Nichts muss man, außer sterben. Das Leben ist lebensgefährlich. Der Tod ist so sicher wie das Amen im Gebet. Man kennt die stehenden Sätze und Binsenweisheiten. Ja, sie stimmen ja auch. Alles ist endlich. Jeder Augenblick kostbar und der Tod und das Sterben sind eben nicht die typischen Sonntagnachmittag-Kaffee-und-Kuchen-Gesprächsthemen. Sie könnten es aber sein.

Veronika Fehle

Denn zu erzählen gäbe es vieles - ganz unverkrampft, weil das Sterben eben auch zum Leben gehört. So wie man es bei der Rankweiler Friedhofsführung mit Mesner Martin Salzmann erleben konnte. Neun Friedhöfe hat Rankweil insgesamt. Drei davon durchwanderte man entlang ihrer Geschichte(n) und gestartet wurde auf dem Platz vor der Basilika, hoch über Rankweil auf dem Liebfrauenberg. Dort hörte man vom Schwert aus dem Valdunatal. Über 4000 Jahre ist es alt. Ob es einst eine Grabbeigabe war, oder nach einem Kampf auf dem Felde blieb, weiß man heute nicht mehr so ganz genau. Was man aber weiß ist, dass schon damals Menschen hier lebten - und auch starben. Ihre Gräber fand man unter anderem entlang der Rankweiler Ringstraße. Aber auch in der Küche des Gasthauses „Engel" fand man bei Umbauarbeiten, nur eine gute Hand breit unter dem Küchenschrank, Gräber aus dieser Zeit. Die losen Sprüche waren den Wirtsleuten nach diesem nicht alltäglichen Fund gewiss. Deshalb machten sie sie gleich selbst.

Vom Liebfrauenberg zum Michaelsfriedhof

So viel zu den frühesten „Zeugen" der Begräbniskultur in Rankweil und damit ging es hinunter zum unteren St. Michaelsfriedhof. Ruhig ist es hier. Nur ein leises und regelmäßiges Ticken ist zu hören. „Es ist ein Zeitmesser, den wir bewusst hier auf dem Friedhof hören können. Friedhöfe sind immer auch ein ,Memento Mori', eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. In unserem Kulturkreis gehört zur Begräbniskultur immer auch das Erinnern dazu, das Erinnern der Namen der Verstorbenen", erzählt da Martin Salzmann. Schon im alten Rom war das so. Dort wurden die Gräber der Christinnen und Christen meist zusätzlich mit Symbolen versehen. Der Fisch zählte dazu und natürlich auch das Bild des „Guten Hirten". Heute noch findet man auf jedem christlichen Friedhof an zentraler Stelle ein Kreuz, als Zeichen für den Tod, aber eben auch das Leben danach.

Warum Rankweil eigentlich einen oberen und einen unteren St. Michaelsfriedhof hat? Na, weil damals zum Pfarrgebiet nicht nur Rankweil zählte, wie man es heute kennt, sondern auch die umliegenden kleineren Dörfer und Siedlungen. Und alle wollten irgendwann auch begraben sein. Kurz und gut: Es war kein Platz mehr - nirgends. Deshalb musste um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein gewisser Johannes Klee auf seinen Weinberg verzichten. Denn dort, wo vorher Weinreben wuchsen, befinden sich heute die Gräberreihen von St. Michael.

Die Reihen lichten sich

Weiter geht es zum oberen St. Michaelsfriedhof. „Hier müssen die Gräber bis heute noch von Hand ausgehoben werden. Ein Bagger kann aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht eingesetzt werden", weiß Salzmann und erzählt auch, dass die Erdbestattungen, wie sie noch vor einigen wenigen Jahrzehnten gang und gäbe  waren, spürbar rückläufig sind. „Die Feuerbestattungen machen heute rund 75% aller Beerdigungen aus." Die Gräberreihen werden lichter. In Rankweil nutzt man das, um neues, anderes Leben auf die Friedhöfe zu bringen. Man pflanzt kleine „Blumenwiesen" für Biene und Co. „Friedhöfe werden sich als Orte weiterentwickeln", greift Martin Salzmann der Zeit schon etwas voraus. Beispiele aus Städten, in denen Friedhöfe Erinnerungsort und Naherholungsgebiet geworden sind, zeigen, wohin die Reise gehen könnte.

Näher dran, besserer Platz

Mit der Rankweiler Friedhofsführung geht die Reise zunächst weiter in die St. Michaelskirche. „Um 1300 wird die Kirche bereits erstmals in einem Ablassbrief erwähnt. Alle, die die Basilika oder die kleinere Michaelskirche zu ihren Füßen besuchen, konnten einen Ablass ihrer Sünden „gewinnen", heißt es dort. Die Kirche muss es also damals schon gegeben haben. Geweiht ist sie dem Erzengel Michael und der taucht auf Friedhöfen und in Totenkapellen immer wieder einmal auf. Warum? „Weil der Erzengel Michael der Begleiter der Seelen in den Himmel ist", hat Martin Salzmann auch hier die Erklärung sofort bei der Hand. Und weiß man das erst einmal, wird auch das Bild-Programm der Kapelle „lesbar": die „Seelenwaage", auf der die guten gegen die weniger guten Taten aufgewogen werden, die „Verlorenen", die sich noch im Tod in die Haare geraten und auch die Geretteten, die von Michael nach oben begleitet werden. Übrigens auch das war ein Grund, warum Gräber in bzw. sehr nahe an Kirchen so beliebt waren. In jedem Altar befindet sich nämlich eine Reliquie eines Heiligen. Am jüngsten Tag, wenn alle Verstorbenen erwachen, erwacht mit ihnen auch ein Stück dieses oder jenes Heiligen. Wer näher dran war, erhoffte sich auch im Jenseits einen besseren Platz.

Wer suchet, der findet

Letzte Station: Friedhof bei der Bergkirche. Was es hier alles zu entdecken gibt! Nicht nur das große Sandsteinkreuz, um das sich auch eine Schlange windet, als Zeichen dafür, dass die Sünde Adams durch den Tod Jesu getilgt wurde. Und wer das weiß, der entdeckt auch das Schlänglein, auch die Friedhofslaterne aus dem Jahr 1406, in der bis heute das „ewige Licht" brennt oder - auch ein ganz besonderes Schätzchen - eine Grabinschrift von Erasmus Kern. Ja, dem Erasmus Kern. Der schnitzte nicht nur, der machte auch in Stein. Und in Rankweil kann man sich davon überzeugen, dass er auch darin keine zwei linken Hände hatte.

Friedhöfe sind Orte zwischen Leben und Tod. In den Tagen um Allerheiligen rücken sie jedes Jahr aufs Neue ins  Zentrum. Friedhöfe haben ihre Geschichte und jeder Name erzählt eine. Und es lohnt sich definitiv, hinzuhören!

Von den letzten Dingen

„Von den letzten Dingen", so heißt die Veranstaltungsreihe, die sich bis zum 7. November in verschiedenen Formaten mit Fragen rund um das Thema Tod  beschäftigt. Die Friedhofsführung war nur eine dieser Veranstaltungen. Das Anliegen der treibenden Kräfte hinter dem Gesamtprogramm, Martin Salzmann und Johannes Herburger, ist es zum einen, den Ort des Mesner-Stübles auf dem Liebfrauenberg zugänglicher zu machen und dabei Themen, die es wert sind, darüber zu reden, aufzugreifen.  Die Begräbnis- und Verabschiedungskultur gehört gerade jetzt dazu. Mit Corona habe sich hier, so Salzmann, die Trauer um Verstorbene in den privaten Bereich zurückgezogen. Aber gerade das gemeinsame Trauern, wie es bei Beerdigungen der Fall ist, ist, so Salzmann, auch ein gesellschaftlicher Wert.

www.mesnerstueble.com