Die angeblich stillste Zeit des Jahres ist schon längst zu einer der lautesten geworden. Die akustische Dauerberieselung ist nie so stark wie im Advent. Vielleicht ist es schon provokant, da über die Stille zu reden.

Von Markus Hofer

Die sog. Wüstenväter lebten im 3. und 4. Jh. n. Chr. in der ägyptischen Wüste, fern ab der Zivilisation, völlig zurück gezogen ein raues und karges Leben der Stille. Damals wurde zwar noch nicht Weihnachten gefeiert, aber sie waren immerhin die großen Experten der Stille, denn außer ein paar Naturlauten gab es nichts, wo sie hausten. Sie versuchten in dieser Stille im Einklang mit der Natur und sich selbst zu leben. Von einem dieser Wüstenväter wird eine sehr schöne Geschichte über die Stille erzählt:


Eines Tages kamen Besucher zu einem einsamen Mönch. Sie fragten ihn: „Welchen Sinn hat dein Leben in der Stille?“ Der Mönch war eben dabei, Wasser aus einem tiefen Brunnen zu schöpfen. Er sagte: „Schaut in den Brunnen! Was seht ihr?“ Die Leute blickten in den tiefen Brunnen: „Wir sehen nichts.“ Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch seine Besucher wieder auf: „Schaut in den Brunnen! Was seht ihr?“ Die Leute blickten wieder hinunter. „Ja. Jetzt sehen wir uns selber!“ Der Mönch sprach: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selbst!“
Wann waren wir selber das letzte Mal so still, dass wir uns selbst gesehen haben? Ich gebe zu, die Frage ist provokant für uns Männer. Immer aktiv, immer am Ball, immer etwas los – viele halten die Stille gar nicht mehr aus. Stille kann richtig wehtun, wenn man sie nicht mehr kennt; das sind dann wie Entzugserscheinungen bei einem Süchtigen. Genau dann kann sie aber gerade heilsam sein, die Stille Wie wär’s mit einem vorweihnachtlichen Spaziergang in einer stillen Landschaft, um dabei sich selber näher zu kommen? Damit wir wieder ein Leuchten auf unseren Gesichtern haben!