Unter männlichen Jugendlichen ist das ultimative Schimpfwort immer noch: "Du schwule Sau!" Es gibt schwule Männer, die gleichgeschlechtlich empfinden. Sollten wir Männer uns dem nicht endlich einmal stellen?

 

von Markus Hofer

Vergangenen Juli ging ein Gerichtsurteil durch alle Zeitungen. Ein 19- und ein 16-Jähriger hatten Sex. Heute nichts Ungewöhnliches mehr unter Jugendlichen dieses Alters. Doch der 19-Jährige wurde strafrechtlich verurteilt. Warum? Weil beide männlich waren. Es wäre nichts passiert, wären es ein Junge und ein Mädchen gewesen, egal wer von beiden jünger ist; im übrigen auch nichts, wenn es zwei Mädchen gewesen wären. Auch wenn das Mädchen 14 und er ein alter Lüstling wäre, geschähe nichts, solange es keine Nötigung ist. Aber zwei Burschen, von denen der eine unter und der andere über 18 Jahre ist, das geht in Österreich nicht. Wenn der eine 17 und der andere 16 ist, "dürfen" sie. Ein Jahr später ist der ältere straffällig. Im Jahr darauf "dürfen" sie dann wieder. Nach Liechtenstein sind wir das letzte Land in Europa, das diesen sogenannten Schutzparagraphen (§ 209) noch aufrecht erhält.
 

Schutz wovor?

Zum Schutz vor sexuellem Missbrauch haben wir brauchbare Strafparagraphen, die in jedem Fall gelten: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses. Wovor soll also dieser Paragraph noch schützen? Niemand kann es mehr so recht erklären.

Dahinter liegen wohl alte, überholte Vorstellungen von Homosexualität, nach denen das Schwulsein eine Art ansteckender Virus ist, gegen den die Jugendlichen geschützt werden müssen, bis sie mit 18 Jahren dagegen immun sind. Aus heutiger Sicht ist klar: Der § 209 schützt vor nichts, sondern diskriminiert nur, in diesem Fall eben Männer. Man(n) könnte einwenden, das sei ein Minderheitenproblem - ist es - aber am Umgang mit den Minderheiten zeigt sich die Qualität einer Gesellschaft.

Männliche Homophobie

Dieser Paragraph ist nur ein Beispiel für die Diskriminierungen, die homosexuelle Frauen und Männer in unserer Gesellschaft erfahren. Es sind doch wir heterosexuellen Männer selbst, die unsere schwulen Geschlechtsgenossen diskriminieren. Die meisten von ihnen haben mit dem gängigen Tunten-Klischee nichts zu tun. Sie sind im Grunde Männer wie du und ich. Deshalb wäre es an der Zeit, dass wir uns einmal an der Nase nehmen und uns ehrlich nach den Wurzeln fragen, nach den Ängsten, die Schwule in uns auslösen. In erster Linie ist es wohl unsere eigene Homophobie, die Angst von Männern vor der Nähe zu anderen Männern, sei es körperlich oder emotionell. Wenn man(n) sich körperlich nähert, dann nur im Ringkampf oder mit kraftvollem Schulterklopfen, aber ja nicht zärtlich, man könnte ja meinen... Die Angst vor Schwulen hat tief drin mit unserer eigenen Angst vor dem Schwulsein zu tun. Dahinter liegt, warum auch immer, eine grundlegende Unsicherheit in der eigenen sexuellen Identität. So irrational diese Ängste auch sein mögen, so wirkmächtig sind sie, wie die gesellschaftliche Diskriminierung zeigt. Wir müssten eigentlich Manns genug sein, als dass uns die Tatsache, dass es auch schwule Männer gibt, verunsichern könnte.
 

Die Hand reichen

Vielleicht wäre es endlich an der Zeit, unseren schwulen Brüdern die Hand zu reichen. Wir würden Wichtiges erfahren: dass wir uns nicht "anstecken", dass wir vor ihnen keine Angst zu haben brauchen und schlussendlich, dass wir keine Angst vor uns selber und unserer sexuellen Identität zu haben brauchen. Es könnte für beide ein befreiender Handschlag sein.