Die Eltern hatten nur eine kurze gemeinsame Zeit mit ihren Sternenkindern, diese sind im Mutterleib oder knapp nach der Geburt verstorben. Trotzdem oder gerade deswegen ist es so wichtig, dass sie ihrem Kind einen Namen geben und ihre Trauer nicht verdrängen.

Brigitta Hasch

Die Reaktion der Umgebung nach einer stillen Geburt ist oft nicht sehr sensibel. Diese Erfahrung haben sowohl Simone Strobl als auch Rainer Juriatti machen müssen. „Es wird erwartet, dass du möglichst bald wieder normal bist. Aber der Verlust eines Kindes ist eine massive Veränderung im Leben. Sätze wie ‚Du bist noch jung‘ oder ,Du hast ja noch ein anderes Kind‘ sind kein Trost“, weiß Simone Strobl. Rainer Juriatti nennt es gar eine „nackte Ignoranz“, die er und seine Frau erleben mussten. Er erwarte nicht Mitleid und Pathos, aber echte Empathie. Und Akzeptanz des verstorbenen Kindes, so wie sie jeder und jedem Verstorbenen zukommt. Er vestehe aber, dass dies fernstehenden Menschen schwerfalle.

Ein Name und ein Bild.

„Das Einsamste, was einer Frau passieren kann, ist der Tod des Kindes im Mutterleib. Ich habe meine Kinder nicht nur gesehen, ich habe sie gespürt“, sagt Simone Strobl. Darum ist es so wichtig, dem Kind einen Namen zu geben und nach Möglichkeit ein Foto zu machen. So wird es für andere sichtbar. Ein Name und ein Bild geben Stütze und Struktur und helfen gegen das Vergessen. Damit können auch Geschwisterkinder und Verwandte besser umgehen.
Allen, die glauben, in dieser Situation müssten die Väter stark sein, möchte Rainer Juriatti sagen: „Ich war selbst am Ertrinken! Ein Vater kann sein Kind immerhin in 3-D im Ultraschall sehen und es nach der Geburt im Arm halten. Mir haben sie meinen Sohn damals nach fünf Minuten weggenommen. Das war schrecklich.“

Hilfe durch Dasein.

„Es tut mir so leid. Ich weiß nicht, was ich sagen soll“ – das ist ehrlicher und besser als jede Floskel, darin sind sich Simone Strobl und Rainer Juriatti einig. Auch eine Umarmung und die Frage „Was kann ich für dich tun?“ sind hilfreich.
Besonders wenn die Umgebung von der Schwangerschaft wusste, vermeiden es viele Frauen, hinauszugehen. Sie sind noch nicht bereit, auf Fragen zu antworten. Oft fällt ihnen sogar das Kochen schwer. „Wenn man da den Einkauf erledigt oder ein Essen vorbeibringt, hilft das. Oder einmal das Geschwisterkind bzw. die Geschwisterkinder abzunehmen und mit ihm oder ihnen auf den Spielplatz zu gehen“, sagt Simone Strobl.

Wunsch nach Austausch.

Nicht alle, aber viele Betroffene verarbeiten ihre Trauer, indem sie erzählen. „Man erzählt es immer wieder, weil es zur Trauerarbeit dazugehört. Gerade in der Selbsthilfegruppe wird auch viel über Gedanken und Gefühle gesprochen.“ Simone ­Strobl weiß, dass auch Neidgefühle dabei sind. Und natürlich die Frage nach dem Warum. Sie selbst meint, dass ihre Sternenkinder sie dazu gebracht hätten, dem Thema Raum zu geben. „Ich habe ihr Erbe angetreten, indem ich den Verein gegründet habe und anderen Betroffenen Hilfe anbieten kann.“ Bei vielen Frauen sieht sie, dass sie in ihrer Trauer um die Sternenkinder den Blick auf sich selbst richten, sich wichtig- und wahrnehmen. „Vielleicht war das eine Botschaft ihrer Sternenkinder.“

Verein Pusteblume.

Bis 2017 wurden in Österreich fehlgeborene Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm nicht ins Personenstandsregister eingetragen und waren damit nicht als Menschen anerkannt. Eine Petition des Vereins Pusteblume hat zu dieser gesetzlichen Veränderung beigetragen. Die aktuelle Arbeit des Vereins umfasst vor allem die persönliche Unterstützung von Betroffenen. Darüber hinaus ist Strobl der Ausbau eines Netzwerkes an Fachpersonal in ganz Österreich ein Anliegen. „Je mehr Ärzte, Hebammen und Geburtenstationen über die Bedürfnisse der Eltern Bescheid wissen, umso besser können sie Unterstützung anbieten.“ Um die kleinen Sternenkinder würdevoll zu verabschieden, kann man beim Verein passende Bekleidung anfordern und Kontakt zu speziellen Fotografinnen oder Fotografen aufnehmen (www.verein-pusteblume.at). «

Simone StroblSimone Strobl gründete nach der Geburt ihres zweiten Sternenkindes Florentine den Verein „Pusteblume“. Davor hatte Johanns Herz schon in der elften Schwangerschaftswoche aufgehört zu schlagen; Sohn Frederik war zu der Zeit gerade ein Jahr alt.

Rainer JuriattiRainer Juriatti und seine Frau Vera sind Eltern von zwei Erden- und fünf Sternenkindern. Der Autor hat 20 Jahre „mit der Sprache gerungen“ und will mit seinem Buch „Die Abwesenheit des Glücks“ (Limbus Verlag, ISBN: 978-3-99039-127-3, € 18,-) auch ein Zeichen gegen die Ignoranz gegenüber den trauernden Eltern setzen. 

Ein Licht geht um die Welt

Weltweit gedenken am Sonntag, 8. Dezember Familien ihrer Sternenkinder, indem sie um 19 Uhr Kerzen ans Fenster stellen. Aufgrund der Zeitverschiebungen geht so ihr Licht einmal rund um die Welt.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 49 vom 5. Dezember 2019)