Eine ganze Nation, wenn nicht gar ein ganzer Kontinent schien nervös zu sein, als es eines Abends den lang ersehnten Anpfiff zur Fußball-Europameisterschaft gab. Die „Arena der Männlichkeit“ war eröffnet.

Von Markus Hofer

Es gibt kaum etwas Rückständigeres als Fußball - gemessen an dem, was in unserer Gesellschaft als modern gilt. Vielleicht liegt gerade darin die Faszination der EURO. Alles, was als politisch unkorrekt gilt, ist für eine Zeit lang erlaubt und offensichtlich auch begehrt. Es ist eine der letzten Tätigkeiten, die trotz des Frauenfußballs unumstritten als Männersache gilt und vielleicht gerade deshalb zunehmend für Frauen interessant wird.


Wofür Männer im richtigen Leben ausgelacht werden, werden sie auf dem Fußballplatz angehimmelt. Was der Zeitgeist uns Männern verbietet, ist im Zusammenhang mit Fußball erlaubt. Es scheint fast, als bekämen archaische Stammesrituale ihren geschützten Platz: Trotz EU, die stolz darauf ist, dass sie den Nationalismus und die Kriege überwunden hat, kämpfen in der Arena des Fußballs die Nationen begeistert um den Sieg. Die einstigen Beschützer von Heim und Herd treten nun rituell gegeneinander an, angefeuert vom Patriotismus der Fans – Nationalismus auf Zeit sozusagen. Dazu gibt es wieder Idole und Vorbilder; sogar Erwachsene sammeln die Panini-Bildchen. Man darf sich identifizieren, verbünden, vergegnern, sich die Kehle heißer schreiben und sich aus Freude oder Ärger voll laufen lassen. Helden zählen plötzlich wieder in diesem Schaulaufen der Gladiatoren. 


Aggression und Kampfgeist, Wut und Freude dürfen ungeniert ausgelebt werden und finden im Regelfall harmlose Zielscheiben. Und es ist eine der letzten Bastionen, wo Männer noch unter sich raufen, rennen, schwitzen und keuchen dürfen, ohne dass eine Gleichstellungsbeauftragte sich einmischt. Der ehemalige argentinische Nationaltrainer Menotti meinte einmal: „Fußball ist wie das Leben, nur spannender.“ Vielleicht ist das Gute an der EURO aber doch, dass sie in ein paar Wochen auch wieder vorbei ist.