In Zeiten von Corona haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Die Zahl jener Menschen, die in den Corona-Maßnahmen der Regierungen im besten Fall eine Zumutung, im schlimmsten jedoch einen systematisch aufgezogenen Versuch zur Manipulation ganzer Bevölkerungen sehen, dürfte gar nicht so klein sein, wie man im ersten Moment vermuten würde. Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, wettern gegen die etablierten Wissenschaften, das politische System oder die sog. globalen Eliten. „Ich glaube lieber Verschwörungstheorien als den Aussagen der Regierung“, sagte vor wenigen Wochen eine Teilnehmerin an einer Anti-Corona-Demonstration in Deutschland.

Worauf ist Verlass?

Eine Frage, die mit diesem Thema verbunden ist, lautet: Woher kann ich sicheres Wissen beziehen? Wem kann ich glauben? Wie verlässlich sind die Informationen, die ich im Internet oder über andere Medien erhalte? In der Tat besteht angesichts der Fülle an Informationen, die tagtäglich auf mich einprasseln, die Gefahr, dass ich es mir in einer Blase Gleichgesinnter gemütlich mache und nur die Botschaften höre, die ich hören will. Zum Opfer medialer Fremdbestimmung wird man ziemlich schnell. Die Algorithmen von Google und den sozialen Medien machen es möglich. Umso mehr wäre auch hier diversity management das Gebot der Stunde. Mit einem Wort: Es ist gut, verschiedene Online-Plattformen zu benutzen, unterschiedliche Blogs zu lesen, oder falls ihr – so wie ich – teilweise auch noch analog unterwegs seid: die Kommentare nicht nur einer, sondern mehrerer Zeitungen zu lesen. Sieht man eine Sache aus zwei verschiedenen Perspektiven an, erhält man einen anderen Blick. Und kommt der Wahrheit eine Spur näher.

Glaube und Wahrheit

Wahrheit – ein großes Wort. Über die Jahrhunderte haben Generationen von Gelehrten sich den Kopf darüber zerbrochen, was Wahrheit ist, ob sie überhaupt erkannt werden kann und wenn ja: Gibt es nur eine oder viele verschiedene?
Am Beispiel der Verschwörungstheorien hingegen haben wir gesehen, dass das Interesse, von der Wahrheit abzulenken, sie zu bestreiten oder ihr aus dem Weg zu gehen, viele Gründe haben kann. Mit ihr befassen sollte man sich trotzdem. Für uns Christinnen und Christen ist das nicht zuletzt deshalb wichtig, weil wir immer wieder Fragen gestellt bekommen: Ist der Glaube wahr? Wie kann es sein, dass Jesus von sich selber behauptet: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6)? Ist es angemessen, wenn wir uns Gott als allmächtig, allwissend oder gerecht vorstellen?

Sinn für mein Leben

Ich finde aber, dass all diesen Fragen auch noch ein tieferer Sinn zugrunde liegt. Wahrheit ist nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern auch des praktischen Lebens. Auch Jesus hat von sich selbst nicht nur gesagt, dass er die Wahrheit ist, sondern hat hinzugefügt, dass er auch der „Weg“ und das „Leben“ ist. Wahrheit und der Weg zu einem Leben in Fülle sind untrennbar miteinander verbunden. Somit geht es letztendlich nicht nur um die Frage: Was kann ich wissen bzw. was ist Wahrheit?, sondern auch darum: Wie soll ich leben? Ich kann (und soll!) versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Zugleich geht es aber auch darum, das, was ich als wahr erkannt habe, auch wirklich zu leben. Wahrheit kann ich also nicht nur versuchen zu verstehen, sondern auch zur Tat werden lassen. Wir alle brauchen Halt, Orientierung und Vorbilder, denen wir in unserem Handeln folgen. Spätestens hier ist die Frage nach der Wahrheit nicht nur eine Turnübung für unser Nachdenken, sondern mitten in unserem Leben angekommen.

Unterwegs

Als Christinnen und Christen glauben wir: Die Wahrheit ist eine Person. In Jesus hat sie ein Gesicht und eine konkrete Gestalt bekommen. Wenn ich zu ihm ja sagen kann, hat das konkrete Folgen für mein Leben. Denn dann versuche ich, meinen Mitmenschen so zu begegnen, wie Jesus es gemacht hat: liebevoll, vertrauensvoll, die Not nicht übersehend. Dann versuche ich, mit Fehlern anderer oder mit persönlichem Scheitern so umzugehen, wie er es vorgelebt hat: nicht richtend, sondern barmherzig und immer offen für einen Neuanfang. Dann kann ich mich auch zu einem Gott bekennen, der aufrichtet, vergibt und mein Leben mit Freude und Zuversicht segnet.
Wahrheit ist als Maßstab unseres Handelns unverzichtbar. Andernfalls wäre die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, Fakt und Fake nicht nur verschwommen, sondern verschwunden. Insofern ist es wichtig, die Wahrheit nicht einfach für sich zu beanspruchen und anderen abzusprechen, sondern im gemeinsamen Austausch zu ihr unterwegs zu sein: fragend und hinterfragend, suchend und glaubend.

Autor: Bischof Benno Elbs

Dieser Artikel erschien im anstösse.