Bischofsblog. Verluste bleiben niemandem erspart. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten: ein Armband, an dem das Herz gehangen hat; oder die Geldbörse mit sämtlichen Ausweisen. Dinge wie diese zu verlieren, ist zwar ärgerlich, aber schlussendlich bricht die Welt nicht zusammen.

Dann gibt es aber noch andere Verluste – sie tun richtig weh: Eine Freundschaft oder eine Liebesbeziehung gehen in die Brüche. Die eigene Großmutter erkrankt an Demenz und zieht sich immer mehr in ihre eigene Welt zurück. Persönlich denke ich an jenen Tag zurück, an dem mein Elternhaus abgebrannt ist und ich in den Flammen nicht nur viele Gegenstände, sondern auch ein Stück Heimat verloren habe. Da geht eine Welt unter und man fragt sich: Wie soll es weitergehen?

Sehen so Sieger aus?
Der christliche Glaube ist manchmal nicht ganz einfach zu verstehen. Ich denke gar nicht so sehr an die großen Themen wie Dreifaltigkeit oder Jungfrauengeburt, sondern an ganz simpel scheinende Fragen wie: Warum steht im Zentrum unseres Glaubens eine Person, die in den Augen der Welt als Verlierer gelten würde? Mit unseren Maßstäben gemessen, ist Jesus mit einer Botschaft des Reiches Gottes gescheitert. Seine Predigten wurden von den Mächtigen abgelehnt, seine Taten haben ihm Spott, Verachtung und schlussendlich den Tod am Kreuz eingebracht. Seine Jünger, die ihn begleiteten, machten sich aus dem Staub. Sieger sehen anders aus.

Verlust und Gewinn
Doch die Lebensgeschichte Jesu hat eine Stärke: Sie ist ehrlich und wahrhaftig. Jesu ganzes Leben zwischen Krippe und Kreuz täuscht über die Brüchigkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens nicht hinweg. Da ist nichts geschönt oder zurechtgebogen. Ja mehr noch: Der Verlust gehört wesentlich zum Glauben dazu. Der christliche Glaube beginnt nämlich am Grab eines geliebten Menschen. Er fängt an bei der Erfahrung, dass der Tod Jesu, d.h. der Verlust eines Menschen, nicht das Ende ist. Das Grab, der Ort des Abschied-Nehmens schlechthin, ist Ursprung der hoffnungsvollen Überzeugung: „Er ist auferstanden.“
Verlust und Gewinn sind mehr als nur Begriffe aus der Wirtschaft. In der Logik der Ökonomie zählen nur das Gewinnen und das Immer-Mehr und Immer-Schneller. Für Verluste ist da kein Platz. Der Satz aus einem Gedicht von Andrea Schwarz bringt den Seufzer vieler Menschen ins Wort: „Manchmal träume ich davon, dass ich nicht immer nur blühen muss“. Existentielle Verluste zeigen einem rasch die Grenzen des Lebens auf. Da ist dann nicht die Zeit des Blühens und Wachsens. Vielmehr brauchen Trauer und Tränen ihren Raum. In solchen Momenten sind zwei Sachen besonders wichtig: nicht allein zu sein und glauben zu können: Da ist einer, Jesus, der das Verlieren und Verloren-Sein ebenso kennt wie ich. Der Blick auf ihn hilft mir, auch im größten Verlust inneren Frieden und kleine Schritte der Hoffnung wiederzufinden.

Bischof Benno Elbs

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