Wenn eine Bibel verschlissen und alt geworden ist – oder es wie jetzt eine überarbeitete Bibelübersetzung gibt – fragt sich der Eine oder die Andere, ob man sie einfach in den Altmüll werfen kann und sie so wie das Altpapier entsorgen? Oder gibt es andere Regeln, wie ich mit alten Bibelbüchern und Lektionaren umgehen soll?

Man darf alte Bibeln wegwerfen

Das vorab schon – der Papiermüll ist eine legitime Form der Entsorgung. Ob man es tun soll, ist eine andere Frage. Denn oft ist eine Familienbibel oder die Bibel aus den Jugendjahren mit vielen persönlichen Geschichten oder mit der eigenen Glaubensgeschichte verbunden, die sich nicht einfach so im Altpapier entsorgen lassen. Der Umgang mit der Bibel ist also keine Frage des Rechts, sondern vielmehr eine Frage der Kultur. Denn heilig ist nicht das Buch selbst, vielmehr der Inhalt, der darin aufgeschriebene Glaube.

Ehrfürchtig behandeln

Im "Codex Iuris Canonici" findet sich im Paragrafen 1171 folgende Antwort: "Heilige Sachen, die durch Weihung oder Segnung für den Gottesdienst bestimmt sind, sind ehrfürchtig zu behandeln und dürfen nicht zu profanem oder ihnen fremdem Gebrauch verwendet werden, selbst dann nicht, wenn sie im Eigentum von Privatpersonen sind."
Diese Interpretation lässt im Blick auf die veralteten Bibel oder Lektikonare den Spielraum offen. Die Verehrung, die man einem sakralen Gegenstand wie einem Kreuz oder einer Bibel schuldet, legt nahe, sie nicht einfach nur so in die Mülltonne zu werfen. Umgekehrt wäre jedes Pfarramt und Archiv überlastet, wenn alle sakralen Gegenstände dort abgegeben würden. So schreibt der Kustos des Klosters Einsiedeln, Pater Pascal Meyerhans, dass das Kloster aufgehört habe, sakrale Gegenstände von Privatleuten entgegenzunehmen, "denn früher wurden wir mit ganzen Bibliotheken beschenkt. Das wurde uns zu viel." Er rät aber vor der Entsorgung abzuklären, ob es sich um wertvolle Sachen handelt. Dafür zeige jeder Archivar oder Antiquitätenhändler durchaus Interesse.

In ein Tuch wickeln und vergraben

Für die meisten Muslime wäre es unerträglich, wenn ein Koran in der Tonne landet, weil der Koran für sie die wörtliche Offenbarung Gottes ist. Laut islamischem Recht darf der Koran nicht ohne rituelle Waschung berührt werden oder auf dem Boden liegen.
Wenn nun ein arabischsprachiger Koran alt und unlesbar geworden ist, solle man ihn wie einen Toten in ein Tuch wickeln und beisetzen. Dabei müsse darauf geachtet werden, dass dieser Ort sauber ist und nach der "Bestattung" nicht mehr betreten werde. Damit sich die Tinte, mit der das Wort Gottes aufgeschrieben wurde, auflöst, gibt es auch die Möglichkeit einer Wasserbestattung, bei der der Koran mit einem Stein beschwert in einem Fluss oder See begraben wird. Eine Minderheit unter den Rechtsgelehrten ist der Auffassung, dass in die Jahre gekommene Korane nicht vergraben, sondern verbrannt werden sollten (dies aber aus der Haltung heraus, dass es so zu keinen Verwechslungen führen kann).

Auch Katholiken raten zur Bestattung

Im Judentum werden Texte, in denen der hebräische Gottesname vorkomme, nicht weggeworfen. Stattdessen werden sie meist in Synagogen an einem abgeschotteten Ort, einer "Genezia", aufbewahrt. Auch die katholische Kirche rät zum Bestatten einer unleserlichen, beschädigten oder (wegen des bearbeiteten Textes) nicht mehr brauchbaren Bibel. Ähnlich wie bei geweihten Gegenständen könnte eine Bibel oder ein Lektionar in einem "Sakrarium" begraben werden. Weil dieser Ort oft zu klein ist, könnten die Bücher in geweihter Erde beispielsweise auf dem Friedhof begraben werden.
Eine nicht ganz unverfängliche Art der Entsorgung ist das Verbrennen (Brennbares vom Unbrennbaren trennen!). Das könne jeder für sich machen, begleitet mit gebührender Ehrfurcht - und wer will verbunden mit einem Gebet oder lauten Aussprechen seiner Lieblingsbibelstelle. So kann man es in den Kreislauf dem Feuer und der Erde zurückgeben. Vielleicht kann das Osterfeuer ein Ort sein, um alte Lektionare diesem Kreislauf zurück zu geben?

Transformieren statt ausrangieren

"Obwohl es auf Papier fixiert ist, bleibt das biblische Wort für gläubige Menschen in Bewegung. Das Faszinierende an der biblischen Schriftensammlung bleibt die Vielstimmigkeit, die jeweils neu ins Leben übersetzt werden möchte." Warum also nicht auch die alten Bibelausgaben nochmals bewegen und sie als Material einem Transformationsprozess aussetzen? Dieser Gedanke standen mehreren Wettbewerben Pate. Menschen waren eingeladen zu zeigen, was alles in den heiligen Schriften steckt. Ein Baumwerk? Die Gestalten der alten Geschichten aus Papier? Pappmaché-Objekte oder bewegte Installationen aus ganzen Bibeln? Sowohl der Kreativwettbewerb des Schweizerischen Katholischen Bibelwerkes als auch der des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes haben spannende und nachahmenswerte Möglichkeiten der Transformation zu Tage befördert.

Oder archivieren?

Eine alte, wertvolle Bibel oder ein Satz der überholten Lektionare könnte als Zeugnis der Kirchen- und Glaubensgeschichte im (Pfarr-)Archiv aufbewahrt werden. So konnten Jahrzehnte später wertvolle Schätze am Dachboden oder in Verstecken gehoben werden.

Wieder zur Hand nehmen

Die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Entsorgung könnte aber auch Anlass sein, das Werk wieder in die Hand zu nehmen und darin zu lesen. "Für uns Christen steht das lebendige Wort Gottes im Mittelpunkt. Das lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen", sagt Thomas Söding, Professor für das Neue Testament an der Ruhr-Universität Bochum. Eine ganz neue Chance sieht er vor allem für die Ausgabe der Bibel auf Smartphones, die es ermöglicht, auch Unterwegs darin zu lesen: "Früher war das Papyrus, dann kam der Buchdruck und jetzt eben als App. Ihre schnelle Verbreitung hat die Bibel zum Bestseller gemacht - bis heute."

Wenn es so weit ist ...

Kristian Fechtner hat die Einführung der neuen Bibelübersetzung für eine Predigt am 3. Adventsonntag genutzt. Darin erzählt er sehr persönlich über die eigenartige Spannung, eine alte Bibel wegzuwerfen - und wie es dann doch zu einer Lösung kommt, die vermutlich gar nicht so selten ist...

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