Einst arbeitete Jochen Wermuth für die Deutsche Bank und die Weltbank, heute investiert er nur noch in grüne Unternehmen. Der Investor stellte dem Papst für ein Jahr ein Elektro-Auto zur Verfügung und machte Vorschläge für eine nachhaltige Investmentstrategie des Vatikans. Am 8. September ist Jochen Wermuth bei FAQ Bregenzerwald zu Gast. Das KirchenBlatt hat vorab ein Gespräch mit ihm geführt.

Interview: Elisabeth Willi

Vor 20 Jahren haben Sie begonnen, in grüne Unternehmen zu investieren, seit acht Jahren tun Sie das ausschließlich. Gab es dafür ein Schlüsselerlebnis?
Jochen WermuthJochen Wermuth: Ja. Zum Beispiel wurde ich von einem Professor, der den Nobelpreis für Laser-Technologie verliehen bekommen hat, bestärkt: Nutze deine Talente, um die zwei Milliarden Menschen ohne Strom mit günstigem Solarstrom zu versorgen statt z. B. in Fast-Food-Ketten zu investieren. Auch scheinbar Unmögliches kann funktionieren, lehrte er mich. In meinem Fall wesentlich billigere und sauberere Lösungen im Bezug auf Solar-Investments.
Es gab auch Erlebnisse in meinem Privatleben, die mich stark beeinflusst haben, wie Tschernobyl, wo ich den Eindruck hatte, ich kann mich kaum wehren. Ich dachte mir dann: Ich mache einen auf Bloomberg. Michael Bloomberg wurde Milliardär, hat gute Dinge mit seinem Geld gemacht und war Bürgermeister von New York City.

Welche guten Dinge machen Sie mit Ihrem Geld?
Wermuth: Viele Menschen leben so: Einerseits verdienen sie irgendwie Geld, andererseits geben sie etwas für gute Zwecke ab. So unterstütze ich z. B. seit 1992 Greenpeace. 2011 traf ich aber auf Charly Kleissner und Ellen Dorsey, die mich darauf hinwiesen, dass ich beim Geld-Verdienen vielleicht mehr zerstöre, als ich mit Spenden Gutes tue. Jede Stiftung, jeder Mensch sollte sich also fragen: Wozu wird mein Geld bei der Sparkasse, meiner Kranken- oder Hausratsversicherung eigentlich genutzt?
Daher bin ich ab etwa dem Jahr 2011 Vereinigungen von internationalen Investoren beigetreten, die nachhaltig und mit positiver Wirkung investieren. Das sind das „Global Impact Investing Network“ (GIIN), TONIIC (das Family Office Netzwerk), die „Europeans for Divest-Invest“ und die „Institutional Investor Group on Climate Change“. Meine Frau und ich haben uns außerdem entschlossen, dass 100 Prozent unserer Anlagen - vom Geld bei der Bank über festverzinsliche Wertpapiere, Aktien, Anteile an Firmen, Immobilien bis hin zu Land und Wald - nur dann getätigt werden sollen, wenn sie auch eine positive Wirkung auf die Umwelt haben.

Eine Ihrer Thesen lautet: „Der Kapitalismus kann das Klima retten.“ Wie soll das funktionieren?
Wermuth: Der Kapitalismus heute ist hauptverantwortlich für die Ausnutzung von Natur und Menschen. Dieses System ist nicht lebensfähig. Wenn man hingegen einen Kapitalismus hätte, bei dem die verursachten Probleme voll berechnet werden, dann könnte er funktionieren. Man müsste das Verursacherprinzip anwenden, was in der Verfassung der EU, dem Lissaboner Vertrag ja auch schon festgeschrieben ist: Wer Dreck verursacht, muss ihn auch bezahlen. Benzin müsste zum Beispiel durch höhere Steuern abgegolten werden und dieses Geld dann an sozial schwächere Personen, in grüne und nachhaltige Technologien, Investitionen, Projekte etc. fließen.

Sie sagen, es ist nicht nur moralischer, sondern auch finanzieller Irrsinn, in Öl, Gas und Kohle zu investieren. Ein paar Zahlen bitte.
Wermuth: Wenn ich Strom aus Solarenergie in sonnenreichen Ländern herstelle, kostet das 2 bis 3 Cent pro Kilowattstunde - hingegen beinahe 50 Cent, dasselbe mit Diesel zu produzieren. Es gibt immer mehr Studien, die belegen: Weitere Investitionen in Öl, Gas und Kohle ergeben keinen Sinn, denn sie sind viel teurer als erneuerbare Energien.

Unsere westliche Existenz hängt nicht nur vom Klima ab, sondern auch von Anderem, was durch unseren Ressourcenhunger zerstört oder ausgebeutet wird. Zum Beispiel die Näherinnen in Bangladesch, dank derer wir billigste T-Shirts kaufen. Gleichzeitig ist es für eine arme Familie in Österreich finanziell nicht möglich, das teure T-Shirt zu kaufen. Sehen Sie auch hierfür Lösungen?
Wermuth: Zuerst: Ich glaube, dass die Menschen von Natur aus gutherzig sind und Nächstenliebe für sie wichtig ist. Wir sollten hinkommen zu einer sozialen Marktwirtschaft und einem zivilen Kapitalismus. Wir müssen unsere Rechte einfordern, wie es zum Beispiel die Fridays for Future-Bewegung versucht. Ich bin guter Dinge, dass man dank der sozialen Medien immer mehr über die Quellen von Gütern und die Bedingungen, unter denen sie hergestellt wurden, erfahren kann. Wenn jemand Kinderarbeit nutzt, sollten die Güter an der EU-Grenze beschlagnahmt werden. Sollte jemand CO2-Emissionen verursachen, müssen die weltweiten Kosten dafür an der EU-Grenze erhoben werden. Das sind etwa 640 Euro an Kosten pro freigesetzter Tonne CO2 laut Deutschem Bundesumweltamt. Derartige Einnahmen sollten dann der Sozialpolitik und damit einer armen Familie zugutekommen. So kann auch sie sich das vielleicht teurere, aber nachhaltig gefertigte T-Shirt leisten.

Sie haben 2017 dem Papst ein Elektroauto geschenkt. Wie kam es dazu?
Wermuth: Die Impact-Wirkungs-Investoren sind mehrfach vom Vatikan eingeladen worden, und es gab Seminare zur Enzyklika „Laudato si‘“. Wir sprachen mit dem Papst darüber, dass Elektromobilität viel weniger Emissionen verursacht und kostengünstiger ist. Mit einem Elektroauto, das 20.000 Euro kostet, spart man 1000 Euro pro Jahr und verdient 1000, wenn die Batterie als Stromspeicher verwendet wird. Es entstand schließlich die Idee, dem Papst zu seinem 80. Geburtstag ein Elektroauto zu schenken. Da bei uns aber Geschenke über 50 Euro nicht erlaubt sind, haben wir es ihm für ein Jahr als Teil eines Projekts zur Einführung von Elektromobilität zur Verfügung gestellt.

Sie haben dem Vatikan noch weitere Projekte angeboten?
Wermuth: Ja, wir boten die Umsetzung von vier Projekten für die Wahrung der Schöpfung an: eine Umstellung des Vatikans auf 100 Prozent erneuerbare Energie, eine Umstellung auf emissionsfreien Transport, die Nutzung der Elektrofahrzeuge als Speicherkapazität und den Ausstieg aus Investitionen in Öl und Gas der Vatikanbank. Wir sind der Überzeugung, dass die Umsetzung dieser Projekte eine unglaubliche Signalwirkung haben wird, und sind guter Hoffnung, dass eines Tages der Vatikan total emissionsfrei wird.

Sie selbst sind Millionär. Hätten Sie dieses Vermögen auch erwirtschaftet, wenn Sie nicht in Unternehmen mit Bezug zu Öl, Kohle und Gas investiert hätten?
Wermuth: Meine erste Million habe ich als Wirtschaftsberater verdient, aber sicher habe ich danach an der Wertsteigerung von fossilen Energiefirmen mitverdient. Heute würde man bei solchen Investitionen aber Geld verlieren, mit nachhaltigen Investitionen hingegen ein Vermögen erwirtschaften. Das heißt, auch wenn einem die Umwelt egal ist, heute rechnen sich nachhaltige Investitionen - nur haben das noch zu wenige verstanden. «

Jochen Wermuth

Geb. 1969 in Boston, studierte u. a. an der Universität Oxford. 1999 gründete er seine Vermögensverwaltung, die Wermuth Asset Management GmbH. Sie hat sich auf Anlagen im Bereich Nachhaltigkeit spezialisiert. Wermuth ist Mitglied des Anlageausschusses des 24 Milliarden Euro schweren „KENFO“ (Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung) der deutschen Bundesregierung. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Wermuth, als er 2016 300.000 Euro an die Grünen in Baden Württemberg spendete.

» Jochen Wermuth nimmt bei FAQ Bregenzerwald an der Diskussionsrunde „Was kostet die Welt?“ teil, bei der über das Gelingen von nachhaltiger Wirtschaft gesprochen wird.
So 8. September, 17 Uhr, Remise Wälderbähnle, Bezau. Infos zu FAQ Bregenzerwald unter
www.faq-bregenzerwald.com

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 35 vom 29. August 2019)