Am 24. Februar 1870 kam in der Bregenzer Belruptstraße ein Mädchen auf die Welt und bereicherte das Leben des bis dahin kinderlosen Kiesgrubenbesitzers Ferdinand Fessler und seiner Frau Josefa. Man taufte das Kind Agathe - das ist ein altgriechisches Wort und bedeutet „die Gute“ - ihr Taufname war programmatisch für ihr Leben.

Walter L. Buder

Das Kind entwickelte sich, trotz der bedrückenden Verhältnisse, gut. Mehr als die Volksschule war nicht möglich, schon früh musste sie mithelfen, arbeitete mit Mutter und Vater im Betrieb, der um 1900 eingestellt wurde. Die attraktive, nicht unvermögende 35-jährige Agathe wird von 1905 bis 1928 ein Tagebuch führen. Aus diesen Aufzeichnungen lassen sich die Züge einer phänomenalen Frau erkennen. Der folgende Eintrag (1905) hält den Anfang ihres öffentlichen Wirkens fest: „In letzter Zeit sprachen meine Eltern oft den Wunsch aus, sie möchten auch noch sehen, wie ihre Ersparnisse verwendet werden, und wenn ich doch absolut nicht heiraten wollte, solle ich in Gottes Namen ein Heim beginnen.“

Eine äußerst eigenwillige Person, ohne auch nur den Hauch von Arroganz, war bereit, sich vorbehaltlos in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen und zwar in Gestalt einer „Karriere“ als innovative und initiative Sozialunternehmerin und Self-Made-Social-Managerin - par excellence!
Zu ihrer entschlossenen Herzensgüte gesellte sich die Geschäftstüchtigkeit. In dieser Kombination parierte sie Engstirnigkeit, Engherzigkeit und die Machtspielchen der Kleinstadt-Patriarchen mit ihrer Kapitalistenmoral. Mehr als 6000 Mädchen und junge Frauen holt sie „von der Straße“, wohin diese von eben jenen „Herren mit den weißen Westen“ (Grid Marrisonie anlässlich der Ausstellung „Marienheim - Schönheit des Vergessenen“, 2019) gestellt worden waren - in ihr „Marienheim“, das Obdach und Schutz für Leib und Seele bedeutete. Die jungen Frauen aus Industrie und den Haushalten arbeiteten sehr viel um sehr wenig Geld und das ohne jedes soziale Netz. Kurse aller Art und (Aus)Bildung(en)für ein selbständiges Leben waren im Marienheim gang und gäbe. Es gab auch eine Kapelle, wohl eher ein Entgegenkommen für die geistlichen Schwestern als eine „Erziehungshilfe“ im Sinne Agathes. Sie investierte ihr komplettes Vermögen - materiell, physisch, psychisch - ohne Refugien in ihr Sozialwerk.

Ehrung, Krieg, Auswanderung

Ein Jahr vor dem Krieg wurde sie von Seiten des Kaisers für ihr Werk mit der Elizabeth-Medaille geehrt. Derart bestärkt ging sie als Rot-Kreuz Helferin in den Ersten Weltkrieg. Ein Krieg verändert alles - auch Agathes Leben, wovon ihr Kriegstagebuch - das einzige von einer Frau verfasste Dokument dieser Art - erzählt. Sie übergibt das Marienheim den Zamser Schwestern, nennt sich nur noch „Schwester Agathe“ und trägt nur noch die Tracht der Rot-Kreuz-Schwestern.  So pendelt sie bis 1928 mehrfach nach Amerika und zurück, kein Projekt dieser Zeit will klappen. Dann zieht sie einen radikalen Schlussstrich unter das bisherige Leben, verkauft alles und wandert nach Brasilien aus, wo sie in Porto Alegre landet und 1941 stirbt. Ihr Todestag ist unbekannt, in der Heimat ist sie vergessen - eine bittere Geschichte...

Religiosität

Agathe Fessler gilt mit Recht als gläubige Katholikin. Ihre „tiefe religiöse Prägung“ komme aus der Familie, schreibt Meinrad Pichler. Aber es fehlen explizite Hinweise auf private Glaubenspraxis. Kirchlichen Würdenträgern begegnet sie passiv und höflich-distanziert. Wach und aufmerksam registrierte sie aber die in ihren Augen korrumpierte „Christlichkeit“ der Politiker, gleich welcher Couleur. Sicher: Mit Dogmen und Liturgie hatte sie nichts im Sinn, dafür gab es viel zu viel zu TUN für sie. Zweifellos bringt sie eine körpersprachlich, humanitär-liberale Spiritualität in der Spur des auferstandenen Christus ins Spiel, TAT-Glaube als Zeugnis für das Gute - bewahrheitet durch das Leben Agathes, die unser aller Schwester geworden ist.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 7 vom 18. Februar 2021)