Die Veränderung der Gesellschaft in allen Bereichen hat auch zu einer Veränderung der Lebensphasen geführt. Während sich Kindheit und Erwachsenenalter verkürzt haben, haben sich das Jugendalter und die Zeit als Senior/in verlängert.

Begriff
Entwicklungspsychologie befasst sich mit altersbezogenen Veränderungen im Erleben und Verhalten des Menschen, über die gesamte Lebensspanne hinweg. Entwicklung wird heute sehr individuell und ungleichzeitig in der einzelnen Person und zwischen Personen gesehen. Das heißt: Während ein Kind z.B. in der emotionalen Wahrnehmung und im sozialen Verhalten zahlreiche Fähigkeiten entwickelt hat, kann es im räumlichen Denken weniger differenziert entwickelt sein.

Abgrenzung des Jugendalters
Eine einheitliche Periodisierung des Jugendalters gibt es nicht. Die Pubertät bezeichnet den biologischen Teil der Adoleszenz, der primär genetisch bestimmt ist und mit Wachstum, Körperformveränderung und Geschlechtsreife zu tun hat. Grob umrissen ist das Jugendalter die Zeit zwischen dem Eintreten der Pubertät und der Übernahme autonomer beruflicher und gesellschaftlicher Rollen.

Grundlegende exemplarische Konzepte
Erik Erikson (1902-1994) stellt für jedes Stadium des Lebens einen besonderen Konflikt in den Mittelpunkt der Entwicklung. Für das Jugendalter sieht Erikson die Herausforderung, Identität zu entwickeln. Die Fähigkeit, vertraut-intime Beziehungen einzugehen und sich langfristig zu binden sah Erikson als Aufgabe im frühen Erwachsenenalter. Heute werden auch die Entwicklungsschritte individualisiert und flexibilisiert verstanden.

Robert Havighurst (1900-1991) nennt für jeden Lebensabschnitt spezifische Entwicklungsaufgaben, die zu lösen sind. Für das Jugendalter sind dies u.a.:

  • Akzeptieren des eigenen Körpers
  • Erwerb der Geschlechterrolle (im Wissen um die Vielgestaltigkeit von Geschlechterrollen)
  • Aufbau neuer Beziehungen im Blick auf Geschlechtlichkeit (und ihrer Vielfältigkeit)
  • Berufswahl, Berufsausbildung
  • Erwerb eines sozial verantwortlichen Handelns
  • Ablösung und emotionale Unabhängigkeit von Eltern und anderen Erwachsenen
  • Ökonomische Unabhängigkeit von Eltern
  • Vorbereitung auf Partnerschaft und Familie
  • Entwicklung und Aneignung eines eigenen Wertesystems

Alle Entwicklungsaufgaben sind gebündelt in der Entwicklung eigener Identität, d.h. sich als einmalige und unverwechselbare Person zu verstehen, angestoßen durch und in Auseinandersetzung mit der sozialen Umgebung und mit sich selbst. Das sind riesige Herausforderungen!

Jugendalter
„Typisch für das Jugendalter ist, dass junge Frauen und junge Männer keine volle gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen (…), zugleich aber in vielen gesellschaftlichen Bereichen vollwertig partizipieren können.“ Verlängerte Ausbildungszeiten führen dazu, dass junge Menschen länger wirtschaftlich abhängig sind, zugleich sind sie z.B. im Bereich von Mode, Musik, Unterhaltung, Medien, Freizeit und Beziehungsgestaltung sehr frei. Bildung fördert neben fachlichen und beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch personale und soziale Kompetenzen, was das Selbstbewusstsein und die Verhaltenssicherheit fördert. Zahlreiche Jugendliche nutzen die Möglichkeiten dieses Lebensabschnittes für ihre persönliche Entfaltung (z.B. Reisen) und schieben die Übernahme der Erwachsenenrollen bzw. -aufgaben wie z.B. Berufseinstieg, Familiengründung auf.

Entwicklungsveränderungen im Jugendalter
Psychische Veränderungen in der Entwicklung sind verbunden mit den körperlichen Veränderungen im Jugendalter: Wachstum, Veränderung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale sowie der Körperproportionen, Mädchen und (etwas später) Jungen erreichen die Geschlechtsreife.

Die neurobiologische Umstrukturierung im Gehirn führt zu einer Reihe weiterer Phänomene. Gewisse Entwicklungen im Gehirn erfolgen später oder dauern länger. Dies kann zu vorübergehenden Problemen in der Emotionsverarbeitung und der kognitiven Handlungssteuerung führen. Der Glaube an die Einzigartigkeit des eigenen Denkens und Handelns steht häufig im Vordergrund und ist oft verbunden mit dem Empfinden, nicht verstanden zu werden. Eine geringere Serotoninausschüttung führt dazu, dass negative Gefühlszustände sowie geringere Motivation wahrscheinlicher werden, das Selbstwertgefühl nimmt ab. Mädchen nehmen ihren Körper stärker negativ wahr, ihren eigenen Körper anzunehmen und zu mögen, fällt zahlreichen Mädchen und Buben nicht leicht. Mittelfristig aber kommt es u.a. zu einer Beschleunigung der Informationsverarbeitung, zur Fähigkeit, abstrakter zu denken sowie sich selbst emotional zu regulieren und das eigene Verhalten zu steuern.

Veränderte Ablöseprozesse
Im Jugendalter steht die Identitätsbildung im Vordergrund: Wer bin ich, wie bin ich? Wer möchte ich sein? Wer, wie könnte ich werden? Wie sehen mich die anderen?

Der „Abschied von der Kindheit“ ist eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, dieser Abschied ist ein wechselseitiger sowohl seitens der Jugendlichen als auch seitens der Eltern und anderen nahen Bezugspersonen. „Ablösungsprozess“ meint nicht einfach eine räumliche Trennung von den Bezugspersonen, sondern eine primär innere Ablösung. Es ist eine Infragestellung, Lockerung und zum Teil auch Veränderung von Werthaltungen, die in der Kindheit übernommen wurden. Interessant aber sind Ergebnisse der jüngsten Shell Jugendstudie: „Geborgenheit spielt, wie die Befunde belegen, im Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern eine zentrale Rolle. Und die Eltern scheinen dieses emotionale Wohlfühl- und Sicherheitsbedürfnis ihrer Kinder so gut und umfassend zu befriedigen, dass die Partnerschaften davon quasi entlastet sind. Das verschafft Jugendlichen, wie es scheint, Freiheitsgrade, sich ganz auf das aufregend Neue in ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht zu konzentrieren, ohne Einbußen an Geborgenheit, die ja durch die Familie abgesichert wird, befürchten zu müssen.“ Dies macht aber zugleich die Lösung vom Elternhaus deutlich schwieriger.

Religiöse Entwicklung im Jugendalter: Wandlungsprozesse
In Jugendstudien ist Religion ein häufig vernachlässigtes Thema, und wenn, dann fehlt oft ein differenziertes Verständnis von Religion bzw. Religiosität und Spiritualität.

Einzelne exemplarische Ergebnisse aus der jüngst veröffentlichten Studie „Jugend – Glaube – Religion“:

Jugendliche und junge Erwachsene stimmen der Aussage, selbst „gläubig“ zu sein, doppelt so häufig zu wie der Aussage, „religiös“ zu sein.

Den eigenen Glauben selbst zu gestalten und frei zu entscheiden, ist für junge Menschen von hoher Bedeutung. Dies bedeutet nicht zugleich, sich von traditionellen Gottesbildern zu lösen.

Fast die Hälfte der befragten Jugendlichen gehen von einem Gott als Gegenüber aus.

Persönliches Gebet ist für drei Viertel der Befragten zumindest gelegentlich, vielfach auch regelmäßig wichtig. Gebetsanlass sind Kummer und Dankbarkeit.
Weiterleben nach dem Tod beschäftigt junge Menschen sehr, nur 8% zeigen sich in dieser Frage gleichgültig.

Kirche wird knapp mehrheitlich positiv gesehen. Dies geht einher mit „einer ebenfalls ausgeprägt kirchenkritischen Einstellung“, der eigene Glaube wird von 54% als unabhängig von der Kirche gesehen. Positiv wird Kirche dort wahrgenommen, wo sie als erfahrbare Gemeinschaft begegnet, z.B. in Jugendgruppen, Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit, Freizeiten, Ministrantenarbeit, Chören…

Im Verhältnis zur religiös-weltanschaulichen Vielfalt herrschen bei fast drei Viertel der Jugendlichen Offenheit, Toleranz und Dialogbereitschaft vor, bei einem Viertel dominieren auch Abgrenzung und Angst.

Diese Ergebnisse werden bestätigt in der zweiten großen Befragung von über 2000 Jugendlichen in Vorarlberg zu ihren Werthaltungen.

Veränderungen über die Zeit hinweg machen sichtbar, dass sich die Glaubenseinstellungen „bei leicht abnehmender Tendenz, insgesamt als eher konstant [erweisen], während das Verhältnis zur Kirche deutlich schwieriger und distanzierter wird.“ Teilweise sind intensive Reflexion zu religiösen Fragen und aktive Auseinandersetzung mit Glaubensfragen zu beobachten, v.a. rund um Krisenzeiten und Schicksalsschläge. Vor ca. 20 Jahren nannte Schweitzer als zentrale Erfahrungen:
Einsamkeit und Freundschaft, die diese durchbricht, Neigung zu Idealisierung, Erfahrung von Schuld und Versagen sowie religiöse Zweifel als Ausdruck der Suche nach Freiheit und als Folge einer allgemeinen Vertrauenskrise.

Zur Identitätsbildung gehören auch Fragen nach Religion und Glaube: Wie stehe ich zu Religion? Was ist mir bzgl. meines Glaubens wichtig? Und wer will ich sein? Die Fragen sind meist Grundfragen des Menschseins: Was ist mir im Leben wertvoll und woran sieht man, dass mir das wertvoll ist? Was glaube ich im Angesicht von Krankheit und Sterben? Was gibt mir Kraft, mich auf Beziehungen einzulassen und verlässlich zu sein? Entscheidung ist neben dem Nachdenken und dem Gespräch auch bedeutungs- und sinnvolles Tun. Auch im Bereich von Religion ist hier an Erfahrungsräume und Aufgaben zu denken, bei denen junge Menschen Verantwortung tragen und selbst gestalten können. Zugleich wird bei Jugendlichen häufig von „implizit religiös“ oder von „unsichtbarer Religion“ gesprochen, um das Phänomen zu fassen, dass die genannten Fragen ebenso Thema sind wie Rituale und Ritualisierungen junge Menschen beschäftigen, ohne dass dies als „religiös“ oder „spirituell“ bezeichnet wird. Wichtige Überzeugungen beziehen sich auf familiäre und soziale Beziehungen sowie auf die Ökologie, verbreitet sind humanistische und ökologische Ideale, die auf eine sozial gerechte, nachhaltige Gesellschaft abzielen.

Postadoleszenz – und am Übergang zum Erwachsenenalter
Während also der Beginn des Jugendalters mit der Geschlechtsreife festgesetzt werden kann, ist dies beim Übergang vom Jugendalter ins junge Erwachsenenalter kaum möglich. Bedingt durch zahlreiche veränderte Faktoren benötigen junge Menschen heute mehr Zeit, um die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abzuschließen. Der Übergang ist fließend. Rechtlich sind die jungen Menschen volljährig, zugleich sind aber Partnerschaft und Erwerbsarbeit, Wohnort und Lebensform u.a. häufig noch nicht festgelegt. Vom Übergang des Jugendalters in das Erwachsenenalter kann gesprochen werden, wenn die zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters bewältigt sind. Seine Identität zu entwickeln, sich abzulösen und den eigenen Weg zu gehen, intensive emotionale Beziehungen zu Freunden und/oder Partner/in aufzubauen, sich der eigenen Werte und Normen sowie religiöser Vorstellungen bewusst zu sein und danach leben zu können… Es überrascht nicht, wenn diese Entwicklungsaufgaben Zeit und Begleitung brauchen. Die Begleitung zur Firmung als einer eigenen Glaubensentscheidung hat hier besondere Bedeutung.

Helga Kohler-Spiegel, Mag. Dr., Hochschulprofessorin im Fachbereich Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Praxis für Psychotherapie und Lehrtherapie, (Lehr-)Supervision und Coaching in Feldkirch.

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