Im Juni jährt sich der Geburtstag von Franz Michel Willam (1894-1981) zum 125. Mal. Der Andelsbucher Kaplan war als Schriftsteller, Theologe sowie Philosoph erfolgreich - und blieb dennoch volksnah, bediente sich einer einfachen Sprache und war beliebt im Dorf. Anlässlich des Jubiläums erinnern eine Ausstellung in Andelsbuch und ein Veranstaltungsreigen an den Enkel von Franz Michael Felder.

Der Bauer, Schriftsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder - dessen 180. Geburtstag dieser Tage gefeiert wird - ist bekannt in Vorarlberg. Sein Enkel Kaplan Franz Michel Willam hingegen kaum. Dabei hatte dieser alleine mit dem Buch „Das Leben Jesu im Lande und Volke Israel“ den weitaus größeren schriftstellerischen Erfolg. Beide teilen sich so manche Ähnlichkeit, über denselben Namen hinausgehend: Sie waren halbblind und trotzdem Schriftsteller, beide waren gute Beobachter ihrer Umgebung und nutzten dies für ihre schreibende Tätigkeit. Gekannt haben sich die zwei nicht, da der Großvater 25 Jahre vor eines Enkels Geburt gestorben ist.

Ausgezeichneter Schüler

Willam kommt am 14. Juni 1894 als drittes von fünf Kindern in einfachen Verhältnissen in Schoppernau zur Welt. Seine Mutter Maria Katharina ist die Tochter von Franz Michael Felder. Der junge Franz Michel erweist sich trotz seiner  Augenschwäche von 18 Dioptrien als ausgezeichneter Schüler. Nach vier Jahren Volksschule in Schoppernau besucht er ab 1905 gemeinsam mit seinem Bruder Walter - dem späteren Gemeindearzt von Egg - das bischöfliche Knabenseminar „Vinzentinum“ in Brixen. Von 1913 an studiert Willam Theologie in Brixen, Innsbruck und zuletzt in Wien, wo er 1921 promoviert. Finanziell ermöglicht wird das Studium durch die Unterstützung der beiden Onkel mütterlicherseits, Jakob und Hermann Felder.
Als 15-Jähriger beginnt Willam, sich mit Volks- und Heimatkunde zu beschäftigen.  Gleichzeitig setzt eine lyrische Phase des Schreibens ein, die bis zum Ende des Studiums anhalten wird. Danach verlegt er sich vor allem auf Prosa und tritt damit in die Fußstapfen seines Großvaters. Wie dieser beobachtet Willam seine Umgebung und die Menschen, wie sie denken, reden und handeln. Darin bettet er seine Erzählungen ein.     

Jesus greifbarer gemacht

Auch auf der Grundlage des Beobachtens entsteht sein Buch „Das Leben Jesu im Lande und Volke Israel“, erschienen 1933, herausgegeben im Herder Verlag. 1929 reist er zur Recherche ins Heilige Land, ins damalige Palästina unter britischer Mandatsherrschaft. In gut einem Jahr erkundet er auf den Spuren Jesu Land, Leute und historische Stätten. Der Bregenzerwälder Kaplan versteht es, die Evangelien durch seine volkskundlichen Studien mit Leben zu füllen und die Person Jesu in erzählender Form vor Augen zu führen. Prälat Dr. Hans Fink, ein gebürtiger Andelsbucher und sehr guter Freund von Kaplan Willam, sagt über das Buch: „Damit hat er Jesus greifbarer gemacht.“ Ungefähr zwei Generationen von Predigern und Katecheten hätten dieses Buch als Grundlage für ihre Arbeit verwendet. Auch aus literarischer Sicht überzeugt es. So urteilt Dr. Jürgen Thaler, Leiter des Literaturarchivs des Franz-Michael-Felder-Archivs: „Es ist sehr souverän geschrieben“. Das Buch wird in zwölf Sprachen übersetzt, neben europäischen ins Koreanische, Japanische und Chinesische. In deutscher Sprache erscheinen zehn Auflagen.

„Uffor Kanisfluoh“

Willam, der von 1917 bis zu seinem Lebensende als Kaplan wirkt, veröffentlicht jedoch noch viel mehr als dieses Buch: Sein Gesamtwerk umfasst 33 Bücher und 372 Beiträge, die in 79 verschiedenen Zeitschriften publiziert werden. Viele Prosastücke und Gedichte erscheinen im Katholischen Volkskalender und werden immer wieder ins „Vorarlberger Lesebuch“ aufgenommen. Sein Gedicht „Uffor Kanisfluoh“ wird 1941 von Adolf Sohm vertont und ertönt heute noch oft und gerne im Bregenzerwald.
Willam betätigt sich aber auch wissenschaftlich, theologisch und philosophisch: Als er auf den englischen Kardinal John Henry Newman (1801-1890) stößt, erkennt er sogleich, wie sehr Newmans Erkenntnislehre seinen volkskundlichen und theologischen Studien entspricht und macht sich im Laufe der Jahre einen Namen als Newman-Forscher. Durch ein weiteres Buch erregt der Bregenzerwälder Beachtung und Aufmerksamkeit: „Vom jungen Roncalli 1903-1907 bis zum Papst Johannes XXIII. 1958-1963“. Darin zeigt er auf, wie sehr sich der junge Angelo Giuseppe Roncalli und spätere Konzilspapst Johannes XXIII. in seinem Denken auf Thomas von Aquin und Newman stützte. Der damalige Prof. Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. schreibt in einer Buchbesprechung in der Tübinger Quartalschrift 1968/2: „Ohne Zögern darf man sein [Willams] Buch als die bisher weitaus wichtigste Publikation zur Erhellung der Gestalt Johannes XXIII. bezeichnen; zugleich ist es für das Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils von grundlegender Bedeutung.“

Schwieriges einfach erklärt

Obwohl der Geistliche derart gebildet, intellektuell und philosophisch ist, ist er volksnah und bedient sich einer einfachen Sprache. Er wirkt in fünf Gemeinden als Kaplan (Langen bei Bregenz, Tschagguns, Schwarzenberg, Schwarzach, Hittisau) und in Müselbach als Expositus, bevor er 1934 - ebenfalls als Kaplan - nach Andelsbuch kommt. Dort bleibt er bis zu seinem Lebensende 1981.
Der Seelsorger Willam sucht die Nähe zu den Menschen und ist bescheiden. Als ihm 1969 beispielsweise der Titel „Monsignore“ verliehen wird, erklärt er: Wer ihn mit Monsignore anspreche, müsse als Buße einen Schilling für die Mission spenden. Bei seinen Predigten berücksichtigt er die Lebensumstände seiner Zuhörer/-innen und weiß um die Macht bildhafter Reden und Gleichnisse. So kann er auch schwierige Bibelstellen volkstümlich erklären, wie Dr. Hans Fink berichtet.
Manches von Kaplan Willam wirkt bis heute in der Pfarre Andelsbuch. Karl Felder, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in Andelsbuch, sagt: „Willam hat ein offenes Klima mitgeprägt, das heute noch aktuell ist. Ältere Personen erzählen, dass er ihnen viel von der damals vorhandenen Schwere des Glaubens genommen hat. Er gab ihnen das Gefühl, dass es nicht nur um Pflichterfüllung geht.“
Darüber hinaus wird Willam von Mitmenschen als noble, sehr umgängliche Person beschrieben, die sich ausgezeichnet mit dem Wetter auskannte. Doch trotz seiner Beliebtheit und Erfolge waren ihm schwere Zeiten nicht fremd.

Weniger Konfliktpotenzial

Franz Michel Willam war zu Lebzeiten wohl beliebter und respektierter als sein Großvater Franz Michael Felder zu seiner Zeit. Jedoch fehlt bei dem Jüngeren die politische und sozialreformerische Tätigkeit des Älteren, die viel Konfliktpotenzial in sich trug. Außerdem waren die Zeiten anders, und Willam wurde viel älter als Felder, der mit knapp 30 Jahren starb. Aber auch Willam war wie Felder sehr vielfältig: Er war Priester, Schriftsteller, Theologe, Philosoph, Volks- und Heimatkundler, und er hat es verdient, dass er sowie sein Lebenswerk ebenfalls bekannt in Vorarlberg werden.

Aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 21 vom 23. Mai 2019