Wenn es einem trotz 27 Grad Außentemperatur kalt den Rücken runter läuft, hat Stadtarchivar Christof Thöny alles richtig gemacht. Bei der Eröffnung der Sommerausstellung „Verfolgung und Widerstand“ erzählte er die Geschichten von Menschen, die zwischen 1938 und 1945 zu Opfern wurden. Nicht irgendwo, sondern in Bludenz.

Vor 75 Jahren - am 4. Mai 1945 - endete mit dem Einmarsch der französischen Armee die nationalsozialistische Diktatur in Bludenz. Jahre, in denen viele Menschen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden oder ihren Widerstand gegen das faschistische System mit dem eigenen Leben bezahlten.

Geschichten aus Bludenz

Es sind Menschen wie Alois Jeller, Hugo Paterno, Joseph Wisnicki oder die Familie Iger. Manche mehr, manche weniger bekannt. Ihre Lebensgeschichten werden in der Ausstellung „Verfolgung und Widerstand. Biographische Aspekte der NS Diktatur in Bludenz“ erzählt - unter anderem von ihren eigenen Nachkommen. Alle haben geweint, nur wir nicht. Eine Geschichte, die ihn persönlich emotional sehr berührt habe, sei jene von Maria Frick, so der Archivar. Als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin wurde sie 1944 in einem Auffanglager in Hohenems geboren und bis zum sechsten Lebensjahr als Pflegekind herumgereicht. Den Namen ihrer Mutter hörte sie erstmals im Zuge ihrer Hochzeit.  In einem kurzen Video erzählt sie in der Ausstellung, wie ein kleines Inserat in der Zeitung sie zu einem Vortrag über Zwangsarbeit nach Bregenz und damit quasi zu ihrer Mutter führte. „Das kannst du dir nicht vorstellen - nach 70 Jahren siehst du deine richtige Mama“, spricht Frick vom ersten Treffen mit ihrer Mutter in der Ukraine: „Alle haben geweint, nur Mama nicht und ich nicht.“ Maria Frick lebt heute übrigens in Bludenz.

Es war eine jüdische Familie ...

Und es gibt noch mehr zu erzählen. Von den Igers zum Beispiel - einer jüdischen Familie, die in Bludenz ein Konfektionsgeschäft betrieb. Im Herbst 1938 wurde der Betrieb „arisiert“ und Wohnung sowie Geschäft versiegelt. Die Igers konnten der Deportation knapp entkommen. Ihr Vater habe mit Humor erzählt, es sei damals einfach gewesen Bludenz judenfrei zu machen, denn die Igers waren die einzigen, so Tochter Hannah, die heute mit 84 Jahren in Amerika lebt.

„Lebensunwertes Leben“

Dank drei Bildschirmen und zehn Bildtafeln taucht man noch bis September mitten in Bludenz in eine dunkle Zeit ein, in der auch die Tötung von psychisch kranken und behinderten Menschen auf der Tagesordnung stand. Dr. Josef Vonbun, Leiter der Pflegeanstalt Valduna, habe damals Listen für Vorarlberg erstellt und so gewährleistet, dass „auch vor der kleinsten Gemeinde nicht Halt gemacht wurde“, berichtet Thöny von 200.000 bis 300.000 Menschen, die im Rahmen von „Euthanasie“-Aktionen ermordet wurden. Die heute 92jährige Josefine Bitschnau ist diesem Schicksal zwar entkommen, ihre Schulkameradinnen im Bludenzer Marienheim hatten aber nicht so viel Glück. Menschen, die die Gräueltaten aus unterschiedlichsten Beweggründen so nicht hinnehmen wollten und gegen das NS-Regime Widerstand leisteten, wurden rasch selbst zum Ziel. Man dürfe nicht vergessen, dass die Nazis keine Fremden, sondern rund zehn Prozent der Bludenzer Bevölkerung als Mitglieder der NSDAP, SA und SS registriert waren, betont Thöny.

Ein Denkmal für die Zukunft

„Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung“, habe der Friedensnobelpreisträger und Holocaustüberlebende Elie Wiesel einst gesagt. Und deshalb ist es für Thöny wichtig, sich kritisch mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sie so aufzubereiten, dass sich auch Jugendliche 75 Jahre später dafür interessieren. Mit der Ausstellung soll ein Beitrag für eine Erinnerungskultur geleistet werden, die über das „Gefallenengedenken“ hinausreicht. Ein weiterer Schritt wäre die Erneuerung des Kriegerdenkmals der Stadt Bludenz, das nicht nur der Helden gedenken, sondern auch ein Lern- und Gedenkort für die Zukunft sein soll, wünscht sich der Historiker.
Mit der Umbenennung der Ziegelhüttenstraße in Unterstein in „Jellerstraße“ sei im Juni 1945 zwar ein Widerstandskämpfer gewürdigt worden, eine kritische Auseinandersetzung mit den vielfältigen Facetten von Verfolgung und Widerstand ließ aber viele Jahre auf sich warten. Als Geschichtslehrer habe Thöny seine Schüler/innen in den letzten acht Jahren immer wieder nach der Geschichte hinter der Jellerstraße gefragt. Erst am Ende des Schuljahres erhielt er darauf eine befriedigende Antwort.

Das letzte Opfer des Widerstands

Alois Jeller gehörte einer Widerstandsbewegung an, deren Ziel darin bestand, eine Beschießung von Bludenz durch die anrückende französische Armee in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs zu verhindern. Die Gruppierung hatte Kontakt zu den Franzosen aufgenommen, welche Taten sehen wollten als Beweis, dass man es ernst meine. 54 Männer der Widerstandsbewegung versuchten in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 mit Waffengewalt die Kreisleitung auszuheben und unschädlich zu machen. Nachdem die Nachricht eingetroffen war, dass Soldaten zur Verteidigung der Kreisleitung anrückten, zogen sich die Angreifer zurück. Jeller gelang die Flucht als einzigem nicht - er wurde „gefoltert und verhört, und da er nichts preisgegeben hat, schluss­endlich ermordet“, so Thöny. Im Laufe des 3. Mai haben die SS und die restlichen Mitglieder der NSDAP-Kreisleitung Bludenz fluchtartig verlassen und die französische Armee rückte ohne Blutvergießen in der Alpenstadt ein. Damit ist Jeller das letzte Opfes des Widerstands.

Verfolgung und Widerstand - Biographische Aspekte der NS-Diktatur in Bludenz

Sommerausstellung des Stadtarchivs Bludenz
Kurator: Stadtarchivar Mag. Christof Thöny
Dauer der Ausstellung: 21. August bis 10. September 2020, jeweils Mittwoch bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr, Galerie allerArt, Raiffeisenplatz 1, Bludenz.