Der Wettbewerb 2016 war so bunt wie noch nie. Die Siegerfilme des 69. Filmfestivals in Locarno.

Klaus Feurstein

Der Wettbewerb von Locarno war so bunt wie noch nie. Vom japanischen Erotikfilm über ägyptisches Bollywood, eine französische Wohlfühl-Sozialkomödie und klassisches Erzählkino bis zu rätselhaften Experimentalfilmen war alles zu finden. Also ein schwieriges Unterfangen für die Jurys, diese unterschiedlichen Genres zu bewerten. Umso erstaunlicher, dass die kirchlich-ökumenische und die Hauptjury dieselben Filme mit dem Hauptpreis und mit der lobenden Erwähnung prämierten.

Der Gewinner des Goldenen Leoparden

Sieger in Locarno wurde das Erstlingswerk „Godless“ der bulgarischen Regisseurin Ralitz Petrova. Der Film wird überwiegend chronologisch erzählt, enthält aber mit einer rätselhaften Eingangs- und Schlusssequenz auch experimentelle Elemente. Schonungslos und düster zeigt Petrova das Leben im heutigen Bulgarien. Es ist die Geschichte der Altenpflegerin Gana, die zunächst selbst in kriminelle Handlungen verstrickt ist: Sie stiehlt ihren greisen Patienten die ID-Karte, um sie gewinnbringend zu verkaufen. Erst durch die Begegnung mit dem Chor eines ihrer Klienten und durch die Schönheit der religiösen Choräle, die sie singen, wächst der Entschluss, ihr Leben zu ändern. Aber sie hat in der durchwegs korrupten Gesellschaft keine Chance und bezahlt ihren Versuch mit dem Leben. In düsteren Bildern, fast ohne Farbe, zeigt die Regisseurin die „gottlose“ Welt, die vor allem ein Universum ohne menschliche Werte, ohne Mitleid und Liebe ist. «Es handelt sich bei ‹Godless› um ein Klagelied im theologischen Sinne. In der Ökumenischen Jury hat uns vor allem dieser Schrei aus tiefster Not überzeugt, der einem Psalm gleichkommt.", heißt es in der Begründung für die Auszeichnung. Der Film stelle die Frage, "ob die Klage gehört wird und welcher Weg herausführt aus einer zerstörerischen und korrupten Gesellschaft".

Lobende Erwähnung für den österreichischen Beitrag

Optimistischer und mit viel Humor, aber mittels der gleichen genauen Milieuzeichnung erzählt der österreichische Film „Mister Universo“ des bewährten Regieduos Rainer Frimmel und Tizza Covi ein Road-Movie in der italienischen Zirkuswelt. Es ist dies schon das dritte Werk zu diesem Lebensbereich und - wie die Filmemacher ankündigen - auch das letzte. Dabei arbeiten sie nur mit einem Rahmendrehbuch. Die Dialoge entwickeln die Laien-Schauspieler, die allesamt selber aus der Welt der Akrobaten und Dompteure stammen, selber. Der Film wirkt dadurch sehr realistisch, die Geschichte berührend, der Charme der Darsteller und ihr Humor sind ansteckend. „Mister Universo“ erhielt zahlenmäßig die meisten Auszeichnungen.

Weitere Hauptpreise

Weitere Preise der Hauptjury gingen an den portugiesischen Film „O ornitologo“, der die schwer zu enträtselnde Geschichte eines Vogelkundlers in der Verbindung zur Lebensgeschichte des Antonius von Padua erzählt, der ja aus Portugal stammt, und deshalb dort auch als Nationalheiliger glühend verehrt wird.
Das qualitativ und quantitativ stark vertretene osteuropäische Kino erhielt mit „Inimi cicatrizate“ des Rumänen Radu Jude auch den Preis für die beste Regie.

Der Liebling: Ken Loach

Die größte Begeisterung zeigte das Publikum in Locarno für den englischen Regisseur Ken Loach und sein neuestes Werk „I, Daniel Blake“, das auf der Piazza Grande präsentiert wurde. Sein sozialengagiertes Kino, das mit großem Einfühlungsvermögen die Position der ohnmächtigen Menschen am Rande der Gesellschaft zeigt, eroberte die Herzen der Zuschauer und Zuschauerinnen im Sturm. Sein Film gewann nach der „Goldenen Palme“ in Cannes auch den Publikumspreis in Locarno. Offensichtlich reagieren Cineasten auf das Thema der Menschen in Not sehr emotional und solidarisch. Dies mitzuerleben war neben der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Filme das besonders Erfreuliche beim diesjährigen Filmfestival von Locarno.