Mit dem Aschermittwoch vor ein paar Tagen begann die Fastenzeit, die trotz schwindender Religiosität sich eine gewisse Bedeutung bewahrt hat, heute eher als Wellness-Phase, als Zeit zum Kaloriensparen und abnehmen.

Die religiöse Seite des Fastens ist derzeit eher vom Gesundheitstrend überlagert: Man fastet nicht mehr, sondern entschlackt. Trotzdem gibt es neue Formen von Heilfasten und Fastenkuren zur Regeneration des Körpers und für viele ist damit auch eine seelische Reinigung verbunden. Ich war immer fast berauscht von der Klarheit, die ich im Kopf hatte während meiner Fastentage und der vielen Zeit, die ich plötzlich hatte. Nicht zuletzt denke ich aber auch daran, wie lustvoll das Essen nach dem Fastenbrechen wieder zu einem neuen Erlebnis wird.

Fasten muss aber nicht nur auf das Essen bezogen sein. Gewohnheiten und automatisierte Abläufe erleichtern unseren Alltag. Wir können nicht jeden Morgen nachdenken, mit welchem Fuß wir aufstehen sollen. Andererseits besteht die Gefahr, dass in unserem beruflichen wie privaten Alltag Dinge auch zum Trott werden, dass Bedeutsames nur allzu selbstverständlich wird und Lustvolles zur reinen Gewohnheit. Man könnte sagen: Wir haben dann zwar Hunger, aber keinen Appetit mehr – und das gilt nicht nur für das Essen.

Fasten im weiteren Sinne als eine gezielte Unterbrechung, als bewusster, zeitweiliger Verzicht auf Liebgewonnenes könnte uns erst wieder hungrig werden lassen, den lustvollen Appetit wieder wecken auf Dinge, die manchmal vielleicht schon zur schalen Gewohnheit geworden sind. „Ich habe zwar alles, aber ich habe auf gar nichts mehr wirklich Lust“, erzählte mir einmal ein deprimierter Mann. Da wäre ein umfassendes Abspecken angesagt, ein echtes Fasten, das uns wieder hungrig macht, nicht zuletzt wieder hungrig nach dem Leben.

 Dr. Markus Hofer