Fake News in der heiligen Schrift – gibt es das? Der Bibelwissenschaftler Simone Paganini, einer meiner ehemaligen Professoren in Innsbruck, sagt ja. Unter dem klingenden Titel „Von Evas Apfel bis Noahs Stechmücken: Fake News in der Bibel“ (2019) deckt er in 22 biblischen Geschichten Dinge auf, die wir heute wohl als Fake News bezeichnen würden.

Von Evas Apfel bis Noahs Stechmücken

Beginnen wir mit den beiden Beispielen aus dem Titel. Bekannterweise erschafft Gott im Paradies das Menschenpaar Adam und Eva. Doch anstatt bis ans Ende glücklich mit Gott und einander im Garten Eden zu leben, kommt es zum folgenschweren Vorfall: Adam und Eva essen von der Frucht des verbotenen Baumes, übertreten damit das einzige Verbot Gottes und werden vom Paradies verstoßen. Was ist hier geschehen?
Gott sagt zu Adam, dass er von allen Bäumen im Paradies essen darf, außer von einem bestim­mten Baum. Von der Frucht dieses Baumes zu kosten ist ihm und Eva verboten. Dieser Baum wird in der Bibel als „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2,9) bezeichnet. Bekannt ist uns aber meist das Bildnis vom Apfel: Eva isst einen Apfel und gibt ihrem Mann Adam davon. Doch dieser Apfel kommt in der Bibel nicht vor – ein Fall von Fake News. Aber wie ist der Apfel eigentlich in die Erzählung vom Sündenfall gekommen?

Eine mögliche Erklärung ist laut Prof. Paganini das lateinische Wort für Apfelbaum: malus. Es klingt so ähnlich wie das lateinische Wort für Böses: malum. Um den Zusammenhang deutlich zu machen, könnte also aus der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse ein Apfel geworden sein, der sich bildlich besser darstellen lässt und an den man sich besser erinnern kann.

Als zweite Möglichkeit, wie der Apfel in die biblische Erzählung gekommen sein könnte, benennt Prof. Paganini den Umstand, dass der Apfelbaum in der Neuzeit zum Kulturbaum geworden ist. Damit ist gemeint, dass der Apfel für alle bekannt und zugänglich geworden ist. Somit würde deutlich, dieser Zwischenfall mit dem Apfel geht uns alle an: Jeder und jede hätte diese Sünde, das Übertreten des göttlichen Gebotes, begehen können.

Das zweite Beispiel von Fake News hat mit der Arche Noahs zu tun. In dieser biblischen Geschichte gibt Gott einem vorbildlichen Mann namens Noah den Auftrag, ein Schiff zu bauen, damit er und seine Familie vor einer drohenden Flut gerettet werden. Die Geschichte ist bekannt: Noah baut die Arche nach dem Plan Gottes, belädt sie mit jeweils zwei Tieren – männliche und weibliche – aller Art und bevölkert damit nach der Sintflut die ganze Erde mit neuem Leben. Aber welche Tiere waren nun an Bord, etwa auch lästige Stechmücken?

Eine Besonderheit im Vergleich zu anderen antiken und altorientalischen Erzählungen von Fluten und Schiffen ist laut Prof. Paganini die Tatsache, dass Noah den Auftrag hat, alle Tiere zu retten (Gen 6,19-20), auch solche unliebsamen Wesen, die wir heute oft auf allerlei Weise zu beseitigen versuchen.

Klar ist, dass der Text auch Insekten einschließt; welche Insekten das sind, ist aber nicht bekannt. Ob etwa auch Stechmücken unter ihnen waren, lässt der Text offen. Vielleicht ist hier eher an Heuschrecken zu denken. Jedenfalls lautet der Auftrag an Noah, alle Arten von Tieren zu retten. Die Frage also, ob Noah es bald bedauern würde, alle Tiere mit an Bord genommen zu haben – und damit auch lästige Stechmücken –, bleibt für uns offen.

Was war Jesus von Beruf?

Kommen wir vom Alten zum Neuen Testament. Die bekannteste Person im Neuen Testament, um nicht zu sagen der Protagonist, ist Jesus Christus. Aus der Forschung um den historischen Jesus wissen wir aus außerbiblischen Quellen einiges über ihn: dass er gelebt hat, dass er ein Prediger, Heiler und der Begründer des Christentums war und dass er am Kreuz als Unruhestifter unter Pontius Pilatus hingerichtet worden ist. Was aber war sein Beruf?

In der Bibel wird erzählt, dass Josef, der Vater von Jesus, Zimmermann war: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Mt 13,55), heißt es in der deutschen Einheitsübersetzung mit Bezug auf Jesus. Ebenso scheint klar, dass auch Jesus gelernter Zimmermann ist. Über ihn wird gesagt: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria“ (Mk 6,3)? Aber stimmt das? Waren Josef und Jesus wirklich von Beruf Zimmermann?

Das griechische Wort für Zimmermann ist tekton. Es bedeutet soviel wie Baumeister. Im Text steht aber nichts von Holzarbeit. Wieso also wird gesagt, dass Jesus Zimmermann sei? Ist diese Berufsbezeichnung ein weiterer Fall von Fake News?

Tatsächlich kommt die Einschätzung, dass Josef und Jesus Zimmerleute waren, wie Prof. Paganini zeigt, von späteren Übersetzungen. In der ersten großen lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, wird tekton als faber wiedergegeben, was so viel bedeutet wie Handwerker; das Material, mit dem der Handwerker arbeitet, ist dabei nicht näher beschrieben. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich aber die Bedeutung von faber hin zum Schmied. Fast 1000 Jahre hielten Christinnen und Christen Jesus und seinen Vater für einen Schmied. Einer der größten Theologen der Geschichte, Thomas von Aquin, entdeckte im 13. Jahrhundert zu seinem Erschrecken, dass frühe christliche Theologen Josef für einen Holzhandwerker gehalten hatten, einen Zimmermann. Diese Einschätzung hielt sich dann durch. Martin Luther übernimmt in seiner deutschen Übersetzung den Beruf Zimmermann, nicht zuletzt, da man im 16. Jahrhundert in Deutschland Häuser vor allem aus Holz baute.

Trotzdem dürfte der Berufstitel Zimmermann Fake News sein. Zu Zeiten Jesu baute man nämlich nach heutigem Wissensstand Häuser aus Stein und nicht aus Holz. Josef und Jesus dürften daher wahrscheinlich Steinmetze oder eben Baumeister gewesen sein.

Kann die Schrift denn daneben liegen?

Was also ist wahr in der Bibel? Muss nicht alles richtig sein, was in der Bibel steht, wenn sie Wort Gottes sein soll? Nun ja, dass die Bibel Wort Gottes ist, bedeutet nicht, dass sie nicht von Menschen geschrieben wurde. Es bedeutet auch nicht, dass die Bücher der Schrift keine Irrtümer enthalten können, sondern dass sie „ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.“ (Dei Verbum 11) Die Kirche lehrt also, dass (nur) das zum Heil Relevante irrtumsfrei ist. Es geht also in der Bibel, bei all den zeitgebundenen Aussagen und der schriftstellerischen Kreativität der menschlichen Verfasser, letztlich um unser Heil. Es muss daher stets nach dem Sinn des Geschriebenen gefragt werden, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Gott will, dass wir durch das in der Bibel Festgehaltene ihn kennenlernen, ihm begegnen und mit ihm leben. Mit diesem Blick lohnt es sich auch heute, die Bibel zu lesen – vielleicht sogar mit einem Faktencheck zur Hand. Und dann stellt sich auch uns in der heutigen Zeit die Frage: Was will uns Gott durch diese von Menschen verfassten Geschichten sagen?

Geschrieben von Simon Kopf

Dieser Artikel erschien im anstösse.

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Was NICHT in der Bibel steht
Die Geschichte von Evas Apfel, die Mauer von Jericho oder die heiligen drei Könige kennt jedes Kind. Aber wussten Sie, dass Eva gar keinen Apfel gegessen hat, die Mauern von Jericho nie tatsächlich einstürzten und von drei heiligen Königen in der Bibel gar nichts steht? Der Bibelwissenschaftler Simone Paganini räumt auf mit uralten Mythen rund um altbekannte Bibelgeschichten. Mit spannenden Erkenntnissen aus dem Bereich der Bibelwissenschaften, Archäologie und Kulturgeschichte nimmt er seine Leser mit in die Welt der Bibel und erzählt, was wirklich hinter den Bibelgeschichten steckt. Ein biblischer Faktencheck, der unterhält und bildet zugleich! Dabei geht er u.a auf folgende »Fake News« ein:

•Das Nichts, aus dem Gott das Universum schuf
•Die Rippe des Adam
•Die Keule, mit der Kain seinen Bruder Abel tötete
•Der Regenbogen nach der Sintflut
•Moses und das Binsenkörbchen
•Die Hörner des Moses
•Die Wanne, in der Batseba badete
•Die Hure Maria Magdalena
•Der Baum, an dem sich Judas erhängte
•Der Teufel mit Hörnern und Dreizack
•Das ewige Höllenfeuer
•Petrus und die Himmelsschlüssel

Autor Simone Paganini
Prof. Dr. theol., geb. 1972 in Italien, Studium der katholischen Theologie in Florenz, Rom und Innsbruck. Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen. Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher, unter anderem über Qumran und skurrile Episoden in der Kirchengeschichte. Auch auf Science Slams begeisterte er schon ein großes Publikum.