Nach „The Young Pope“ ist dieses Jahr auch die Nachfolgeserie „The New Pope“ auf Sky zu sehen.

Klaus Feurstein

Pius XIII., der Amerikaner, raucht Zigaretten. Johannes Paul III., gebürtiger Engländer, bevorzugt Pfeife. Beide sind Papst, und beide sind es gleichzeitig. Wie das sein kann? Nun: Als der amtierende, junge Pius ins Koma fällt und nach geraumer Zeit nicht wieder aufwacht, wird die Wahl eines neuen Pontifex anberaumt. Weil sich das Konklave nicht auf einen Kandidaten einigen kann, wird schließlich ein vermeintlich schwacher Kardinal gewählt, den die Kurie als Marionette zu  benutzen gedenkt. Zu ihrem Schrecken setzt der von seiner Wahl selbst Überraschte, der sich spontan Franziskus II. nennt, allen Prunk ab und fordert eine radikal arme Kirche. Nur sein schneller Tod kann die entsetzten Würdenträger vor dem Verlust aller Annehmlichkeiten retten.

Sir Brannox als neuer Papst

Schließlich wird ein englischer Adeliger namens Sir Brannox als neuer Kandidat ins Spiel gebracht, dessen Familiengeschichte als nebulös und dunkel gilt. Eine vatikanische Delegation unter der Leitung des Staatssekretärs (der in beiden Staffeln eine zentrale Rolle spielt und Fan von SSC Napoli ist) fährt auf sein schlossartiges Landgut, um ihn für das Amt zu gewinnen. Es braucht viel Überredungskunst, bis er zusagt und vom Konklave mit nur einer Gegenstimme zu Papst Johannes Paul III. gewählt wird.

Zwei Päpste

Fundamentalistische Pius-Anhänger halten derweil in Kapuzenpullis, die mit dessen Konterfei bedruckt sind, Mahnwachen und behaupten, ihr als heilig verehrter Pontifex sei umgebracht worden. Als dieser entgegen aller ärztlicher Prognosen aus dem Koma erwacht und mit dem Anspruch, der echte Papst zu sein, an die Öffentlichkeit tritt, und auch Johannes Paul nicht zurücktreten will, droht das kirchliche System aus den Fugen zu geraten. Zusätzliche Probleme verursachen Nonnen, die sich, angeführt von Schwester Lisette (Nora von Waldstätten), zum Streik für mehr Frauenrechte in der Kirche sammeln und schließlich droht ein islamistischer Kalif regelmäßig per Internet, die Christenheit zu zerstören. Am Ende scheint er sogar nicht davor zurückzuschrecken, Kinder in einer Schule als Geiseln zu nehmen. Oder gibt es noch andere Fanatiker, die dahinterstecken?

Grandiose Schauspieler

John Malkovich spielt den älteren Johannes Paul III. melancholisch, verführerisch, undurchschaubar, hochintelligent und intellektuell, man könnte ihm ewig zusehen und zuhören, ob er nun Harfe spielt oder in den brillanten Dialogen seinen großen Mentor Kardinal Newman zitiert. Er verbreitet mit selbstverständlicher Mühelosigkeit die überwältigende Aura einer charismatischen Persönlichkeit voller Ambivalenz und Zwielichtigkeit. Und Jude Law als junger Papst Pius kann in Bezug auf Charisma durchaus mithalten. Die zwei großartigen Schauspieler wären allein schon Grund genug, sich für die Serie zu interessieren.

Blasphemie und viel Erotik

Befanden sich in der ersten Staffel „The Young Pope“ groteske Elemente und ernsthafte Episoden noch in einer gelungenen Balance, gewinnen erstere in „The New Pope“ die Überhand. Vor allem die Intros zu den jeweiligen Folgen sind in Bezug auf ihre Plausibilität fragwürdig. Warum tanzen da Nonnen lasziv zu Popmusik und warum stolziert Pius in leuchtend weißer Badehose am Meer entlang und wird von jungen, modelartigen Schönheiten begehrend angestarrt? Ist es eine ironische Umkehrung des männlichen Blicks? Dass der Papst während seines Strandlaufes plötzlich den Zuschauenden zuzwinkert, ist mindestens ein Hinweis, dass da nicht alles so ernst genommen werden muss.

Etwas irritierend ist auch die grundsätzlich hohe Dichte an erotischen Szenen: homosexuelle unter der Beteiligung von Kardinälen und – in der Thematik zwar hochinteressant, aber im Kontext des Films auch nicht gerade zwingend – heterosexuelle mit einer Frau, die gegen Geld Sex mit einem körperlich entstellten Mann hat. In einer Szene wird eine ganze Gruppe solcher verunstalteter Menschen mit ihren sexuellen Bedürfnissen wie zur Schau gestellt und für die Zuschauer (vielleicht ungewollt) fast zu Freaks stilistiert.

Dass die wichtigste weibliche Protagonistin, die attraktive vatikanische Public Relations Managerin (Cecile de France) immer wieder in sexuellem Kontext gezeigt wird – auch in der Fantasie von Johannes Paul III. – wirft die Frage nach dem Frauenbild des Regisseurs auf. Der ungeheure erotische Überdruck in Sorrentinos Kirchenstaat sei halt der religiös motivierten Triebunterdrückung in diesem Umfeld geschuldet, kommentiert der „Spiegel“ dieses Phänomen.

Grotesk und tiefsinnig

Wer manch groteske Überzeichnung als Stilmittel und die frivolen und für brave Gläubige manchmal blasphemie-verdächtigen Einfälle des Regisseurs akzeptiert, bekommt als Geschenk eine äußerst unterhaltsame und theologisch oft tiefsinnige Serie mit wunderschönen, großartig ausgeleuchteten Bildern und perfekt arrangierten und choreographierten Szenen, denn „Sorrentino gelingt doch wieder das Kunststück, das Papsttum als obszönen Zirkus voller Dekadenz, Machtbesessenheit, Prunklust und spiritueller Armut zu inszenieren – und eine zärtliche Sehnsucht nach dem Göttlichen mitschwingen zu lassen.“ (FAZ)

Die Vorgänger-Staffel „The Young Pope“ gibt es als DVDs auf Deutsch, „The New Pope“ bisher als DVDs nur auf Englisch.