Zweimal im Jahr werden in Vorarlberg jene Kinder beerdigt, die vor ihrer Geburt gestorben sind. Das Gemeinschaftsbegräbnis gibt den Angehörigen Raum für ihre Trauer und den Kindern einen würdigen Ort.

Patricia Begle

Der Waldfriedhof hinter dem LKH Rankweil ist wohl einer der schönst gelegenen im Land: Inmitten von Wald und Wiesen, Vogelgezwitscher und Kuhglocken, Duft von Erde und Laub. Ein friedlicher Ort. Die Menschen, die sich am vergangenen Donnerstagnachmittag beim Friedhof einfinden, sind dennoch nicht frohgemut. Sie kommen um Abschied zu nehmen. Abschied von ihrem Kind, das sie nicht lebend in den Arm nehmen durften.

Erinnerungsort. Seit über zwanzig Jahren schon gibt es für Eltern die Möglichkeit, ihr Kind im Rahmen dieses Gemeinschaftsbegräbnisses zu beerdigen. 1999 wurde dafür vom Land Vorarlberg ein Gedenkstein errichtet. „In stillem Gedenken an alle zu früh verstorbenen Kinder“ ist dort zu lesen. Kleine weiße Engel, Laternen und Grablichter schmücken den Stein. Auf der Wiese davor sind Grabplatten ausgelegt - für jedes Begräbnis eine Platte, eingraviert sind Monat und Jahr. Auf die Platten wurden Erinnerungsstücke an die Kinder gelegt: Wieder blicken kleine Engel den Besuchern entgegen, Gedenksteine mit Namen und Geburtstag des Kindes liegen neben Spielzeugautos und Legosteinen. „Ein Engel kam, lächelte und kehrte um“, steht auf einem Herz aus Ton geschrieben.

Gemeinschaft trägt. Bei aller Traurigkeit ist die Begräbnisfeier am Waldfriedhof schön. Rita Gruber, Seelsorgerin am LKH Rankweil leitet sie. Ihre Worte versuchen auf schlichte Art, die Stimmungen der Anwesenden einzufangen, ohne sie zu beschönigen. Der Glaube, dass die Kinder nun in Gott geborgen sind, ist Grundton der Feier. Auch in der Predigt von Daniela Bohle-Fritz, Seelsorgerin am LKH Feldkirch, kommt er zum Ausdruck. „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, ist das Bibelwort dafür. Zwischen den Texten ertönen immer wieder Klänge des Saxophons. Sie lassen die Gedanken treiben und tun der Seele gut. Gesang ertönt beim islamischen Gebetsteil, der bereits seit Jahren dazugehört. Imam Hüseyün Karaca, der zu Gast ist, singt aus dem Koran. Dass er hier teilnimmt, hat für viele muslimische Eltern und Großeltern große Bedeutung.

Persönlicher Abschied. Am Ende der Feier wird der kleine Sarg, in dem alle verstorbenen Kinder eingehüllt liegen, gesegnet und in die Erde hinabgelassen. Jede und jeder hat nun Zeit, heranzutreten und sich zu verabschieden. Mütter und Väter, Großeltern und Geschwister tun das auf ihre je eigene Art. Muslimische Gläubige öffnen ihre Hände und sprechen leise ein Gebet. Blumen, Wasser und Erde fallen auf den Sarg. Tränen fließen und Arme werden schützend umeinander gelegt. Kerzen werden angezündet und zum offenen Grab gestellt. Auch ein kleiner Engel ist nun dort.

Verlust. Fehl- und Totgeburten sind keine Seltenheit, die Statistik spricht davon, dass jedes dritte oder vierte Paar im Verlaufe seines Lebens ein Kind auf diese Art verliert. Die Zahl ist schwer fassbar, da in den ersten Schwangerschaftswochen Fehlgeburten oft gar nicht bemerkt werden. Für Eltern, die um die Schwangerschaft wissen, ist das plötzliche Ende jedoch meist ein großer Schock. Und der Beginn eines Trauerweges.

Stern und Engel. „Jedes Paar sucht seinen eigenen Weg“, erzählt Daniela Bohle-Fritz, „wichtig ist dabei, dass alle Gefühle sein dürfen.“ Aufgabe der Seelsorgerin ist es, diese Gefühle auszuhalten und mitzutragen. Die Begleitung geht manchmal viele Monate über den Krankenhausaufenthalt hinaus. Trauer hält sich nicht an Zeitgrenzen. Was helfen kann, ist das Einrichten eines Platzes für das Kind in der Wohnung, ein Brief an das verstorbene Kind oder der Austausch mit Betroffenen in Internetforen. „Viele finden zu einem tröstenden Bild - ein Schmetterling, ein Sonnenstrahl, ein Stern am Himmel oder ein Engel, den sie kennenlernen durften“, erzählt Bohle-Fritz. Betroffen vom Tod ist immer die gesamte Familie. „Für zwei Familien wurde ein Kind zum Friedensengel. Denn durch dessen Tod konnten sich die Familien versöhnen.“
 
Begräbnis. Die Beerdigung des Kindes kann ein wichtiger Schritt in der Trauer sein. Manche Eltern bestatten ihr Kind im Kinder- oder Familiengrab, in Bludenz und Bregenz gibt es zudem ein Gemeinschaftsgrab für die zu früh verstorbenen Kinder. Und manche Eltern wählen eben diesen Weg - das Gemeinschaftsbegräbnis im Waldfriedhof Rankweil. Die organisatorische Schwierigkeit für das Begräbnis, das vom LKH Feldkirch finanziert wird, besteht darin, dass die Eltern aus Datenschutzgründen nur eingeladen werden können, wenn sie sich bei der Krankenhausseelsorge Feldkirch melden. Der Termin wird in Zeitungen und im Internet veröffentlicht.

Gedenkgottesdienst. Zusätzlich zu den Begräbnisfeiern im Herbst und im Frühling gibt es jedes Jahr einen Gedenkgottesdienst in der Kapelle des LKH Rankweil mit anschließender Segnung der Kindergräber. Er richtet sich an alle, die einmal ein Kind verloren haben, auch wenn der Verlust Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt und tief in der Erinnerung vergraben ist. Die Trauer wird geteilt und von vielen getragen. Das hilft.


Trauerbegleitung

Gedenkgottesdienst: Sa 24. November, 15 Uhr, Kapelle des LKH Rankweil.
Infos und Anmeldung zum Gemeinschaftsbegräbnis: Krankenhausseelsorge Feldkirch, T 05522 303-4060,

Kostenlose Trauerbegleitung auch bei Kinderhospiz der Caritas: T 05522 200-3020,
oder unter www.schwanger.li  T 0810 003344