In den Jahren 1347 bis 1353 grassierte in den Ländern Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland die Beulenpest, die als Schwarzer Tod bezeichnet wurde. Ganze Landstriche wurden entvölkert.

Pestkapelle
Die Not war groß, medizinische Hilfe gab es keine, so suchten die Menschen Zuflucht zum Gebet. 1349 soll die Pest auch in Satteins gewütet haben. Der Bau der Sebastianskapelle in Satteins soll auf ein Gelübde dieser Zeit zurückgehen. In der Decke des Altarraumes befinden sich zwei zylindrische hölzerne Büchsen, durch die die Seile zu den einstmals zwei Glöcklein geführt wurde. Diese hölzernen Büchsen sollen die Naben vom Pestkarren gewesen sein, mit dem die Leichen der Satteinser Pestopfer auf den Friedhof geführt wurden. Die beiden Glöcklein mussten im 2. Weltkrieg der Militärverwaltung abgeliefert werden. Heute besitzt die Sebastianskapelle nur noch ein Glöcklein, das 1950 mit den Kirchenglocken angeschafft worden ist.

Baugeschichte
Die Sebastianskapelle wurde im gotischen Stil gebaut, das Baujahr ist nicht bekannt. Historisch belegt ist jedoch, dass die St. Sebastianskapelle am 27. Juli 1508 vom Churer Weihbischof Frater Stephanus zu Ehren der heiligen Rochus und Sebastian geweiht wurde. Das Stiftungsfest wurde auf den ersten Sonntag nach St. Anna (26. Juli) festgelegt. Am 13. Mai 1510 wurde von der Gemeinde Satteins ein Frühmess-Benefizium bei der neu errichteten St. Sebastianskapelle gestiftet und vom Fürstbischof Paulus Ziegler vom Ziegelberg am 27. August 1510 bestätigt.

Der Standort
Die Sebastianskapelle steht direkt an der uralten und wichtigen Verbindung vom Walgau über den Schwarzen See nach Rankweil. Bei ihr zweigt auch die Straße nach Frastanz ab. Heute wird die Kapelle vom lärmenden Verkehr umflutet, früher aber setzte dem Heiligtum der Pfudidätschbach zu. Im Laufe der Jahrhunderte erhöhte sein Geschiebe das Gelände an der Nordseite um mehr als einen Meter. Diese Geländeerhöhung durch den Wildbach ist in seinem ganzen Verlauf durch das Dorf deutlich zu erkennen. Ein Votivbild im Inneren der Kapelle aus dem Jahre 1711 zeigt noch deutlich die ursprüngliche Situation.

Der Bau
Das Äußere des Kirchleins dürfte von Anfang an in den noch bestehenden Ausmaßen konzipiert worden sein. Lediglich ein Fenster an der Stirnseite des Presbyteriums wurde später vermauert und in der Nische an der Außenseite eine Statue des heiligen Märtyrers Sebastian aufgestellt. Das Original der Skulptur, vom bekannten Feldkircher Bildschnitzer Erasmus Kern um 1630 geschaffen, befindet sich heute nach einer Restaurierung in der Pfarrkirche. In der Nische wurde eine Kopie aufgestellt.
Das Kirchlein besteht aus einem gemauerten, fast quadratischen Kirchenschiff im Ausmaß von 7 m mal 7 m, das man durch ein breites Portal an der Westseite betritt. Aus welcher Zeit die flache Decke mit der Hohlkehle aus Gips stammt, konnte nicht geklärt werden. Vom Volksraum führt der spitz zulaufende auf beiden Seiten bemalte Triumphbogen in das Presbyterium, 4½ m breit und 6 m lang. Es wird von einem spätgotischen Rippengewölbe überspannt, dessen Rippen sich zu einem runden Schlussstein vereinigen. Kirchenschiff und Presbyterium werden von einem gemeinsamen Satteldach überspannt, das gegen Süden hin auch die kleine Sakristei überdeckt. Markant ist der Dachreiter, der sich direkt über der Nahtstelle zwischen Volksraum und Altarraum erhebt und dessen hoch aufstrebende Architektur geradezu als Wahrzeichen der St. Sebastianskapelle gelten kann.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde auf der Westseite des Kirchenschiffes eine Empore eingebaut. Um 1890 erfolgte eine durchgreifende Restaurierung. Daran erinnern die gemalten Fenster im Altarraum, das Chorgestühl und auch die Sakristeieinrichtung. Im Zuge dieser Sanierung wurde auch der Fußboden im Kirchenschiff um etwa einen halben Meter angehoben, was man an den Abstellnischen in den Seitenwänden gut erkennen kann. Auch die doppelflügelige Eingangstüre mit Sandsteinumrahmung stammt aus dieser Zeit, während die Beschläge und das Türschloss noch aus der Barockzeit stammen.

Der Hochaltar
Der Besucher, der das Sebastianskirchlein betritt, richtet seinen Blick gleich auf das spätgotische Hochaltärchen, das wohl schon seit der Erbauungszeit hier seinen Standort beibehalten hat. Auf der Altarmensa aus rötlichem Stein, der wahrscheinlich aus Mels in Sargans stammt, erhebt sich der Altaraufbau.
Der kleine Mittelschrein trägt auf abgestuftem Podest drei qualitätsvolle gotische Figuren. In der Mitte steht die Gottesmutter Maria als Königin. Sie trägt auf ihrem linken Arm das unbekleidete Jesuskind, das recht keck zum Besucher blickt und in seinen Händchen eine blaue Weltkugel hält. Die ausgestreckte Rechte Mariens hält ein Zepter. Die beiden Kronen für Mutter und Kind sind offensichtliche Zutaten der Barockzeit. Sehr vornehm fällt das Haar der Gottesmutter über den goldenen Mantel dessen blausilbernes Innenfutter leuchtet. Die schwungvoll geschnittenen Falten und der Gewandsaum Mariens weisen direkte barocke Anklänge auf. Die Gottesmutter ist von einer Mandorla umgeben, wobei sich gerade und geflammte Strahlen abwechseln. Diese Mandorla gehört bereits zum goldgepressten Hintergrund des Altarschreins, wo sich stilisierte Blüten, Blätter und Kreise abwechseln.
Zur Rechten der Gottesmutter steht der Patron der Kapelle, St. Sebastian (Gedenktag 20. Jänner). Er ist vollplastisch als junger Mann mit mittellangem Haar, entblößtem Oberkörper und goldenem Mantel dargestellt. Als erkennbares Zeichen seines Martyriums trägt er einen langen Pfeil in seinen Händen; dieses Stücks dürfte allerdings erst später anlässlich einer Restaurierung hinzugefügt worden sein. Aus mehreren Stellen seines Körpers fließt Blut, das von den Verwundungen durch die Pfeilschüsse herrührt.
Zur Linken der Gottesmutter steht der Pestpatron St. Rochus von Montpelier (1295-1327; Gedenktag 16. August), zugleich mit Sebastian ein untrüglicher Hinweis auf das Entstehungsmotiv des Altärchens und der ganzen Kapelle. St. Rochus ist als Pilger dargestellt, symbolisiert durch den goldenen Wanderhut mit breiter Krempe, den Mantel und den langen Pilgerstab. Sowohl auf der Hutkrempe als auch auf dem Mantelsaum hat der Künstler ein wunderschönes Rankenmotiv eingepunzt. Rochus hebt mit der linken Hand sein Gewand über dem rechten Knie und weist auf zwei Wunden, ein kleiner Engel ohne Flügel jedoch steht dem hl. Rochus bei und heilt seine Wunden.
Der Altarschrein wird von einem goldenen Band eingerahmt und von zwei beweglichen bemalten Holzflügeln verschlossen. Die Innen- und Außenseiten der Flügel zeigen jeweils zwei Heilige nämlich am linken Flügel innen die hl. Margaretha mit dem Kreuzesstab und dem Lindwurm (Margaretha mit dem Wurm) vor einer blau-goldenen Tapisserie, deren Muster exakt dem goldgepressten Hintergrund des Mittelschreines entspricht, am rechten Flügel innen die hl. Agatha von Catania mit einer brennenden Kerze ebenfalls vor einer diesmal rot-goldenen Tapisserie.
Die Flügelaußenseiten zeigen rechts den hl. Magnus als Mönch mit Kapuze, Buch, Wanderstab und Ungetier, links den hl. Jakob der Ältere mit Jakobsmuschel, Schutzpatron der Pilger, mit Gebetsschnur und Pilgerstab.
Die Predella zeigt Jesus als Weltenherrscher inmitten seiner Jünger, die durch ihre Attribute kenntlich gemacht sind.

Die Plastiken
Im Presbyterium finden sich zwei Plastiken, nämlich rechts der hl. Abt Magnus mit edelsteinbesetzter Mitra und reichverziertem goldenen Mantel, der in der rechten Hand einen Krummstab trägt. Das Attribut in der linken Hand fehlt.
Auf der linken Seite befindet sich die hl. Barbara mit Kelch und Schwert. Auf ihrem goldenen Obergewand finden sich typische Knitterfalten, die auf den Stil von Erasmus Kern schließen lassen.
Auch im Kirchenschiff befinden zwei Plastiken um 1480. Die auf der linken Konsole stehende Figur stellt den hl. Antonius den Einsiedler als Eremit mit Buch und Bettlerglocke dar. Rechts befindet sich auf einer Konsole der hl. Papst Sylvester mit Mitra und Buch.

Die Ölbilder im Chorbogen
Am 16. Februar 1699 wurde die Pfarre Satteins an Johann Morscher aus Weiler, bisher Pfarrer von Laterns, verliehen. Sein Bildnis wurde in der St. Sebastianskapelle aufgehängt, da er für diese Kapelle zwei neue Altäre anfertigen ließ.
Das Ölbild „Maria mit Kind und Stifter“ auf der linken Chorbogenwand aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt Maria mit dem Jesuskind auf einer silbernen Mondsichel, umgeben von einer Strahlenmandorla mit 14 zarten Engelsköpfen. Maria ist gekrönt und Mutter und Kind tragen je ein Szepter, das Jesuskind stützt sich zusätzlich noch auf eine goldene Kugel. Links unten kniet ein Priester als Stifterfigur. Dieser schwarzbärtige Mann mittleren Alters wird durch Gebetsschnur und Chorrock als solcher gekennzeichnet. In einem Schriftband steigt einem Gebet gleich die Bitte „Sancta Maria consolatrix afflictorum interveni pro clero“ („Heilige Maria, Trösterin der Bedrängten bitte für den Klerus“) zu Maria auf.
Das Votivbild „Auferstehung Christi“ in Öl aus dem Jahr 1711 auf der rechten Chorbogenwand ist von kulturhistorischer Bedeutung, da es Rückschlüsse auf die damalige Situation im Dorf erlaubt. Die Darstellung gliedert sich in mehrere Ebenen. Oben thront auf den Wolken die heiligste Dreifaltigkeit, darunter stehen Maria und Josef, unter ihnen befinden sich rechts (vom Bild aus gesehen) Johannes der Evangelist (Adler) und Johannes der Täufer (Lamm und Kreuzstab) sowie links die Kirchenpatrone Sebastian (Pfeil) und Rochus (Wunde am Knie), den Abschluss bilden die heiligen Katharina (Rad) und Agatha (Brüste auf dem Tablett). Den unteren Bildrand bildet die hochinteressante Darstellung der ehemaligen Satteinser Pfarrkirche und der Sebastianskapelle. Die Pfarrkirche steht vor der verschneiten Bergkulisse des Rätikons und wird von der Friedhofsmauer umrahmt. Holzkreuze auf grünem Rasen deuten Grabstätten an, ein überdachter Eingang mit zwei brusthohen rotgestrichenen Flügeltüren führt über zwei Steinstufen auf den Friedhof. Rechts davon befindet sich eine überdachte Nische mit der Darstellung des heiligen Georg auf einem weißen Pferd. Links ist eine Friedhofskapelle oder ein Beinhaus zu erkennen. Der Eingang ins Kircheninnere führt durch ein überdachtes Vorzeichen. Daneben befindet sich die Eingangstüre des Glockenturms. Die Uhr im Obergeschoss desselben zeigt 13 Uhr sowie die Jahreszahl 1711. Auf dem Dach des Presbyteriums nistet ein Storch. Auf der rechten Seite des Bildes steht an einer Weggabelung die St. Sebastianskapelle. Sie zeigt sich in der heutigen Form und in der Apsisnische sieht man die Sebastiansfigur. Im Hintergrund sieht man wohl die verschneiten Dreischwestern. In der Mitte ist das Wappen der Familie Morscher abgebracht: Im blauen Schild ein liegender Halbmond mit drei sechseckigen Sternen. Auf der Helmzier wiederholt sich dieses Motiv als stehender Halbmond mit Sternen. Die beiden Schriftbänder tragen die folgenden Inschriften: oben „pICtIs hIs DeDICo DIVIs“ und unten „Ioannes Morser, saCerDos CVratVs“. Die Chronogramme ergeben jeweils 1711: D+D+D+C+C+V+I+I+I+I+I+I bzw. M+D+C+C+V+V+I.

Die Bilder im Kirchenschiff
Das Ölbild „Maria Verkündigung“ an der linken Seitenwand zeigt Maria betend in einer häuslichen Szene, die durch Haspeln, Garnknäuel, verschiedenen Hausrat sowie den Blick in einen barocken Flur, deutlich gemacht wird. Der Verkündigungsengel steht auf rosa Wolken, hält den Botenstab in der Hand und tut Maria die Botschaft kund, die auf dem Schriftband ,,Ave Maria, gratia plena“ wiedergegeben ist. In der linken oberen Ecke erscheint die Heiliggeisttaube und erleuchtet die Begebenheit.
Das Ölbild „Christus am Ölberg“ an der linken Seitenwand zeigt den betenden Christus mit den drei schlafenden Jüngern, wobei ihm der Leidenskelch bildhaft erscheint. Die nächtliche Landschaft wird von den 14 Nothelfern, auf Wolken schwebend, umrandet. Das Bild stammt von Franz Anton Simon um 1740.
Das Ölbild „Jüngstes Gericht“ an der rechten Seitenwand zeigt über den Wolken Gottvater, darunter thront Christus als Weltenrichter wobei er vom Hl. Geist, Engeln, Maria und Josef, Propheten, Aposteln und Patriarchen umgeben ist. Unter dem Richterthron richten Engel das Kreuz der ewigen Herrschaft Christi auf, andere blasen zum Jüngsten Gericht, wiederum andere strafen mit dem Schwert und lohnen mit der Krone. Am unteren Bildrand schließlich teilen sich die armen Seelen in gute und böse, der Erzengel Michael in römischer Rüstung fährt mit dem Flammenschwert drein.
An der Emporenbrüstung schließlich findet sich in fünf Feldern ein Marienzyklus. Diese Ölmalereien stammen etwa von 1770 und sind in Rokokodekor gefasst. Dargestellt ist von links nach rechts „Maria Verkündigung“, „Mariä Heimsuchung“, „Geburt Christi“, „Darbringung im Tempel“ und „Jesus als Zwölfjähriger unter den Schriftgelehrten“.
Ähnliche Gemälde finden sich an der kassettierten Decke der Sakristei: „Jesus fällt unter dem Kreuz“, „Kreuzigung“, „Geißelung Jesu“, sowie eine größere Darstellung des „Herz-Jesu“.

Das Chorgestühl
Das beidseits des Presbyteriums stehende Chorgestühl ist in neugotischen Formen geschreinert und aus Kirschenholz geschnitzt. Dasjenige auf Seiten der Sakristei enthält ein Wappen mit Berglandschaft und achteckigem Stern, auf dem Linken sind der österreichische Bindenschild und das Vorarlberger Wappen zu sehen.

Die Fenster
Das Sebastianskirchlein weist sowohl im Altarraum als auch im Volksraum und in der Sakristei interessante Fenster auf. Die schmalen und langen Fenster in gotischen Formen im Kirchenschiff wurden wahrscheinlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt, ebenso jenes in der Sakristei und stammen von der Dornbirner Glasmalanstalt. Auffallend sind die zarten Ornamentrahmen in kräftigen Farben, die im Kontrast zum Grau des Mittelteiles stehen. Von besonderer Qualität sind die Glasfenster im Presbyterium. Sie stellen links den Evangelisten Markus mit dem geflügelten Löwen und rechts die Jungfrau Maria mit Kind dar. Beide stehen in einer phantasievollen, neogotischen Phantasiearchitektur und weisen Stiftungsinschriften auf, nämlich links „gest. von Marx Sittich Grabherr Pfr. v. Oberhermersbach/Baden" und rechts ,,gest. von Pfr. Jos. Grabher u. Brüdern, Lustenau.“ Das kleine, fast quadratische Sakristeifenster stellt das Herz Jesu dar.

Die kunsthistorische Sondierung
Im Jahr Spätsommer 2002 wurde die Sebastianskapelle einer kunsthistorischen Sondierung durch Expert/innen unterzogen. Sie brachte mindestens vier Fassungsphasen zum Vorschein. An der nördlichen Wandseite konnten Teile eines barocken Wandbildes freigelegt werden, auch ein Weihekreuz kam zum Vorschein. Die Freilegung der gesamten Wandmalerei muss Ziel einer zukünftigen Restaurierung sein.

Quellen: Eduard Hosp, Kirchen von Satteins, Resch Verlag, Innsbruck, 1976; Elmar Schallert, Die St. Sebastianskapelle in Satteins, unveröffentlicht

Aus Sicherheitsgründen ist die St. Sebastianskapelle geschlossen. Wenn Sie ihr einen Besuch abstatten wollen, wenden Sie sich an Hubert Metzler.