Gott existiert. Er lebt in Brüssel. Zusammen mit seiner Frau und seiner zehnjährigen Tochter bewohnt er dort in einem Hochhaus eine Dreizimmerwohnung.

Klaus Feurstein

Gottes Sohn (JC) ist schon lange ausgezogen, hat zwölf Apostel um sich geschart, Wunder gewirkt und alles, was Gott gesagt hat, ins Gegenteil verkehrt. Denn Gott, der Herr, ist in diesem Film ein biertrinkender Fiesling im Morgenmantel, der alles darauf anlegt, den Menschen zu schaden und sie mittels eines etwas antiquierten PCs sadistisch zu quälen. Außerdem tyrannisiert er sein Eheweib und schlägt die Tochter Ea. So beschließt diese eines Tages wie ihr älterer Bruder zu fliehen, nicht ohne vorher noch den Computer ihres Vaters gehackt und allen Menschen per SMS ihren Todeszeitpunkt verraten zu haben. Aus dieser Konstellation entwickelt der Film eine Abhandlung über den Sinn des Lebens, wie sie bisher ungewöhnlicher, witziger, aber auch feinfühliger kaum zu sehen war: Da die Menschen nun wissen, wann sie sterben, stellen sie sich die Frage, was ihnen denn wirklich wichtig ist und ändern ihr Leben.

Er hat sich inzwischen auf die Suche nach sechs neuen Aposteln gemacht und einen Obdachlosen, der als (womöglich) Einziger kein Handy besitzt und deshalb nicht weiß, wann er sterben muss, zum Schreiber des brandneuen Testaments erkoren. Der Film erzählt nun aus dem Leben dieser sechs Menschen, und - ein weiteres Highlight des Films - mit den besonderen Fähigkeiten von Ea können wir die innere Musik der Jünger/innen hören. Die Schlusspointe wird konsequenterweise mit Bildern eines selbstironischen Feminismus in Szene gesetzt.

Trotz des provokanten Gottesbildes wirkt der Film nie blasphemisch, vielmehr dient dieses als Folie, auf der das jesuanisch-menschenfreundliche Handeln der Tochter noch überzeugender wirkt.

„Das brandneue Testament“ ist schillerndes Kino, mal exzentrisch, bizarr, derb satirisch und grotesk (die Sequenz mit Catherine Deneuve und dem Gorilla hat mich als einzige etwas peinlich berührt), mal gefühlvoll und zart ergreifend. Jedenfalls bietet er viele unkonventionelle, überraschende Impulse, über den Sinn des Lebens nachzudenken, und durchwegs spektakuläre Seh- und Hörerlebnisse.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 5 vom 4. Februar 2016)