nur um das Äußere. Zweifellos war gerade den inzwischen etablierten Amtsträgern der Einsiedler, der in radikaler Konsequenz nach dem Evangelium zu leben versuchte, ein Dorn im Auge. In seiner Person war er die leibhaftige Infragestellung ihrer eigenen angepassten Lebensform.

Wie auch immer, weder den feindlich gesinnten Bischöfen noch ihm selber gelang es, den zwingenden Wunsch des Volkes zu verhindern. Angestrebt hatte Martinus ein solches Amt mit Sicherheit nicht. Mit gewissem Stolz stellt sein Biograf fest, dass er als Bischof unverändert ganz derselbe blieb, der er vorher gewesen war. In festliche Roben dürfte er sich also nicht gehüllt haben - vielmehr suchte er als Bischof schnell wieder einen Ort, wo er trotz des Amtes seine asketische Lebensform fortführen konnte. So gründete er etwas außerhalb der Stadt erneut ein Eremiten-Kloster, das Kloster Marmoutier, mit vielen Brüdern, die nach seinem asketischen Vorbild zu leben versuchten. Damit schuf Martinus nochmal einen neuen Heiligentyp: Den Bischof einer Stadt, der seine Verantwortung für die kirchliche Gemeinschaft wahrnimmt und trotzdem das Ideal des Eremitentums lebt. Wie er sein Amt im konkreten Fall ausübte, lässt sich im Detail nicht mehr erschließen. In seiner Gestalt verkörpert sich aber für alle Zeit die Frage, wie im kirchlichen Amt das Evangelium zu leben sei, wie leitende Verantwortung für eine Organisation mit den grundlegenden Idealen der Gemeinschaft zu vereinen sind.

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Christen töten Christen

Von höfischem Verhalten, von Anbiederung an die weltliche Macht und den jeweiligen Kaiser hielt er jedenfalls nicht viel, wie Sulpicius Severus stolz berichtet und dabei doch ein wichtiges und trauriges Ereignis im Leben von Bischof Martinus mehr verschleiert als verdeutlicht. Es geht um die tragische Geschichte von Priscillian, dem damaligen Bischof von Avila in Spanien. Priscillian war vielleicht zu weit gegangen in seinem Versuch, die Forderungen des Evangeliums in wörtlicher Konsequenz zu leben. Er forderte für die christliche Lebensform nicht nur die Werke der Liebe, sondern auch strenge Askese, Ehelosigkeit und völlige Abstinenz. Da er selber als Bischof seine radikale Lehre konsequent lebte und eine ständig wachsende Schar an Anhängern um sich hatte, wurde er zunehmend bedrohlich für die anderen Bischöfe und die weltliche Hierarchie - inzwischen war das Christentum bereits zur Staatsreligion geworden. Martinus selber war nicht von derselben Radikalität wie der spanische Bischof und doch stand er irgendwie zwischen den Fronten.

Nach der gewaltsamen Machtergreifung von Kaiser Magnus Maximus spitzte sich die Sache zu und die innerkirchlichen Gegner Priscillians erkannten ihre Chance. Bei der Synode von Trier 385 wurde er vor dem dort residierenden Kaiser der Ketzerei angeklagt. Martinus setzte sich vorerst erfolgreich für Priscillian ein, zumal dieser nicht nach weltlichem Recht beurteilt werden sollte. Der Kaiser dürfte Bischof Martinus durchaus geschätzt haben, doch in dessen Abwesenheit kam es zu dem verhängnisvollen Urteil. Priscillian wurde wegen Ketzerei zum Tode verurteilt und zusammen mit einigen Gefolgsleuten unverzüglich enthauptet. Der Besitz des aus reichem Hause stammenden Bischofs fiel nach dem Todesurteil dem Staat zu und füllte die leeren Kassen des Kaisers. Bischof Martinus soll danach an keiner Konferenz der Bischöfe mehr teilgenommen haben.

Möglicherweise war es die größte Niederlage im Leben des Martinus und vielleicht liegt hier der Grund, warum sein Biograf im Priscillianistenstreit so vage bleibt. Zum ersten Mal wurde das weltliche Recht in einer religiösen Angelegenheit angewandt. Innerkirchlich gab es als größte Strafe nur die Exkommunikation, nicht aber die Todesstrafe wie im weltlichen Recht. Damit war es nicht nur eine Niederlage des Bischofs Martinus, sondern auch eine der noch jungen Staatskirche. Zum ersten Mal in der Geschichte bringen Christen Christen um, weil sie nicht rechtgläubig sein sollen. Priscillian war der erste Kleriker, der infolge einer Anklage durch kirchliche Vertreter hingerichtet wurde. Damit ist eine neue Grenze überschritten worden.

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Kein Märtyrer und doch heilig

Martinus selber starb wahrscheinlich im Jahr 397 in Candes, wohin er gerufen wurde, um einen Streit unter Klerikern zu schlichten. Ein paar Tage später wurde er am 11. November in seiner Bischofsstadt Tours beerdigt. Martinus war ein großer Asket, der zweifellos in sich ruhte. Niemand habe ihn je zornig gesehen, aufgeregt oder traurig. Er blieb sich immer gleich, schreibt Sulpicius Severus. Ob ihn wirklich niemand lachen gesehen hat, sei einmal dahin gestellt. Dass sein Angesicht von himmlischer Freude strahlte, glaubt man seinem Biografen gerne. Seine Ausstrahlung muss enorm gewesen sein. Nicht zuletzt deshalb wurde er zum ersten Heiligen, der nicht des Märtyrertodes wegen verehrt wurde, sondern wegen seines Lebens.

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