Jesus erklärt uns, dass die Diakonie, der Dienst an den Armen, nicht eine Fleißaufgabe eines guten Christen und einer guten Christin ist, sondern sakramentalen Charakter hat: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder (und Schwestern) getan oder nicht getan habt, das habt ihr mir getan oder nicht getan“.

Wesen der Kirche und Stellenwert der Diakonie
Das ist doch eine unglaubliche Aussage! Diakonie ist laut Jesus direkte Begegnung mit Gott, sie ist „Gottes-Dienst“ und somit ein Wesensmerkmal von dem, was wir „Kirche“ nennen. Ist uns das wirklich bewusst? Hat die Diakonie den Stellenwert in unseren Gemeinschaften, den sie aufgrund der klaren Ansage Jesu verdient? Die Vermutung besteht, dass da und dort auch in unseren Pfarren die Gefahr gegeben ist, dass wir den Fokus in unseren kirchlichen Gemeinschaften zu sehr auf die Liturgie, auf den Gottesdienst legen. Es erzeugt erfahrungsgemäß großen Unmut in der Pfarrbevölkerung, sobald eine gewohnte Gottesdienstordnung für einmal umgestellt wird! Viele von uns sind empört, wenn die Gottesdienstzeit am Sonntag Vormittag für einmal vom Gewohnten abweicht! 
Es stellen sich mir folgende brennende Fragen: Zeigen wir, wenn z.B. Caritassammlungen oder die Aktivitäten der Sozialkreise in den Pfarren ausgesetzt oder gar abgeschafft werden, dieselbe Empörung? Reagieren wir ebenfalls mit Leserbriefen und zornigen Emails, wenn der Dienst an den Menschen am Rande unserer Gesellschaft an die Caritas delegiert wird und die Menschen in der Pfarre damit nichts am Hut haben? Haben wir in den Pfarren ein Gefühl und ein Bewusstsein dafür, dass Jesus uns nicht nur in seinem Wort und in der Eucharistie begegnet, sondern in jedem Bewohner und jeder Bewohnerin eines Pflegeheimes, in jedem Bettler, der die Treppen zu unseren Kircheneingängen säumt?

Das Soziale ist nicht delegierbar
Wir delegieren das Soziale, die Sorge für jene, die wirklich am Rande der Gesellschaft stehen, oftmals an einzelne Engagierte aus dem Sozialkreis oder an die Caritas mit ihren professionellen Einrichtungen. Denn meistens zählen die Menschen, die am Rande stehen, eben nicht zu den „Ghörigen“, zu jenen, die es geschafft haben im Leben. Und mit solchen wollen viele im Grunde nichts zu tun haben, so eine Vermutung. „Es wird doch wohl reichen, wenn wir den Gottesdienst besuchen und sonst niemandem etwas Böses wollen!“, hört man manche sagen. Das tut es aber nicht. Es reicht eben nicht, sich mit einem „Schmalspur-Christsein“ zufrieden zu geben und die eigene Komfortzone nicht zu verlassen. Es genügt nicht, weil es essenziell für die Gesundheit unserer eigenen Seele und für die Seele der kirchlichen Gemeinschaft ist, dass wir die Begegnung mit jenen suchen, die am Rande stehen. Ein Christ oder eine Christin kann ihre / seine soziale Haltung nicht an andere delegieren. Wir alle sind gefordert, diesen Weg gemeinsam zu gehen, wenn wir eine kirchliche Gemeinschaft, wenn wir Christinnen und Christen sein wollen.

Kirche als überalteter Folkloreverein?
Meine Befürchtung ist: Wenn wir die Diakonie nicht stärker in die Mitte unserer Gemeinschaften nehmen, dann sind wir nichts anderes als ein überalteter Folkloreverein, der sich früher oder später selbst abschaffen wird. Wir pflegen liebgewonnene Traditionen mit leidenschaftlicher Inszenierung und Weihrauch, die jedoch von Jahr zu Jahr blutleerer werden, wenn ihnen eine der wichtigsten Lebensadern fehlt, die sie für ihre Lebendigkeit und ihre Glaubwürdigkeit brauchen: Die direkte Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus in den Bedürftigen! Nach „außen“ setzen wir unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel und nach innen erodieren wir, weil wir unsere Herzen und unsere Kirchentüren für Menschen am Rande geschlossen halten. Jede und jeder einzelne ist in die Pflicht genommen, bei diesem Thema ihren oder seinen Weg zu gehen. Gewiss, es können nicht alle dieselbe Gabe mitbringen, sich um die Alten und Kranken zu kümmern. Es können jedoch alle ihren Beitrag leisten in irgendeiner Weise, je nach Charisma und Begabung. Jede und jeder auf ihre/seine Art – und sei der Beitrag auch noch so klein! 

Gemeinsam feiern, die Begeisterung für den Glauben und die Sorge für den Nächsten teilen
Je länger ich darüber nachdenke und je intensiver ich mich selbst in die Pflicht nehme, die Begegnung mit Menschen außerhalb meiner „Komfortzone“ zu suchen, umso klarer wird es: eine lebendige und zukunftsfähige kirchliche Gemeinschaft braucht Menschen, die sich regelmäßig treffen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Sie braucht Menschen, die von dieser lebendigen Gemeinschaft des Glaubens, die vom Evangelium Jesu begeistert sind. Sie braucht Menschen, die diese Begeisterung mit anderen teilen, die andere anstecken wollen mit dem, was sie als wertvoll erkannt haben! Auch dies ist ein Wesensmerkmal, also unverzichtbar für das, was wir Kirche nennen: Die Martyria, Zeugnis ablegen, die Begeisterung für das Evangelium in die Welt tragen! Tun wir das nicht, dann sind wir streng genommen keine Kirche!
Und diese Gemeinschaft, wenn sie sich „Kirche“ nennen möchte, braucht Diakonie. Sie braucht Menschen, die gegen den Strom schwimmen und sich um jene kümmern, um die sich niemand mehr kümmert. Erst im Zusammenspiel dieser drei wesentlichen Dinge bekommen die einzelnen Elemente ihren Stellenwert und ihre Kraft!

Ein unwuchter Motor und die Bedeutung von Schraubenziehern
Liturgie feiern, Zeugnis ablegen und der Dienst am Nächsten hauchen uns eine derartige Lebendigkeit und eine Dynamik ein, dass wir uns keine Zukunftssorgen machen müssen. Eine Kirche, die diese drei Dinge beherzt lebt und umzusetzen versucht, kann nicht untergehen, da Gottes Geist sie lebendig hält! So gilt es für uns im Vorderland und darüber hinaus, diese drei Wesensmerkmale von Kirche im Gleichgewicht zu halten. Wir werden schlichtweg „unwucht“, unser Motor beginnt zu schlingern und nicht mehr rund zu laufen, wenn eines oder gar zwei dieser Elemente fehlen! Mitunter müssen wir heute an gewissen Stellschrauben drehen, um das Ganze da und dort ins Gleichgewicht zu bringen. Wir alle kennen diese Stellschrauben und wissen so sie liegen. Wir alle haben die richtigen Schraubenzieher und den Werkzeugkoffer parat. Fangen wir gemeinsam damit an!

Dr. Michael Willam
Pastoralleiter Seelsorgeregion Vorderland