Unter dem Motto „leben teilen“ ging vom 25. bis 29. Mai der 102. Deutsche Katholikentag in Stuttgart über die Bühne und endete am Sonntag mit einem feierlichen Gottesdienst. In 1.500 Veranstaltungen beschäftigten sich die rund 27.000 Teilnehmenden u. a. mit Fragen des Glaubens, des Kampfes gegen Missbrauch und nach Reformen in der Kirche. Auf dem Programm standen zudem Gottesdienste, Bibelarbeiten, Konzerte und Ausstellungen.

Eröffnet wurde der Deutsche Katholikentag auf dem Stuttgarter Schlossplatz mit einer Grußbotschaft von Papst Franziskus, einer Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und Beteiligten zahlreicher Vertreter u. a. auch aus Österreichs Kirche und Theologie, darunter der Bischofskonferenz-Vorsitzende Erzbischof Franz Lackner.

Teilen und Hingabe. In seiner Grußbotschaft rief Papst Franziskus zum Teilen und zur Hingabe des eigenen Lebens für andere auf. „Wenn jeder das gibt, was er zu geben hat, wird das Leben aller reicher werden und schön“, nahm das Kirchenoberhaupt auf das Leitwort des Treffens „leben teilen“ Bezug und erinnerte auch an das „leuchtende Vorbild“ des heiligen Martin von Tours, der der Diözesanpatron von Rottenburg-Stuttgart ist. Zugleich betont der Papst, dass nicht nur jeder, auch der Ärmste, etwas zum Schenken habe, sondern auch der Reichste einen Mangel an etwas habe und der Gaben seiner Mitmenschen bedürfe. Etwas anzunehmen sei aber manchmal schwierig, weil es „ein Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit beinhaltet“ und somit Demut einfordere.

Der Papst ging auch auf den russischen Krieg in der Ukraine ein und rief zum Gebet für den Frieden auf. Gerade in Krisen sei aber auch erlebbar, wie groß die Bereitschaft vieler zum Helfen sei. Auf das laufende Reformprojekt der katholischen Kirche in Deutschland kam Franziskus nicht erneut zu sprechen.

Ermunterung zur Erneuerung. Viel beachtet wurde die Rede, mit welcher der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Katholiken auf Verzicht und einen anderen Lebensstil einschwor. Zugleich ermunterte er die katholische Kirche zur Erneuerung. „Viele haben sich abgewendet, viele aus Enttäuschung“, sagte er mit Blick auf das Thema Missbrauch. Vertuschung und schleppende Aufklärung hätten viel Vertrauen zerstört. „Umso mehr möchte ich jene ermutigen, die sich tatkräftig für die Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland einsetzen“, fügte das Staatsoberhaupt unter Applaus hinzu. Mit Blick auf das katholische Reformprojekt Synodaler Weg sagte der Bundespräsident, von dessen Ergebnissen werde abhängen, welche Rolle die Kirche künftig in der Gesellschaft spiele. „Ob es lohnt, wieder neu auf sie zu hören“, fügte Steinmeier hinzu, der der evangelischen Kirche angehört.

Thema Missbrauch. Die Präsidentin des gemeinsam mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart als Veranstalterin auftretenden Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, sagte, für sie steht die Kirche wegen des Missbrauchsskandals „auf dem Kopf“ und sie unterstrich, der Katholikentag sei „gerade in diesen Zeiten“ wichtig.

Am Thema Missbrauch kamen die Besucher und Passanten, die sich in der Stuttgarter Innenstadt zwischen den Zeltpavillons des Katholikentags hindurchschlängeln, kaum vorbei. Sie stießen auf Infos und Impulse auf Bühnen. Dazu bot das offizielle Programm Debatten, Werkstätten, Gebete oder Gesprächsrunden zum Thema. Der scheidende Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, ist sich sicher: Das Thema Missbrauch und die Frage nach Aufarbeitung werden die katholische Kirche noch lange beschäftigen. Je weiter die Aufarbeitung voranschreite, desto mehr Facetten von Missbrauch würden aufgedeckt, gab er zu bedenken. Ausdrücklich mahnte er in einer Diskussion mit Experten, das Thema nicht voreilig abschließen zu wollen.

Was gelungene Aufarbeitung bedeute, dazu äußerte sich etwa die unabhängige Opferschutzanwältin der katholischen Kirche Österreichs, Waltraud Klasnic. Betroffene sollten sich in der Gesellschaft wieder angenommen fühlen, betonte sie. Ähnlich sah das auch der Vorstand des Vereins Ettaler Missbrauchsopfer, Robert Köhler. Mit einem Gutachten sei Aufarbeitung nicht getan. „Die Betroffenen werden Sie nie los“, sagte er in Richtung Ackermann und schlug abseits aller Gutachten eine kirchliche Erinnerungskultur vor. Betroffene sollten sich am Ort der Tat angenommen fühlen können.

Reformappelle. Weitere zentrale Themen des Treffens waren neben dem Krieg in der Ukraine die sozialen Folgen der Pandemie, Glaubensfragen, gerechteres Wirtschaften und innerkirchliche Reformen in der katholischen Kirche. Der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, verteidigte den „Synodalen Weg“ gegen Kritik. Es gehe um ein Angebot an die Menschen, „das Angebot, Gott bekannt zu machen“, erläuterte der Geistliche. Derzeit müsse er jedoch mit Blick auf die Kirche feststellen: „Wir sind blockiert, dieses Angebot zu machen.“ Er appellierte an die Katholiken: „Erinnern Sie Ihre eigenen Bischöfe an das, was beschlossen wurde auf dem Synodalen Weg.“ Die Kritiker des Reformdialogs seien „hervorragend vernetzt und sehr lautstark“. Sie erweckten selbst in Rom den Eindruck, dass es große Widerstände gegen das Projekt gebe.

Der Münchner Kardinal und katholische Medienbischof Reinhard Marx warb für eine lebendigere Sprache in der Kirche. Sie müsse deutlich und bildhaft sein, ohne banal oder anbiedernd zu werden. Zugleich kritisierte er eine oft „verschwurbelte“ und leblose Kirchensprache, auch in Dokumenten des Vatikan.

Der gastgebende Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst hielt es für realistisch, dass die katholische Kirche in absehbarer Zeit Frauen zu Diakoninnen weihen könnte. „Ich setze mich seit Jahren dafür ein und hoffe bei unseren Beratungen im Herbst auf eine Mehrheit dafür unter den deutschen Bischöfen“, sagte er. Aus Rom habe er erfahren, dass diese Frage offen und keinesfalls chancenlos sei.

Die Ordensfrau Philippa Rath forderte einen stärkeren Einsatz für gleiche Rechte von Frauen und nicht-heterosexueller Menschen in der Kirche. „Der Druck der Basis auf die Bischöfe darf nicht nachlassen“, betonte Rath. Viele Themen wie die Frauenfrage oder Rechte von „queeren“ Menschen würden nur auf Druck der Basis diskutiert. Die Benediktinerin fügte hinzu, ein Bischof habe ihr neulich gesagt, er wünschte sich weniger Druck: „Da musste ich sagen, ich bin genau der gegenteiligen Meinung – wir brauchen viel mehr Druck.“

Botschaften. Mit Rufen nach Reformen endete schließlich am Sonntag der Deutsche Katholikentag. Dabei ging es nicht nur um eine Erneuerung der Kirche in der Krise. Auch die Form des Treffens selbst steht auf dem Prüfstand. Mit rund 27.000 war die Zahl der Teilnehmenden deutlich geringer als früher. 2018 in Münster etwa waren es über 70.000.

Im Schlussgottesdienst auf dem Schlossplatz mit rund 6.000 Mitfeiernden nannte Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des veranstaltenden Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), drei Botschaften, die von Stuttgart ausgehen sollten. Neben der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine forderte sie mehr Einsatz für Entwicklung, weltweiten Klimaschutz und die Bewältigung der Corona-Folgen. Zweitens brauche die Gesellschaft im Inneren „neues Engagement für Demokratie und Gemeinsinn“ und müsse Verschwörungsmythen und Rechtsextremismus entschiedener bekämpfen. Stetter-Karps dritte Botschaft ging an die Kirche: „Verändere dich und werde wesentlich!“ Zu lange habe man Reformen verweigert, etwa durch massiven Machtmissbrauch: „Das muss aufhören!“ Das Reformprojekt „Synodaler Weg“ müsse spürbare Veränderungen bringen.

Gastgeberstadt des nächsten Katholikentags 2024 ist Erfurt. «