Bischofsblog: Wer heute bekannt sein will, muss auffallen: sich abheben von der breiten Masse und ins Auge stechen, mitten im vielfältigen Angebot des Ähnlichen. Jedes Unternehmen weiß das und entwickelt deshalb eine Corporate Identity. Sie steht für das Besondere und das Unverwechselbare: „Das können nur wir – und sonst niemand!“ Das Ziel einer Corporate Identity ist: Ich höre den Namen der Firma, sehe das Logo – und weiß sofort, wofür die „Marke“ steht und was sie mir anbietet.

Nächstenliebe – schon im Alten Testament!
Woran denkst du, wenn du „Nächstenliebe“ hörst? Ein kurzes Brainstorming könnte ergeben: Jesus, Bibel, Christentum, Kirche. Der Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mk 12,31 u.ö.), ist allerorts bekannt. Kurz, knackig, leicht merkbar bringt er die Botschaft Jesu auf den Punkt. Ein perfekter Werbespruch. Zu Recht kann man ihn als Corporate Identity des Christentums bezeichnen.
Doch gerade weil der Gedankensprung Nächstenliebe-Christentum ziemlich rasch erfolgt, ist es vielleicht überraschend: Nächstenliebe ist keine „Erfindung“ Jesu, sondern des Judentums. Das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, findet sich nämlich schon im Alten Testament (Lev 19,18). Jesus hat als gläubiger Jude diesen Gedanken aus der alttestamentlichen Tradition aufgegriffen und ihn zum Markenzeichen seiner Verkündigung gemacht.

Die Aufforderung: „Liebe deinen Nächsten…“
Wer aber ist mein Nächster? Jesus selbst antwortet auf genau diese Frage mit dem Gleichnis des Barmherzigen Samariters (Lk 10,25-37). Dort wird davon erzählt, dass ein Mann unterwegs ausgeraubt und halbtot im Straßengraben liegen gelassen wird. Gerade ein ungläubiger Ausländer, eben der barmherzige Samariter, las den Mann auf und versorgte ihn. Jesus macht damit deutlich: Jeder Mensch kann für dich zum Nächsten werden! Zwar können wir nicht allen Menschen unterschiedslos helfen. Als Christinnen und Christen sind wir aber gefordert, wenn wir Menschen in Not sehen und andere an ihnen achselzuckend vorbeigehen. Wir alle gehören zur einen Menschheitsfamilie, unabhängig von Religion, Herkunft, sozialem Stand…
Die Voraussetzung: „…wie dich selbst“
Dieser zweite Teil wird gern überlesen. Doch ich halte ihn für sehr wichtig. Das Gebot der Nächstenliebe  schließt die Selbstliebe ausdrücklich ein. Liebe zu sich selbst meint aber keine „selbstische“ Liebe, die in den Narzissmus und Egoismus abgleitet, sondern die liebevolle Annahme des eigenen Charakters und der eigenen Persönlichkeit. Am Anfang aller Liebe steht die Erfahrung, geliebt zu sein. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ kann dann bedeuten: Ich selber kenne meine wahren Bedürfnisse und Sehnsüchte und kann deshalb darauf schließen, was anderen gut tut und was sie zum Leben brauchen. Jesus fordert deshalb die Liebe zu sich selbst nicht nur. Er setzt sie voraus!

Liebe ist ein Tunwort
Christliche Nächstenliebe kann sich nicht nur in schönen Worten ergehen. Entscheidend ist die Tat. „Kehren wir um zum Nächsten“, hat Bischof Klaus Hemmerle (+1994) einmal gesagt. Wer sich den Nächsten zuwendet und nicht gleichgültig an ihnen vorübergeht, macht einen Unterschied. Wenn wir solidarisch handeln, werden wir zu Trägerinnen und Trägern der Hoffnung, dass die Welt sich ändern kann. Eine Liebe, die zur Tat drängt und der Welt die Barmherzigkeit Gottes zeigt: Das ist wirklich die Corporate Identity unseres Glaubens. Was würde wohl passieren, wenn wir sie zur „Marke“ für unser Lebens machen?
 
Bischof Benno Elbs

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