... bekommt den Alternativen Nobelpreis überreicht. Das ausführliche Telefoninterview mit Bischof Erwin Kräutler, geführt von unserem Redakteur Wolfgang Ölz, wurde vor wenigen Tagen aufgezeichnet.

Wolfgang Ölz: Sie werden nun mit dem „Alternativen Nobelpreis“ geehrt und ausgezeichnet für Ihre Arbeit - welche Ihrer Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Bischof Erwin Kräutler: Es sind verschiedene Projekte, die in Zusammenhang stehen mit der Preisverleihung. Es geht natürlich vor allem um die indigenen Völker, der Einsatz für sie, Rechtsbeistand für die indigenen Völker, gerade was ihre angestammten Gebiete und ihr Recht auf ihre kulturellen Ausdrucksformen anbelangt. Natürlich ist in diesem Zusammenhang ganz besonders das Staudammprojekt Belo Monte zu nennen. Es geht eigentlich um die Rettung Amazoniens, es geht um eine Kampagne in der Öffentlichkeitsarbeit, damit die Menschen draufkommen, dass Belo Monte ein Todesstoß ins Herz Amazoniens ist, dessen Folgen unabsehbar sind, was die Regierung im Moment nicht so sieht. Ein besonderes Anliegen ist für mich natürlich der Einsatz für die Menschen, für die Rechte der Kinder, Frauen und vor allem der Menschen, die an den Rand gedrängt sind, also der Armen.

Ölz: Glauben Sie, dass aufgrund der Verleihung des Alternativen Nobelpreises der Staudamm verhindert werden kann?

Kräutler: Da bin ich überfragt. Die Regierung will das einfach durchpeitschen, wie’s scheint noch vor dem Antritt der neuen Präsidentin, auf Biegen und Brechen. Aber wir sind nach wie vor dagegen – ich bin ja nicht allein auf weiter Flur –und kämpfen auch dagegen und wir nützen alle Rechtsmittel aus. Wir weisen auch darauf hin, dass die Entscheidung für dieses Projekt in mehreren Punkten verfassungswidrig ist. Verschiedene Verfassungsartikel sind buchstäblich ignoriert worden. Da ist z.b. die Anhörung der indigenen Völker nicht passiert. Das ist aber in der Verfassung vorgesehen. Die Anhörungen der betroffenen Bevölkerung sind zu einem geringen Teil geschehen. Wir haben 27 erwartet und 4 sind gemacht worden, und diese unter einem Polizeischutz, den man sich gar nicht vorstellen kann.
Ein anderer Verfassungsbruch: Wenn Wasser- oder andere Ressourcen in indigenen Gebieten genutzt werden, muss bei uns ein spezifisches Gesetz verabschiedet wird. Da ist absolut nichts passiert. Das ganze Projekt baut auf einer Massenlüge auf. Man sagt, man macht nur einen Staudamm. Aber die Topwissenschaftler Brasiliens mit internationalem Renommee, haben die Regierung darauf hingewiesen, dass das eine finanzielle Katastrophe ist und überhaupt totaler Unsinn – vom sozialen und ökologischen Standpunkt aus. Das geplante Elektrizitätswerk würde nur 4 Monate im Jahr funktionieren, mit einem Input von über 15 Mrd. Euro

Ölz: Eine Frage zur Präsidentenwahl: Kann sich dadurch etwas verändern?

Kräutler: Nein, die Nachfolgerin von Lula da Silva, Dilma Rousseff, wird nichts Schwerwiegendes verändern, das kann ich mir nicht vorstellen, aber wir kämpfen einfach weiter.

Ölz: Angesichts solcher Monsterprojekte stellt sich die Frage: Was lässt Sie durchhalten, was gibt Ihnen die Kraft und Motivation?

Kräutler: Ich sehe den ganzen Menschen und nicht nur die Seele. Der ganze Mensch ist da in Mitleidenschaft gezogen. Die Leute, für die ich verantwortlich bin sind nicht nur die, die am Sonntag in der Kirche sind, sondern einfach diejenigen, die in meinem Bistum sind. Ich bin ihr Bischof und setze mich für sie ein, ganz besonders, wenn sie in ihrem Überleben bedroht sind. Das kann man nicht herabsetzen.
Der Staudamm mit allem Drum und Dran ist ein lebensbedrohendes Projekt, weil Altamira zu einem Drittel unter Wasser geht und der Rest wird zu einer Halbinsel, von einem toten, faulen See umgeben. Das ist die Brutstätte von vielen Tropenkrankheiten. Das muss man einfach so sehen. Viele denken nicht daran, dass wir im Tropengebiet sind.
Wenn für den Bau grünes Licht gegeben wird, kommen Hunderttausende Leute her, die Arbeit wollen. Das sind meist Leute, die keine Qualifizierung haben, die dann in der Stadt irgendwie unterkommen wollen. Altamira hat keine Infrastruktur im Gesundheitswesen oder im Erzie­hungswesen. Das Ganze ist  auch eine Frage der Sicherheit. Es wird ein Chaos, auf das wir zugehen.
Die Regierung will das einfach nicht einsehen. Nicht nur ich als Bischof sage das, das sagen Leute, die sich seit Jahrzehnten mit diesen Fragen beschäftigt haben und die der Regierung sagen: So geht das nicht! Aber für die Regierung sind 30.000 Leute einfach eine statistische Größe und für mich haben diese 30.000 – 100.000 Leute aus Altamira Gesichter. Das sind Frauen und Kinder, Männer, junge und ältere Leute. Für diese Leute setze ich mich ein, im Namen des Evangeliums, das mit dem Leben etwas zu tun hat.

Ölz: Sie haben offensichtlich eine weitere Sicht von Mission. Sie sind für alle Leute da, egal ob sie katholisch sind, von der indianischen Kultur geprägt oder andersgläubig. Was heißt für Sie Mission?

Kräutler: Das kann man am Gleichnis vom guten Samariter ablesen:  Der Samariter hat nicht gefragt, woher der kommt, der unter die Räuber gefallen war. Der hat nicht zuerst einen Identitätsausweis verlangt. Und er hat auch nicht gefragt, welcher Religion er angehört. Und das ist für mich verbindend. Es geht um den Menschen. Und alle Menschen, ob indigen, ob Afro-Brasilianer, ob Weiße, Siedler oder Flussbewohner – alle sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen. Das ist die Grundaussage. Und für diese Leute setze ich mich ein.

Ölz: Was war der entscheidendste Moment in Ihrem Leben?

Kräutler: Was ich nie vergesse: Als mich die Militärpolizei niedergeschlagen hat.

Ölz: Ich habe das Bild vor Augen: Die Leute riefen, das ist unser Bischof! Und Sie trugen Jeans ...

Kräutler:  Das hat mit den Jeans nichts zu tun. Ich kannte die Leute, ich war schon in allen Gemeinden dort. Mit dem Talar kann ich ja schlecht in den Dreck sitzen. Es war auf der Transamazonas-Straße, alle Leute saßen auf der Straße. Können Sie sich vorstellen, dass ich da im Ornat dazu sitze? Ich war bei den Leuten. Die Militärpolizei hat mich herausgefischt und zusammengeschlagen und vor dem Volk gedemütigt und festgenommen. Da haben die Leute gerufen: Lass ihn los, das ist unser Bischof! Nicht: Das ist ein Bischof, sondern: Das ist unser Bischof! Die Leute merkten, dass ich für sie, aufgrund meines Einsatzes, das für sie erleiden musste.

Ölz: In welchem Jahr war das?

Kräutler: 1. Juni 1983. Ein weiterer Moment, der mich sehr beeindruckte, war, dass ein Mitbruder bei einem inszenierten Verkehrsunfall neben mir gestorben ist. Und nie im Leben werde  ich vergessen, wie ich Sr. Dorothy beerdigt habe. Eine Frau, mit der ich von 1985 bis 2005 zusammengearbeitet hatte. Das kann man gar nicht erzählen, wie das ist, wenn man hinter dem Sarg dieser Schwester steht, die nichts anderes in ihrem Leben getan hat, als sich einzusetzen für die Armen. Das sind Fälle, die kann man nie wegstecken.

Ölz: Eine Frage noch dazu: Ich habe gelesen, als Sie nach vorne geschlagen wurden, da haben Sie das Antlitz Christi gesehen, das blutüberströmte Antlitz Christi.

Kräutler: Ja, das stimmt

Ölz: War das für Sie wie ein Zeichen vom Himmel?

Kräutler: Es war eine Vision. Als ich merkte, dass mir selber das Blut aus Mund und Nase rinnt und dass neben mir der tote Priester liegt, - ich kann mich gut erinnern – in dem Moment habe ich Christus am Kreuz gesehen, das Leidensantlitz Christi. Es war wie das Bild von Velazquez – das ist mir in den Sinn gekommen. Das begleitet mich bis heute.

Ölz: Sie sind Priester und kämpfen für die Armen, was ist das Geheimnis Ihres „Erfolges“? Vielleicht, dass Sie immer ein Koblacher geblieben sind?

Kräutler: (lacht) Ich habe meine Wurzeln nie verleugnet, das will ich auch nicht. Ich bin da auf die Welt gekommen, aufgewachsen, habe dort mit meiner Familie gelebt. Mein religiöses Leben hat in Koblach angefangen, wir haben das auch gepflegt. Das war für mich die Grundlage, und die Entscheidung, Priester zu werden, ist auch in Koblach gefallen – in Zusammenhang mit der Katholischen Arbeiterjugend. Das hat aber nicht geheißen, dass ich nach Brasilien komme. Ich hab zwar als Bub oft daran gedacht, weil mein Onkel schon herüben war. Die Entscheidung für Brasilien ist erst am 12. Jänner 1965 gefallen. In diesem Jahr im Juni wurde ich geweiht, im Jänner bin ich zum Provinzial gegangen und sagte ihm: Ich will nach Brasilien.

Ölz: Wird die persönliche Gefährdung und der Polizeischutz so weiter gehen?

Kräutler: Das werde ich wohl bis zum Ende meiner Amtszeit ertragen müssen. Da wurden absolut keine Anstrengungen gemacht, dass das aufgelöst wird, im Gegenteil. Durch den Erhalt dieses Preises bin ich in Brasilien noch mehr bekannt und es gibt viele Leute die denken: Der muss weg. Der ist verantwortlich, das ist der Grund, dass ich im Jahr 2006 Polizeischutz erhielt. Die offiziellen Sicherheitsbehörden sagten: Sie fühlen sich verantwortlich für das physische Leben des Bischofs vom Xingu. Immer, wenn sich jemand aufregt, sagt der Staat: Wir haben alles getan, was in unserer Macht steht. Er steht rund um die Uhr unter Polizeischutz, wo immer er am Xingu unterwegs ist – er hat bis zu vier Militärpolizisten an seiner Seite, vor, hinter oder neben ihm.

Ölz: Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen für die Kirche in Südamerika, was sind die Herausforderungen für die Kirche in Europa?

Kräutler: Ich habe nicht den Mut, für Europa etwas zu sagen, da sollen sich die Bischöfe selber zusammensetzen. Für Süd- und Lateinamerika ist es einmal die Situation der himmelschreienden Unterschiede zwischen Arm und Reich. Dann die Weiterführung der kleinen kirchlichen Basisgemeinden, denn das ist der Ort, wo die Kirche lebt.
Ich bin Bischof eines Gebiets, das ist 4 ½ mal so groß wie Österreich, das sind ca. ½ Million Menschen, die leben in 840 Gemeinden. Basisgemeinde bedeutet, dass Frauen und Männer Verantwortung übernehmen müssen. Wir haben nur 30 Priester. Aber das heißt nicht, dass der Laie den Priester vertritt, sondern das ist der Ort, wo die Kirche lebt, wo Laien aufgrund ihrer Taufe und ihrer Firmung Verantwortung für ihre Gemeinde übernehmen, und zwar ehrenamtlich.

Ölz: Sie wissen, wie es bei uns in Vorarlberg ausschaut: Wir haben ca. 150 Pfarrgemeinden und laut neuem Pastoralplan müssen wir bis 2025 mit 40 Priestern weniger rechnen, dann verbleiben in etwa noch 60 Priester ...

Kräutler: Ja natürlich, aber unsere Geschichte ist ganz eine andere. Wir sind eine junge Kirche, die ist anders gewachsen. Wenn Sie in einem kleineren Ort im Bregenzerwald sagen, jetzt habt ihr keinen Pfarrer mehr, dann ist das ein Wahnsinn.
Im Grunde geht es um die Eucharistiefeier. Die Leute haben ein Recht darauf. Jesus hat nicht einen guten Rat gegeben, bitte, wenn ihr wollt, könnt ihr Eucharistie feiern, sondern er sagte: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Und das ist der springende Punkt. Wie man das macht, da muss sich die Kirche etwas überlegen.
Zu diesen pastoralen Konzepten: Ich glaube nicht, dass wir in 20 Jahren noch so viele (Priester) sind. Und es gibt andere Diözesen, denen geht es noch ärger als der Diözese Feldkirch, vor allem auch in Europa.

Ölz: Wenn Sie das aus der Ferne beobachten, was raten Sie, was sollen wir tun?

Kräutler: Ich warte schon lange auf ein Konzil. Das kann man nicht punktuell lösen, das geht nicht. Man kann es nicht in Vorarlberg so, im Tirol ein wenig anders machen, und in Hamburg ist es wieder anders.  Es braucht meiner Meinung nach ein Konzil. Die Bischöfe der ganzen Welt sollen alle diese Fragen, diese heißen Eisen, behandeln. Das sollte möglichst bald kommen. Es geht nicht mit einer Synode. Das ist eine Struktur, die sehr schwerfällig ist. Ich war selber bei einer Synode, als Delegierter der Brasilianischen Bischofskonferenz 1997. Davon kann man sich nicht viel erwarten. Da kann man sich ein neues apostolisches Schreiben erwarten, aber diese heißen Eisen müssen einmal aufgegriffen werden und da kann ich nichts anderes sagen.
Es gibt ja viele andere Dinge, die anstehen, in Asien, Japan, China, überall – da sind unheimliche Probleme, die wir behandeln müssen, dann der ganze afrikanische Kontinent. Und dann kommt erst Lateinamerika – wir haben eine Tradition von 500 Jahren. Europa hat eine Tradition von fast 2000 Jahren.
Ich stelle es mir so vor, dass die Bischöfe der ganzen Welt zusammen mit Petrus „sub et con Petro“ diese heißen Eisen angreifen und versuchen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und wie es in der Apokalypse heißt: „Hören, was der Geist Gottes seiner Kirche sagt.“
Dieser Satz ist in der Offenbarung des Johannes im 2. Kapitel 7mal enthalten, an die 7 Gemeinden Kleinasiens.
Das möchte ich wiederholen: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
Das ist für mich ein Schlüsselwort. Ich finde es wichtig, dass dieses nicht an „die eine“ Kirche, sondern an alle -damals sieben- Kirchen gerichtet ist.

Ölz: Vielen herzlichen Dank für das Interview!