Der Gesellschaftspolitische Stammtisch widmete sich vergangenen Montag der Frage „Warum steigen immer mehr Menschen aus der Wirklichkeit aus?“. Prof. Dr. Reinhard Haller traf in seinem Grundsatzreferat wichtige Differenzierungen.

Wolfgang Ölz

Der Moderator und Journalist Thomas Matt stellte gleich zu Beginn klar, dass es durch die sozialen Netzwerke noch nie so viele Verschwörungstheorien gegeben habe wie heute, und dass diese faszinieren und mobilisieren würden und, vor allem, gefährlich seien. Verschwörungstheorien antworteten auf Ängste mit scheinbar plausiblen Erklärungen und Enthüllungen. Sie besäßen laut Matt soziale Sprengkraft, weil sie Familien trennen, reale Ängste schüren und die verrücktesten Allianzen von links bis rechts begründen könnten. Expert/innen empföhlen übrigens, von Verschwörungserzählungen, Verschwörungsmythen oder Verschwörungsfantasien zu sprechen, denn das Wort „Theorie“ weise darauf hin, dass es sich um Tatsachen, um „faktenbasierte Evidenzen“ handele.

Wenige Unterschiede.

Reinhard Haller plädiert für eine differenzierte Sicht auf Menschen, die den staatlichen Coronamaßnahmen kritisch gegenüberstehen. „Es geht in meinem Vortrag nicht um Personen, die berechtigte Zweifel hegen, die als Coronaskeptiker/innen auch um Toleranz und konstruktive Lösungen ringen und etwa auf Kollateralschäden der Maßnahmen in Bildungsfragen, bei Kindern und alten Menschen hinweisen“, so Haller. Es gebe jedoch bestimmte paranoide, fanatische und auch narzisstische Charaktereigenschaften, die die Menschen gegen Coronamaßnahmen auf die Barrikaden gehen ließen. Der Narzisst sei überzeugt, dass nur seine Wahrheit die richtige ist. Es gebe dagegen eine kleine Gruppe, Haller spricht von 0,1 bis 0,2 % der Personen, die wirklich paranoid seien. Der Psychiater Haller empfiehlt, mit wahnhaften Menschen eine Diskussion zu vermeiden.

Quer- und Andersdenker.

Dass die Wissenschaft zu wenig eingestehe, dass das Corona-Virus auch für die Forschung unkalkulierbar sei, hält Reinhard Haller für ein Problem. Da sei es nur verständlich, dass dieserlei Ungewissheit bei manchen Menschen eine Spielwiese für eigene Theorien eröffne. Dabei seien Querdenker keineswegs Querulanten, sondern im Gegenteil mitunter sogar produktiv, weil sie ausgetretene Denkmuster verließen, „ver-rückt“ seien und so mögliche alternative Lösungen in den Blick nähmen.

Kein Ende.

Auf eine Frage aus dem Publikum, ob wahnhafte Fantasien nach der Pandemie verschwinden würden, antwortete Prof. Reinhard Haller, die menschliche Fantasie würden immer ihre Geschichten finden. «


Prof. Dr. Reinhard Haller nimmt in der Corona-Debatte wichtige Differenzierungen vor. Veronika Fehle / KKV