Sicher, es gibt schönere Termine im Jahreskreis als das Totengedenken an Allerseelen. Warum dieser Anlass trotzdem so wichtig und wertvoll ist, erklären ein Priester, eine Psychotherapeutin, eine Ritualgestalterin, ein Bestatter, eine Totenwacheleiterin und eine Hospizkoordinatorin.

Charlotte Schrimpff

Der Schmerz sei riesig, sagt Hospizkoordinatorin Irmtraud Heinzle. In dem Moment, wo jemand nicht mehr ist, gebe es keine größere Trauer als die seiner Angehörigen - unerheblich, ob der 82-jährige Vater zu Grabe getragen werden muss oder die 13-jährige Tochter.

Zeit nehmen. „Für mich ist immer die erste Aufgabe, ein bisschen Ruhe in diesen Schockzustand zu bringen“, erklärt Seelsorger Elmar Simma. Die Angehörigen könnten den Tod oft noch gar nicht richtig realisieren und fragen: „Was jetzt?“ Er antworte dann: „Jetzt lassen wir uns Zeit.“
Zeit, um sich in aller Ruhe zu verabschieden, zum Beispiel. Es sei ganz wichtig, dass man den Todesfall „be-greifen“ könne - ganz wörtlich, sagt Simma. Dass man ihn umarmen könne, küssen. „Es kann sonst passieren, dass man später das Gefühl bekommt, man habe etwas versäumt.“
Das hat auch Bestatter Christoph Feuerstein schon erlebt: dass Menschen zwei, drei Monate nach einem Todesfall wieder bei ihm stehen und sagen, sie hätten ein Problem. Vor allem bei Kremationen komme das vor: „Die Angehörigen haben den Verstorbenen in der Endgültigkeit des Sarges und der Dimension nicht mehr realisiert - denn die Einäscherung ist, wenn man die emotionale Seite beiseitelässt, ein rein technischer Vorgang“, erklärt Feuerstein. „Und dann muss man eben glauben, dass in dieser kleinen Urne der Vater Platz hat.“

Der Wert der Tradition. „Die alten Traditionen mit ihren Ritualen und den verschiedenen Schritten des Abschiednehmens - Totenwache, Verabschiedung, Beisetzung und anschließend das Gedenken - die gibt es nicht umsonst!“, macht auch Ritualgestalterin Anita Bonetti deutlich. Ein gutes und bewusst gestaltetes Ritual, da sind sie und Totenwacheleiterin Magdalena Burtscher sich einig, kann den Verlauf des weiteren Trauerprozesses entschieden positiv beeinflussen. Etwas, das sich auch aus psychologischer Sicht bestätigt: „Ritualisierungen helfen, mit einem Sterbefall umzugehen“, erklärt Psychotherapeutin Helga Kohler-Spiegel, und: „Die Tradition des Trauerjahrs zum Beispiel kommt nicht von ungefähr.“ Menschen würden glauben, dass die Trauer viel schneller vorbeigeht - und würden dann mit dem Druck, wieder „funktionieren“ zu müssen, nicht fertig.
Dabei gibt es in Trauerfragen kein „richtig“ oder „falsch“. „Jede Trauer ist anders“, weiß Irmtraud Heinzle. Frauen trauern anders als Männer, Kinder anders als Ältere. Wichtig sei nur zu wissen, dass der Schmerz irgendwann weniger stark sei und weniger lang anhalte.

Aufgaben der Trauer. „Das Trauern ist mit Aufgaben verbunden“, erklärt Helga Kohler-Spiegel. Diese anzunehmen bedeute, im Handeln zu bleiben und sich nicht den Ohnmachtsgefühlen zu ergeben, die fast unweigerlich auftauchen. Und wenn man sich diese „Aufgaben der Trauer“ nach William Worden genauer ansieht, wird man Parallelen finden zu dem, was auch Seelsorger Simma rät, Bestatter Feuerstein, Ritualgestalterin Bonetti, Totenwacheleiterin Burtscher und Hospizkoordinatorin Heinzle. Denn am Ende geht es überall darum zu helfen, die Wirklichkeit des Verlusts zu begreifen, die oft widersprüchlichen Gefühle er- und durchleben zu können, die veränderte Gegenwart zu gestalten und dem Toten einen neuen, guten Ort zu geben.«

Zur Sache

Die vollständigen Interviews mit Elmar Simma, Christoph Feuerstein, Helga Kohler-Spiegel, Anita Bonetti, Irmtraud Heinzle und Magdalena Burtscher finden Sie online: www.kath-kirche-vorarlberg.at/themen/trauer

Der Weg des Sterbens und der Trauer. Vortrag von Pfr. Elmar Simma. Anmeldung: T 05523 53147.
Mi 8. November, 19.30 Uhr, Bildungshaus St. Arbogast, Götzis.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 44 vom 2. November 2017)